"Fit für die Digitalisierung"

Interview

Anton s. Huber – Der CEO der Siemens-Division Digital Factory will mit seinem Team Anwendern den Weg in die Industrie 4.0 ebnen.

20. April 2016

Herr Huber, Sie propagieren das Thema Digitalisierung als wichtig für die Industrie der Zukunft. Warum? Und was kann Siemens dazu heute schon bieten?

Unseren Lösungsansatz bezeichnen wir als Digital Enterprise. Der Weg zum Digital Enterprise umfasst vier Kernelemente: Die Digital Enterprise Software Suite, industrielle Kommunikation, industrielle Sicherheit sowie industrielle Services. Mit diesem Portfolio können produzierende Unternehmen schon heute in zukunftsfähige Automatisierungslösungen zur schrittweisen Realisierung von Industrie-4.0-Lösungen investieren. Durch die Digitalisierung haben sie die Möglichkeit, ihre Wertschöpfungsprozesse enorm zu beschleunigen und damit ihre Produkte schneller und effizienter zu entwickeln, zu produzieren und auf den Markt zu bringen. Zudem baut Siemens sein Angebot kontinuierlich aus, etwa durch Erweiterungen bei der Digital Enterprise Software Suite, die auf Teamcenter als Kollaborationsplattform basiert und ein umfassendes Portfolio an durchgängigen Software Tools umfasst. Diese wird zukünftig in zunehmendem Maße alle wichtigen Bereiche eines Unternehmens nahtlos verbinden. Ziel von allen Anstrengungen ist, die Kunden und uns fit für die Digitalisierung zu machen.

Welche Herausforderungen sehen Sie angesichts der weitreichenden Veränderungen im Zeichen von Industrie 4.0?

Damit unsere Kunden und wir erfolgreich sein können, sehe ich vier wesentliche Eckpfeiler, um flexiblere und schnellere Wertschöpfungsprozesse zu gestalten: Flexibilität, Qualität, Time-to-Market und Effizienz. Was alle vorrangig antreibt, ist die Geschwindigkeit. Wir müssen alle schneller werden, allerdings auch dringend darauf achten, dass die Qualität gleichbleibend hoch ist. Aufgrund der hohen Anforderungen der Kunden ist das nicht immer einfach. Große Marktanteile lassen sich heute in vielen Fällen nur noch durch große Flexibilität bei Produkten und Produktion erreichen. Es geht zunehmend darum, für jede Nische ein Produkt im Portfolio vorzuhalten oder viele Versionen und Varianten eines Produkts in kurzer Zeit fertigen und liefern zu können. Das bedeutet, die individualisierte Massenfertigung voranzutreiben. Auch die Qualität spielt eine entscheidende Rolle.

Das ist nicht nur in unseren reifen Märkten der Fall. Auch in den Emerging Markets wie China wird mittlerweile versucht, westliche Qualitätsstandards zu erreichen, damit zukünftig auch Hightech-Produkte gefertigt und exportiert werden können. Um diesen zu erreichen, müssen die Hersteller entsprechend in Automatisierung investieren. Ein anderer Faktor ist die Time-to-Market. Hier betrachten wir etwa Simulationsanwendungen als eines unserer wichtigsten Geschäftsfelder, weil sie unter anderem die Time-to-Market deutlich verkürzen. Der Kunde muss keine Werkzeuge und Prototypen mehr bauen, um ein Produkt zu entwickeln und zu optimieren. Unterm Strich benötigen unsere Kunden durchgängige Software-Tools und -Systeme, industrietaugliche Kommunikations- und Sicherheitslösungen sowie datenbasierte Services. Ein ernst zu nehmendes Feld ist ferner der effiziente Umgang mit Energie und Ressourcen insgesamt. Das ist inzwischen ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.

Wie würden Sie die Position von Siemens mit Blick auf die Anforderungen der Kunden beschreiben?

