Frischer Fokus

Antriebstechnik

Antriebs- und Hebetechnik – Auch unter dem Dach eines amerikanischen Konzerns hat die ehemalige Pfaff-silberblau Markt und Kunden fest im Blick. Der Schwerpunkt liegt jetzt verstärkt auf Komponenten und Systemlösungen für Anwendungen in sehr vielen Branchen.

27. August 2012

Wenn ein Familienunternehmen in einem Konzern aufgeht, stimmt das manchen sicher traurig. Auch Pfaff-silberblau aus Kissing ist diesen Weg gegangen. Von Trauer ist dort allerdings keine Spur. »Wir haben seit Oktober 2008 einen strategischen Investor«, sagt Geschäftsführer Ronald Bartel, »das sehen wir aber nicht negativ, im Gegenteil, durch die neue Konstellation kann sich das Unternehmen auf seine Stärken fokussieren, nämlich innovative, leistungsstarke Komponenten und Systemlösungen für die Antriebs- und Hebetechnik – und das mit zuverlässiger Qualität und einem hohen Sicherheitsstandard. In der Zeit vor der Übernahme war das Produktportfolio von Pfaff-silberblau einfach zu breit geworden.«

Pfaff-silberblau heißt jetzt Columbus McKinnon Engineered Products (CMCO). Der Traditionsname sei zwar gefallen, so Bartel, aber unter dem Dach der größeren Gesellschaft profitiere das Unternehmen von dessen internationalem Kompetenz- und Vertriebsnetzwerk. »Pfaff-silberblau-Produkte ›Made in Germany‹ haben zudem in den USA einen hohen Stellenwert.«

Wichtig ist für den Geschäftsführer, auch in der neuen Struktur flexibel zu sein: »Darum haben wir uns weitgehende Eigenständigkeit und den Charakter eines Familienunternehmens bewahrt, so können wir weiterhin agil und beweglich agieren.« Zu dieser Strategie gehört auch maximale Kundennähe: »Wir kommunizieren viel und wissen, was die Kunden wollen. Wir pflegen nachhaltige Kundenbeziehungen und achten auf eine hohe Lieferantentreue. Dank des großen Applikations-Know-hows und innovativer Neuentwicklungen können wir stets die bestmögliche Lösung finden. Verbesserungen fließen dabei auch in andere Anwendungen und Produkte ein.«

Produkte als Beweis

CMCO vertreibt weltweit Spindelhubelemente, Linearantriebe, Seilwinden und Hubtische für Automatisierung, Industriemontage, Medizintechnik, Schwerindustrie, Energieerzeugung oder Theatertechnik.

Was die einzelnen Produkte und Lösungen zu leisten vermögen, zeigt sich immer am besten an konkreten Anwendungen. Sehr spektakulär ist zum Beispiel der Einsatz von Schwerlast-Spindelhubelementen SHE 100.1 in der Schleuse am »Eisernen Tor« in Rumänien, einem sehr imposanten Taldurchbruch der Donau. Für die Wartung heben sie das rund 200 Tonnen schwere Schleusentor um 700 Millimeter an. Durch den geringen Verdrehwinkel in den Antriebs- und Verbindungswellen von nur 0,25 Grad pro Meter und der Untersetzung im Schneckengetriebe ergibt sich innerhalb des Systems ein Gleichlauf mit einer Abweichung von weniger als 0,1 Millimeter.

Für Ulrich Hintermeier, Leiter Technik und Vertrieb Antriebstechnik bei CMCO, ist diese Anwendung eine spannende Geschichte, handelt es sich doch um eine feinfühlige Spindel in rauer Umgebung. »Doch dank unserer hochwertigen mechanischen Komponenten inklusive Steuerungskonzept konnten wir alle Anforderungen erfüllen.«

Schwer im Einsatz

Auch in der Schwerindustrie leisten die Spindelhubelemente ganze Arbeit. CMCO liefert zum Beispiel eine spezielle Lösung zur Verstellung der Gießwanne einer Anlage bei ThyssenKrupp auf Basis der Baureihe SHE 150. Ulrich Hintermeier: »Die Anlage läuft im Dreischichtbetreib 24 Stunden am Tag. Darum müssen unsere Antriebe auch unter den harten Bedingungen extrem hoch verfügbar sein.

