Fluidtechnik BOOMT

Hannover Messe - Die Weltkonjunktur befindet sich auf hohem Niveau. In dieser Situation kommt die internationale Leitmesse ›Motion, Drive & Automation‹ (MDA) für Hersteller und Anwender gerade recht, um für ausländische Investoren frühzeitig am Start zu sein. Welche Dynamik steckt nun in dieser Zulieferbranche?

29. März 2005

Nach drei schwierigen Jahren geht es in der Fluidtechnik wieder bergauf. Diese Zulieferbranche wächst zwar seit jeher stärker als der normale Maschinenbau, doch jetzt geht es steil nach oben. Für 2004 rechnet der Verband Deutscher Maschinenund Anlagenbau (VDMA) mit einem Umsatz von 14,6 Mrd. Euro Umsatz für die Branchen Fluid- und Antriebstechnik. Das entspricht einem Wachstum von etwa 10 Prozent. Auf dem hohen Niveau ist für das Jahr 2005 ein weiterer Anstieg absehbar, denn die Auftragseingänge

zeigen sich entsprechend hoch. Vor diesem Hintergrund sieht die Industrie der weltweiten Nachfrage mit Optimismus entgegen. Günter Schrank, Geschäftsführer bei Parker Hannifin in Kaarst, bestätigt: »Derzeit passen überraschend viele Konjunkturentwicklungen zueinander.« Einer dieser Punkte ist die internationale THEMEN | fluidtechnik Leitmesse ›Motion, Drive & Automation‹ im Rahmen der Hannover Messe (11. bis 15. April 2005). Diese fi ndet just dann statt, um rechtzeitig an die Boomjahre 2004 und 2005 anzuknüpfen. Das sehen auch die Fluidtechnikhersteller so und konzentrieren sich eifrig darauf. Franz Hajek, Prokurist und Vertriebsleiter Deutschland bei Parker Hannifin, kommentiert: »Für Unternehmen, die etwas zu bieten haben, gibt es keinen wichtigeren Termin in diesem Jahr.«

Entscheidend ist, alle Märkte und Anwenderbranchen sorgfältig zu bedienen. So wurde in Kaarst in einen knapp 7 Mio. Euro teuren Neubau investiert, der als Vertriebszentrale mehrere Divisionen vereint und damit den Kunden die notwendige Geschlossenheit vermittelt. »Dieses einheitliche Auftreten war nicht immer gegeben, was in der Vergangenheit hin und wieder für Verwirrung bei Kunden geführt hat«, erklärt Günter Schrank. Diese Ära will der Multi hinter sich lassen. Dies wird auch an der Produktstrategie ersichtlich. Zur MDA 2005 zeigt das Unternehmen, das durch den Kauf von ITR zum weltweit bedeutendsten Lieferanten von Schlauchleitungen geworden ist, sämtliche Armaturen in Cr6-freier Ausführung.

Beschichtung mit angenehmem Effekt

Obwohl die EU erst ab 2007 per Gesetz fordert, daß in Fahrzeugen keine Schwermetalle mehr enthalten sein dürfen, geht Parker Hannifin als erster Hersteller damit schon jetzt in die Breite. Interessant für Konstrukteure sind die angenehmen ›Nebenwirkungen‹ dieser neuen Beschichtung. Solche Oberflächen zeigen sich bis zu 10-fach resistenter im Salzsprühtest und erlauben merklich höhere Drücke. Aus diesem Grund entstehen Situationen, in denen sich Konstrukteure für die leichte Reihe einer Verschraubung entscheiden können, statt die schwere einsetzen zu müssen. Dieser Vorteil wirkt sich positiv in der gesamten Preiskalkulation aus. Franz Hajek: »Bessere Technik ist das eine,

schnelle Lieferfähigkeit das andere.« Innerhalb der vergangenen zwei Jahre entstanden in Bielefeld und Corsico in der Nähe von Mailand zwei Logistikzentren, die ganz Europa

bedienen. Dazu muß man wissen, daß Parker grundsätzlich stärker auf Lieferperformance ausgerichtet ist als auf Technologie. Günter Schrank bringt es auf den Punkt: »Was nützt es, Produkte direkt aus dem Testlabor in die Praxis zu bringen, wenn für die Maschinenhersteller damit kein Mehrwert verbunden ist?« Die neue Zielsetzung des Konzerns, nämlich einheitliches Auftreten, zeigt sich auch in der neuen ISO-Pneumatikzylinderreihe, die brandneu zur MDA gezeigt wird. Gerade in der Pneumatik hat das Unternehmen Jahre der Konsolidierung hinter sich. Alle bisherigen Zylinderarten, die sich im Detail immer wieder unterschieden, gehen nun in der globalen ISO-Reihe ›P1D‹ auf.