Wir haben einen Kundenkreis, der von uns erwartet, dass wir über viele Jahre alle unsere einmal gelieferten Produkte im Bestand halten. Auf der anderen Seite verändert sich die Technologie sehr, sehr schnell. Zugleich vergehen oft viele Jahre, bis Produkte entstehen und in ausreichenden Stückzahlen verkauft werden. Ein Unternehmen wie Siemens muss also einen langen Atem haben. In Summe sind wir in einem konservativen Markt aktiv, dessen Geschwindigkeit im Gegensatz zum Consumer-Markt eher gering ist. Wir verkaufen auch niemandem eine schnelle Fabrik, wir bieten Automatisierungstechnologie und Industriesoftware an. Unsere Kunden wollen ihre hoch wettbewerbsrelevanten Prozesse mit unserer Technologie beschleunigen. Sie definieren ihre Anforderungen und fragen uns nach Unterstützung.

 

Wird sich auch das Engineering wandeln müssen?

Das Engineering wird eine tiefe Veränderung erfahren. In Summe wird in absehbarer Zukunft der gesamte Wertschöpfungsprozess einer Produktentstehung nahtlos Software-unterstützt sein und alle relevanten Daten als sogenannte shared data allen Softwaretools zur Verfügung stehen. Seit 2011 arbeiten bei uns zirka 350 Ingenieure daran, die erforderlichen architektonischen Voraussetzungen für eine solche durchgängige Toollandschaft zu schaffen. Einen ersten Ausblick auf eine solche Shared-Data-Model-Toolkette werden wir in Hannover geben.

Wie ist ihre Position zum Umgang mit Daten?

Unsere Sicht der Dinge im B2B-Umfeld ist, die Daten gehören dem, der sie erzeugt. Wenn ein Kunde eine Maschine kauft, dann gehören ihm auch die Daten, die sich aus dem Betrieb der Maschine ergeben – außer es gibt eine vertragliche Vereinbarung mit dem Kunden, dass bei bestimmten oder auch allen Daten anders verfahren wird. Mit der steigenden Menge an Daten erwarten wir, dass die Verarbeitung immer mehr über Cloud-basierte Lösungen erfolgen wird. Darum haben wir mit MindSphere jetzt eine eigene Siemens-Cloud-Lösung entwickelt. Diese Plattform betreiben wir für uns selbst und bieten diese auch unseren Kunden an. Die Daten in der Cloud bleiben selbstverständlich vertraulich.

Wir wollen zu keiner Zeit – außer es gibt konkrete anderslautende vertragliche Vereinbarungen – auf die Daten unserer Kunden zugreifen. Der Ansatz von B2C-Internetfirmen, Daten ihrer Nutzer unentgeltlich für eigene Geschäftszwecke zu verwenden, lässt sich aus unserer Sichte nicht auf den B2B-Bereich übertragen. Unternehmensdaten und die daraus zu gewinnenden Informationen können zum Teil erhebliche Unternehmenswerte darstellen und müssen, wie andere Unternehmensassets auch, unter treuhänderischen Gesichtspunkten verwaltet werden.

Wie werden die Daten gehandhabt?

Für die Verbindung von Geräten, IT und Cloud sorgt ein neues Gateway: Die Simatic Connector-Box IOT2000 ist für industrielle IT-Lösungen zur Sammlung, Verarbeitung und Übermittlung von Daten direkt im Fertigungsumfeld angelegt. Das Gateway kann auch in bestehenden Anlagen nachgerüstet werden – und dort die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Datenquellen harmonisieren, Daten analysieren und zur Auswertung weiterleiten. Es basiert hardwareseitig auf robuster, zuverlässiger und langlebiger Industrietechnologie. Ein typisches Anwendungsszenario ist die präventive Wartung von Maschinen, um kostspielige Stillstandzeiten von Produktionsanlagen zu minimieren. Dazu sollen relevante Indikatoren ausgewertet und sich anbahnende Verschleißerscheinungen frühzeitig erkannt werden.

Haben all diese Maßnahmen am Ende eine bessere Wertschöpfung zum Ziel?