In der Durchlaufverzinkung justieren Spindelhubelemente der Serie SHE 200 ein 500 Tonnen schweres Zinkbad mit einer Geschwindigkeit von 200 Millimetern pro Minute. Ulrich Hintermeier: »In dieser Lösung steckt ein riesiger mechatronischer Anteil, der Aufwand für die Prozessüberwachung ist groß, es sind viele Sensoren integriert.«

Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung von Winden im CMCO-Sortiment. Ein neues Betätigungsfeld sind Biogasanlagen. »Der Bereich Regenerative Energien ist sehr wichtig für uns, hier versprechen wir uns ein hohes Potenzial für neue Anwendungen«, berichtet Ulrich Hintermeier.

Oft dürfen in Biogasanlagen keine Funken entstehen. Dafür gibt es die Handseilwinde Omega Atex. Sie hebt Lasten von bis zu einer Tonne über eine Länge von 17 Metern. Das Getriebegehäuse, in dem sich auch die im Ölbad laufende Bremse befindet, ist zur Übersetzung vollständig gekapselt. Ulrich Hintermeier: »Für das Atex-konforme Gehäuse verwenden wir Aluminium mit einem geringen Magnesiumanteil.«

Neu gestaltete Zahnstangenwandwinden mit einer speziellen Oberflächenbeschichtung sind ausreichend korrosionsbeständig und erfüllen die hohen Anforderungen der Anlagenbetreiber, ohne auf Leistung zu verzichten: Die Geräte bewältigen eine Zuglast von 250 Kilogramm und sind in den Hubhöhen 300 und 550 Millimeter verfügbar.

Mit dem neuen Linearaktor CMLA steht ein ganz neues Produkt in den Startlöchern. Ronald Bartel: »Wir haben diesen gemeinsam mit unserer Schwesterfirma Duff-Norton entwickelt. Durch sein sehr robustes Design sind die Anwendungen vielfältig, etwa in Landmaschinen oder im Maschinenbau.«

Es lebe das System

Mit der strategischen Übernahme stehen Systemlösungen stärker im Vordergrund. »Auf diesem Gebiet können wir unsere Kompetenz am besten zeigen«, sagt Andreas Maier, der den Bereich leitet. »Besondere Leistungen haben wir in der Verkehrstechnik vollbracht. Für den chinesischen Hochgeschwindigkeitszug CRH in Shanghai zum Beispiel bauten wir die längste Hubanlage der Welt. Auf 2 x 200 Metern lässt sich der komplette Zug anheben und das bei drei Millimetern Toleranz. So kann der Betreiber die Drehgestelle des Zuges tauschen sowie Wartung und Reparaturen vornehmen.«

Abseits vom Maschinenbau ist CMCO in der Bühnentechnik breit vertreten. »Wir waren schon in berühmten Schauspielhäusern in Mailand, Hamburg, Moskau, Rom und Tiflis tätig«, erzählt Maier. »In Tiflis haben wir zwei 8-Tonnen-Winden zur Verstellung eines Schallsegels installiert, mit dem der Tonmeister die Akustik der Konzerthalle individuell und gezielt verändern kann. Wir lassen Peter Pan oder Tarzan schweben, auch wenn sich Personen unter der bewegten Last befinden. Dafür haben wir zahlreiche Sicherheitsfunktionen integriert.«

Auf dem Systemgeschäft liegt laut Ronald Bartel auch der Fokus für die Zukunft: »Das stärkt den Standort und wir können uns gegen asiatische Wettbewerber behaupten.«

Auf einen Blick

CMCO

-Columbus McKinnon Engineered Products (CMCO), Kissing und Heilbronn.

-Marken: Pfaff-silberblau, Alltec Antriebstechnik. zKomponenten und Systemlösungen für Antriebs-und Hebetechnik: Spindelhubelemente, Linear-antriebe, Hubtische, Seilwinden.

-250 Mitarbeiter, 55 Millionen Euro Umsatz.

-Mutter: Columbus McKinnon Corporation, Amherst/USA, 2.600 Mitarbeiter weltweit. 18 Fertigungsstandorte in sieben Ländern sowie 52 Vertriebsniederlassungen.

Erschienen in Ausgabe: 06/2012