Jeder Zylinder in 48 Stunden

Durch Standardisierung sämtlicher Einzelteile entstand ein Baukasten, mit dem jede Art von Zylinder für unterschiedlichste Branchen sehr schnell konfi guriert werden kann. »Das versetzt uns in die Lage, innerhalb von nur 48 Stunden jeden beliebigen Pneumatikzylinder zu liefern«, ergänzt Franz Hajek. Gleiches gilt für das Filterprogramm, das komplett neu aufgebaut wurde und erstmals in Hannover vorgestellt wird. Für Maschinenhersteller bietet diese ›Filter-Expreß-Reihe‹ die Möglichkeit, für Niederdruck, Mitteldruck oder Hochdruck in kürzester Zeit passende Lösungen zu konfi gurieren. Dazu muß man wissen: Gerade in der Stationärhydraulik bildet immer wieder ein zu spät bestellter Filter eine unerwünschte Zeitverzögerung. »Auch hier vergehen künftig nur 48 Stunden zwischen Bestellung und Anlieferung«, erklärt Günter Schrank.

Nachdem vor zwei Jahren erstmals das digitale Hydraulik-Proportionalventil vorgestellt wurde, gibt es nun zum NG6 auch die Nennweite 10. In Kombination mit der hochdynamischen Axialkolbenpumpe PVplus entsteht eine Regeleinheit, die künftig beim Wachstumsmarkt Spritzgießmaschinen für deutlich mehr Wettbewerb sorgen wird. Mit

einer Mitteldruckvariante der besonders geräuscharmen PVplus will das Unternehmen zusätzliche Marktanteile gewinnen. Denn bisher war auch ein Manko, daß die Pumpe Schluckvolumina, von 45 ccm ausgehend, bis 270 ccm bot. Die neue PVM beginnt nun ab 8 bis 45 ccm und öff net sich damit als Alternative für eine Reihe von Anwendungen. Durch den hohen Anteil an Standardbauteilen lassen sich spezifi sche Wünsche sogar innerhalb von zwei Tagen realisieren. »Wir investieren in keine andere Messe so viel wie in die MDA«, betont Günter Schrank. Damit bringt er zum Ausdruck, welchen Stellenwert diese Veranstaltung auf der internationalen Bühne besitzt. Das gilt 2005 um so mehr als viele Märkte derzeit hohes Interesse an hochwertigen Komponenten und Systemen zeigen.

Das Phänomen China wird wohl bis 2008 seine positiven Auswirkungen auf die Weltkonjunktur ausüben. Denn im Zuge der dort stattfindenden Olympischen Spiele laufen viele Großprojekte. Damit eng verbunden ist der Absatz mobiler Arbeitsmaschinen. »Die Wachstumsraten sind zweistellig und nachhaltig. Wir haben nicht den Eindruck, daß das Jahr 2005 an Dynamik verlieren wird«, erläutert Franz Hajek. Aber auch Inlandsinvestitionen sind spürbar, die aus dem Stau der vergangenen Jahre resultieren. Günter Schrank macht deutlich: »Die USA waren für uns der bedeutendste Markt, sind aber dieses Mal gleichauf mit Europa. « Diese Aussage stimmt optimistisch, daß Europa langfristig tatsächlich der derzeit angestrebte große Wirtschaftsraum wird. Die neu zur EU gekommenen osteuropäischen Länder werden ihres dazu tun, um diesen Kurs fortzusetzen. Im Grunde genommen ist das Feld für nachhaltiges Wachstum vorhanden. Wichtig ist, die Trends der Zeit zu erkennen und zielgerichtet umzusetzen. Ein solcher Trend, der in der Fluid- und Antriebstechnik gerade außerhalb Deutschlands bereits intensiv gelebt wird, heißt ›Condition Monitoring Systems‹ (CMS). Deshalb organisiert der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. zusammen mit der Deutschen Messe AG hierzu eine Sonderveranstaltung im Bereich der MDA.

»Daran beteiligen wir uns ebenfalls«, kommentiert Franz Hajek. Denn für Parker Hannifin, den weltweit größten Fluidtechnikkonzern mit einem Jahresumsatz von rund 7 Mrd. Dollar, gibt es neben der eigentlichen Produktentwicklung zwei weitere Kernthemen: Ferndiagnose und Ölqualität. Beide gelten als tragende Säulen der CMS-Branche.

Deshalb investiert der Branchenriese auch intensiv in die Entwicklung neuer Meßsysteme. Parallel dazu wird auf der MDA ein neues Servicekonzept zur Ölqualitätsprüfung vorgestellt. Dieses ›Fluid-Management‹ gibt es im Rahmen von Serviceverträgen. Dabei kümmern sich Parker-Partnerunternehmen vor Ort um den Zustand von Hydraulikflüssigkeiten. Hierzu sind eigene ›Notfall-Fahrzeuge‹ ausgerüstet worden, die rundum Unterstützung bieten.

Parker Hannifin hat eines gemacht: Vor Jahren die Hausaufgaben definiert und bis heute einen Großteil davon erledigt. In Deutschland gibt es zum Beispiel 40 Parker-Stores, die mittelfristig auf 120 erweitert werden sollen. Weltweit sind es bereits 2.000. Das zeigt, wie Global Player aufgestellt sein müssen, um auf lange Sicht Erfolg zu haben. Oder wie Franz Hajek die Dinge sieht: »Wir wollen in der Welt nicht als irgendein Parker gesehen werden, sondern als ›der‹ Parker.«

Eugen Mühlberger

Erschienen in Ausgabe: 02/2005