Interview

„Gemeinsam zur optimalen Lösung“

Eichenberger

Als geschätzter Spezialist für Gewindetriebe mit gerollten Spindeln ist Eichenberger seit 2016 Mitglied des Festo-Konzerns. Ein Gespräch mit dem langjährigen Geschäftsführer Kurt Husistein und Nachfolger Hansruedi Hager über eine Traumhochzeit, Kaffeemaschinen und Kugelgewindetriebe.

12. Juni 2018

Husistein: Ganz genau sogar. Das war 1967, ich war 15 Jahre alt und wurde an eine Handsäge gestellt. Der Vorarbeiter hat mir nur gesagt: Da hast du ein Teil, Schraubstock öffnen, Teil an den Anschlag, Schraubstock schließen, sägen! Das war’s, er hat mir nicht einmal ein Stück vorgesägt. Nach einer halben Stunde war er wieder da und meinte: Hast du noch nicht mehr gemacht? Ich wurde also richtig ins kalte Wasser geworfen.

Hager: Mein erster Eindruck war, dass es ein sehr professionelles Unternehmen ist, dass die Mitarbeiter hoch motiviert, sehr freundlich und offen für Neues sind. Ich war auch ein wenig aufgeregt – aber aus Vorfreude auf die neue Aufgabe.

Die Übernahme von Eichenberger durch Festo ist jetzt zwei Jahre her, Zeit für eine Bilanz?

Husistein: Wir haben damals kommuniziert, dass es eine Traumhochzeit ist und das kann ich heute nur bestätigen. Ich kann mich zu 100 Prozent weiter mit der Firma identifizieren, und das hat damit zu tun, dass Festo auch ein Familienunternehmen ist. Ich kenne die Besitzer seit mehr als 20 Jahren. Es war absolut die richtige Entscheidung.

Woran lässt sich das festmachen?

Husistein: Daran, dass vieles so läuft, wie wir das angedacht haben. Wir haben gemeinsame Ziele, aber mit Festo im Rücken haben wir neue Spielräume.

Hager: Ich gebe dazu meine volle Zustimmung. Es ist eine herausfordernde, aber auch sehr spannende Aufgabe. Die Integration verläuft so, wie wir uns das zu Beginn vorgestellt haben, nämlich sehr dosiert.

Aber es treffen hier doch zwei unterschiedliche Unternehmensgrößen und auch Kulturen aufeinander?

Hager: Es gibt einen »Katalysator« dazwischen, nämlich mich! Ich kann in beiden Richtungen Verständnis schaffen. Und was die Kulturen angeht: Der Schwabe ist dem Schweizer nicht so unähnlich. Es gibt aber schon Situationen, wo Eichenberger früher eher situativ-spontan entschieden hat und das heute vielleicht etwas anders abläuft.

Husistein: Die kulturellen Unterschiede sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Bei den Verhandlungen mit den neuen Eigentümern hab ich darauf gedrungen, dass wir einen Geschäftsführer bekommen, der Schweizerdeutsch spricht. Und dass Herr Hager schon 20 Jahre Erfahrung bei Festo hatte, war natürlich sehr hilfreich bei der Integration in die Gruppe.

Wie haben denn Ihre Kunden auf die Veränderung reagiert?

Hager: Herr Husistein und ich haben zusammen in den ersten Monaten alle großen Eichenberger-Kunden besucht und konnten dabei viele Unsicherheiten und Fragen zum Besitzerwechsel klären. Der Zusammenschluss ist durchwegs positiv aufgenommen worden.

Wie hat sich der Kugelgewindetrieb bis heute verändert?

Husistein: Als ich bei Eichenberger angefangen habe, wusste ich zwar, dass es in Werkzeugmaschinen so etwas gibt, aber ich hatte damals gar keinen Zugang zu Gewindetrieben. Wir haben in den 1970er-Jahren mit dem Gewinderollen begonnen, nachdem wir zuvor ganz klassisch als reiner Zulieferer Gewinde gedreht hatten. Die Kugelgewindetriebe sind bei uns erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre ins Gespräch gekommen.

Wie kam es zur Entscheidung, die Gewinde zu rollen?

Husistein: Da gibt es eine schöne Geschichte. An einer Messe drehten sich die Gespräche zwischen einem Kaffeemaschinenhersteller und uns um die Idee, den Pressstempel seiner Kaffeemaschine mit einer Spindel zu bewegen. Wir sollten ihm die passende Lösung liefern und waren sehr optimistisch im Hinblick auf die Spindel. Woher sollte aber die Mutter kommen? Verschiedene Erzeugnisse von anderen Herstellern scheiterten. Der Liefertermin bei dem Kaffeemaschinenhersteller kam näher. Irgendwann sagte der damalige Besitzer Max Eichenberger dann zu mir: Jetzt machst du die Mutter selbst! Nach mehreren Versuchen gelang es uns, die erste Spindel-Mutter-Einheit zu fertigen. Das war die Geburt des eigenen Kugelgewindetriebs.

Auf einen Blick: Das Unternehmen

Eichenberger ist Spezialist für hochpräzise, gerollte Gewindetriebe. Das Unternehmen hat seinen Sitz und den Produktionsstandort in Burg im Kanton Aargau, Schweiz. Das ursprüngliche Familienunternehmen wurde 1953 ge-gründet und beschäftigte Ende 2017 etwa 165 Mitarbeitende. 2016 kam Eichenberger zur Festo-Gruppe.