Ja, denn produzierende Unternehmen müssen flexiblere und schnellere Prozesse gestalten und damit gezielter auf individuelle Wünsche der Kunden eingehen sowie deutlich schneller auf neue Marktanforderungen reagieren. Allein mit der Verbesserung der Produktion ist es aber nicht getan. Man muss sich den gesamten Wertschöpfungsprozess anschauen. Und hier herrscht bei vielen unserer Kunden derzeit eine große Dynamik. Wir beschäftigen uns sehr intensiv damit, dafür passende Produkte und Lösungen zu entwickeln. Wir wollen sicherstellen, dass der Kunde hinterher eine durchgängige Softwarewelt hat. Der wesentliche Vorteil des IT-Einsatzes ist es, immer aktuelle Daten zur Verfügung zu haben. Dabei kann nur ein ganzheitlicher Ansatz, der alle Prozesse in der gesamten Wertschöpfungskette abbildet und verbessert, das gesamte Potenzial heben. In diese Strategie und Vision investieren wir schon seit einigen Jahren.

 

Wie wollen Sie Ihren Platz im Softwaresegment besetzen?

Siemens baut sein Software Portfolio durch Zukäufe systematisch aus und hat seit 2001 insgesamt 18 Akquisitionen getätigt. Ausnahmslos alle unsere Zukäufe waren erfolgreiche Akquisitionen. So konnten wir uns zu einem führenden Unternehmen für Industriesoftware entwickeln. Eine solche Vorgehensweise, den Geschäftsaufbau verstärkt durch Akquisitionen zu unterstützen, ist bedingt durch die hohe Innovationsgeschwindigkeit in der Software notwendig und in dieser Branche absolut üblich. Ein weiterer wichtiger Schritt zur Angebotserweiterung für unsere Digital Enterprise Software Suite ist die vor Kurzem angekündigte Übernahme des US-Unternehmens CD-adapco. Mit dem führenden Softwarewerkzeug zur Strömungssimulation und der Integration von weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet erweitern wir unsere Kompetenz auf dem extrem wichtigen Gebiet der modellbasierten Produktentwicklung.

Erfordert die neue Situation auch neue Geschäftsmodelle?

Sicherlich müssen alle Industrie-Unternehmen ständig ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellen und über die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle nachdenken. Hier beratend tätig zu werden, sehen wir jedoch nicht als unsere Aufgabe.

Auf unserer Seite arbeiten wir allerdings schon an neuen Geschäftsmodellen und bieten beispielsweise Kunden an, Software nicht mehr zu kaufen. Leasing-Modelle bei Software – wie in USA heute üblich – stoßen aber vor allem beim deutschen Mittelstand derzeit noch auf große Skepsis. Wir lassen unseren Kunden aber immer die Wahl und wollen niemandem etwas aufzwingen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Integration von Motion Control. Wie äußert sich das?

Hier stellen wir ein neues, abgestimmtes Paket aus Simatic Advanced Controller und Sinamics Servoantriebssystem vor. Der neue Controller Simatic S7-1500 T-CPU übernimmt den Steuerungspart und das neue Servoantriebssystem Sinamics V90 mit Profinet bringt den nötigen Speed und die Präzision in die Maschine.

Mit dem neuen Paket können nun Simatic-Anwender im gewohnten Umfeld erweiterte Motion-Control-Aufgaben lösen, etwa Getriebe- oder Kurvenscheibengleichlauf. Der integrierte Kurvenscheibeneditor vereinfacht die Projektierung und Optimierung von variablen, positionsabhängigen Übersetzungsverhältnissen zwischen Leit- und Folgeachsen.

In unterschiedlichsten Applikationen lassen sich vielfältige Motion-Control-Aufgaben mit Fokus auf dynamisches Bewegen und Verarbeiten umsetzen. Beispielsweise Positionieren, Fördern und Wickeln. Das System ist gut skalierbar und bietet Motion-Funktionen für sehr große Maschinen genauso wie für kleine Anwendungen.z

Hannover Messe: Halle 9, Stand D35

Vita Anton S. Huber

- 1979: Eintritt in die Siemens AG als Entwicklungsingenieur, Bereich Bauelemente.

- 1986: Leiter Automobilsysteme.

- 1992: Präsident und CEO, Siemens Automotive L.P., Auburn Hills, USA.

- 1996: Geschäftsgebietsleiter Prozessautomatisierung und -instrumente.

- 1998: Leiter des Integrationsteams Westinghouse.

- 1999: Mitglied des Bereichsvorstands Automation and Drives

- 2008: CEO der Division Industry Automation

- Seit Oktober 2014: CEO Division Digital Factory

Erschienen in Ausgabe: 03/2016