Freie Leitungen braucht das Land!

Meinung Energieübertragung

Stromtrassen – 3.600 Kilometer neue Hochspannungsleitungen fehlen in Deutschland. Wir brauchen sie schnell, aber die Regierung weiß nicht weiter. Ist es wegen des Bruttosozialproduktes?

27. August 2012

Mein Schwager hat viele Jahre bei der UNO gearbeitet und mir, basierend auf seinen Beobachtungen in den USA, den Unterschied des Bruttoinlandsproduktes der USA und Deutschlands mal ganz einfach erklärt: In Deutschland sind die Häuser per Erdkabel ans Stromnetz angeschlossen, in den USA funktioniert das mit Freileitungen. Nach einem Tornado werden in den USA fleißig die Freileitungen repariert. Das steigert das Bruttosozialprodukt. In Deutschland liegen die Leitungen in der Erde – und sind somit kein Faktor für das Bruttosozialprodukt mehr. Damit tauchen leider Wertschöpfung und die bedeutenden Vorteile der unterirdischen Verlegung nicht vielseitig interpretierbar in den Wirtschaftsstatistiken auf. Mein Schwager meinte in diesem Zusammenhang sarkastisch, dass wir da wohl etwas falsch machen.

Aber kommen wir jetzt zu den Hochspannungsleitungen mit 380 Kilovolt. Bis 2020 sind in Deutschland 3.600 Kilometer an neuen Hochspannungsleitungen notwendig, um die zunehmende Einspeisung der erneuerbaren Energien ins Netz sowie die Liberalisierung des Strommarktes zu bewältigen. Bei den Kosten für den Ausbau gehen die Meinungen etwas auseinander: Während die zweite Netzstudie der Deutschen Energieagentur (Dena) zu dem Ergebnis von sechs Milliarden Euro kommt, belaufen sich andere Schätzungen auf 3,6 Milliarden Euro – und schon sind wir beim Zahlensalat, aber gehen wir mal von einem gesunden Mittelwert von fünf Milliarden aus. Unser Hochspannungsnetz erstreckt sich summa summarum über 36.000 Kilometer. Also erweitert der Ausbau den Bestand gerade mal um 10 Prozent. Dennoch streiten wir uns tüchtig darum, wem wir die neuen Freileitungstrassen vor die Nase bauen. Damit sich die Bürger nicht wehren können, fordert Herr Rösler ein Ausbaubeschleunigungsgesetz, das man natürlich auch Bürgerentmündigungsgesetz nennen könnte.

Aber halten sie mich jetzt bitte nicht für einen Zukunftsverweigerer. Das Gegenteil ist der Fall. Ich frage mich nur, warum wir die ganzen Trassen nicht einfach unter der Erde verlegen. Und anschließend auch die bestehenden Leitungen sukzessive im Untergrund vergraben. Wie das gehen soll, fragen Sie? Rechnen wir doch einmal nach: Die Investitionskosten für Erdkabel sind ungefähr viermal so hoch wie bei den Freileitungen. Berücksichtigt man aber neben Herstellungs- und Tiefbaukosten auch Faktoren wie Wartungskosten, Stromverluste und Ausfallkosten, ist die Verkabelung im Höchstspannungsbereich aufgrund der deutlich verringerten Störanfälligkeit nur noch rund zweimal so teuer. Damit würde der Ausbau zehn Milliarden Euro kosten. Macht zur überirdischen Lösung einen Unterschied von 62,5 Euro pro Kopf der Bevölkerung.

Dafür gibt es keine ewigen Auseinandersetzungen mit Bürgerinitiativen, keine Klagen bis zum Bundesverwaltungsgericht, wir könnten sofort anfangen und wären damit schnell fertig. Der Gesamtumbau des bestehenden Netzes würde nach dieser Rechnung ungefähr 100 Milliarden Euro kosten, das bedeutet 1.250 Euro pro Kopf der Bevölkerung. Dafür bekommen wir »blühende Landschaften« – ein riesiges Konjunkturprogramm und einen großen Technologieschub. Und wenn wir damit fertig sind, sinkt eben wieder unser Bruttosozialprodukt. Weil man nicht mehr ständig an den Trassen rumbasteln muss.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 06/2012