Aber warum gerollt, nicht geschliffen?

Husistein: Die Kaltumformung bringt viele Vorteile. Es ist ein kostengünstiges Verfahren, und wir hatten das Know-how. Mittlerweile dringen wir auch bei der Präzision in den Bereich geschliffener Spindeln vor.

Welche Daseinsberechtigung hat die Mechanik in der heutigen digitalen Welt?

Hager: Die Mechanik lebt, auch wenn man denkt, es sei alles schon erfunden. Es gibt noch sehr viele Ansatzpunkte: Die Kunden wollen mehr Geschwindigkeit, höhere Lasten, sie möchten kleiner bauende Kugelgewindetriebe – das sind meiner Ansicht nach die wichtigsten Treiber für die erfolgreiche Weiterentwicklung.

Reicht es in der heutigen Zeit noch aus, dem Kunden nur das reine Bauteil zu liefern?

Husistein: Wir wollen unseren Kunden natürlich über die reine Funktion der Spindel hinaus auch einen Mehrwert bieten und sie zum Beispiel in die Lage versetzen, die Anzahl der notwendigen Bauteile in einer Konstruktion zu reduzieren.

Wodurch differenzieren Sie sich im Unterschied zu Ihrem Wettbewerbern?

Hager: Unser Plus sind maßgeschneiderte Konstruktionen, die dank technischem Vorsprung und hoher Zuverlässigkeit die Wettbewerbsfähigkeit unserer Kunden stärken. Für uns sind exotische Materialien und Dimensionen oder Gewindeformen, die sich außerhalb der Norm befinden, die gesuchten Herausforderungen. Wir hören dem Kunden zu und erfassen sein Anliegen. Im beratenden, lösungsorientierten Dialog werden Antworten gesucht und gefunden.

Setzen Sie bei der Entwicklung auf das heute sehr populäre Werkzeug der Simulation?

Husistein: Die Simulation ist sicher ein hilfreiches Tool, um schneller und zielgerichtet zu entwickeln. Aber unsere Produkte basieren auf viel Erfahrung und Know-how unserer Konstrukteure und darum verlassen wir uns nicht nur auf Simulation, sondern setzen vor allem bei schwierigen Anforderungen auf Prototypen sowie Versuche bei uns im Haus und im zweiten Schritt sogar manchmal live beim Kunden. Nur so können wir gemeinsam zur optimalen Lösung gelangen.

Eichenberger ist in vielen Anwendungsbereichen tätig. Wo gibt es noch Entwicklungsmöglichkeiten?

Hager: Erst einmal gibt es innerhalb der Branchen, in denen wir tätig sind, noch ein unheimlich großes Potenzial. Aufgrund des weltweiten Trends zur Automatisierung wird es meiner Meinung nach künftig auch neue Branchen geben, in denen Kugelgewindetriebe zum Einsatz kommen werden.

Sie sind in Burg im ländlichen Raum angesiedelt: eher ein Vor- oder ein Nachteil?

Hager: Das hält sich die Waage: Der Vorteil der ländlichen Umgebung ist, dass die Mitarbeiter extrem loyal zu dem Unternehmen sind. Auf der anderen Seite ist es schon schwierig, Leute von etwas weiter entfernt hierher zu bekommen.

Für uns ist es extrem wichtig, dass wir hier ein Superteam haben. Denn die Kundennähe, die hohe Geschwindigkeit in der Prototypenerstellung, das schaffen wir nur über persönliche Kontakte. Wir merken immer wieder: Wenn der Kunde einmal bei uns im Unternehmen gewesen ist und sieht, was wir leisten können, dann springt der Funke über, dann bekommen die Projekte einen zusätzlichen Schub. Die Innovationskraft entfaltet sich im Gespräch am Tisch mit dem Kunden.

Wie beurteilen Sie die Marktposition und den Entwicklungsstand von Eichenberger in zehn Jahren?

Hager: Wir sehen uns auch in zehn Jahren in unserer technologischen Nische, werden in den Anwendungen dann aber sicher noch breiter aufgestellt sein.

Husistein: In Zukunft werden viele Gleitgewindetriebe durch Kugelgewindetriebe ersetzt, weil die Kosten durch moderne Fertigungsverfahren weiter sinken. Der Wirkungsgrad dieses Bauteils ist unschlagbar, weil nur sehr wenig Energie verloren geht. Durch diese Argumente und entsprechend innovative Produkte wird Eichenberger als führender Hersteller auch weiterhin sehr gute Chancen am Markt haben.

Das Portfolio

Carry: Verschleißfreie Kugelgewindetriebe für Anwendungen, wo große Lasten bei geringem Energieverbrauch zu bewegen sind. Je nach Ausführung sind besonders hohe Verfahrgeschwindigkeiten möglich.

Speedy: Die Steilgewindespindel setzt – mit hoher Verfahrgeschwindigkeit – Linear- in Drehbewegungen um. Neu: zum Teil in Aluminium erhältlich.

Easy: Die hartanodisierte Leichtgewindespindel aus Aluminium mit einem Wirkungsgrad über 0.8, für höhere Lasten als bei normalen Gleitspindeln. Das Spezialprofil verhindert ein Verklemmen der Mutter.

Rondo: Die Rundgewindespindel mit sehr ruhigen Laufeigenschaften. Neu: zum Teil auch in Aluminium.

www.gewinde.ch

Erschienen in Ausgabe: Nr. 05/2018