Geniale Verbindung

Kontakttechnik - Produktionsstandort Deutschland in Gefahr. Exodus der Unternehmen ins Ausland, nebst Export von Arbeitsplätzen. Hiob hätte in unseren Tagen viel zu tun. Das wäre anders, wenn das Modell Wago mehr Schule machte: also innovativ und kooperativ mit Priorität auf Produktion im eigenen Lande.

05. Juli 2005

»Als ich 1961 in unser Unternehmen eingetreten bin«, erzählt Wolfgang Hohorst rückblickend, »war es eine meiner ersten Aufgaben, Prüfverfahren für unsere Federklemmen zu entwickeln und das dazu notwendige Equipment zu beschaffen. Und natürlich hatte ich mit Sitz und Stimme in den Normungsgremien und in verschiedenen VDE-Kommissionen und -Arbeitskreisen dafür zu sorgen, daß das Know-how, das wir uns in der Federklemmentechnik erworben hatten, in die internationalen Sicherheitsvorschriften für Federklemmen einfloß.« Es galt schließlich, die Federklemmentechnik als fehlerfrei funktionierend und absolut sicher zu etablieren. Sie war letztendlich von Erfolg gekrönt: 1974 erhielt die ein Jahr zuvor auf der Hannover Messe vorgestellte Dosenklemme mit Steckklemm-Anschluß von Wago das VDE-Zeichen. Diese Technik hat mittlerweile die Dolüklemmen in der Verdrahtung von Abzweigdosen nahezu völlig verdrängt, weil sich der Slogan, mit der sie in den Markt getragen wurde ›Rüttelsicher, schnell und wartungsfrei‹ in der Praxis bewahrheitet hat.

In den 60er Jahren noch wurde die Federklemme eher mißtrauisch beäugt. Niemand traute ihr zu, beispielsweise für den Nennquerschnitt 16 mm² einen Strom von 87 Ampere übertragen zu können was sie zweifelsfrei konnte. Also analysierte man bei Wago die verschiedenen Anwendermärkte und konzentrierte sich auf Vorschaltgeräte- und Kondensator-Klemmen für die Leuchten-Industrie. Dort fand man sehr schnell Gefallen an der Steckklemmtechnik und verlangte schon bald nach Netzanschlußklemmen mit Federklemmanschluß. Hierfür gabs dann auch das erste Prüfzeichen. 1977, drei Jahre nach der Dosenklemme folgte das Meisterstück: der Käfigzugfeder-Anschluß, heute Cage Clamp. Dieser Universalanschluß ist für alle Leiterarten geeignet und stromfest bis 125 Ampere, entsprechend 35 mm² Nennquerschnitt. Wago stieß damit in eine Domäne vor, die bis dato absolut der Schraubklemmentechnik vorbehalten war. Klar, daß deren Anbieter angesichts dieser revolutionären und ›wasserdicht‹ patentierten Technik ihre Felle davonschwimmen sahen (oder zumindest einen Teil davon) und vehement Front dagegen machten. »Mit der Folge«, gesteht Wolfgang Hohorst, »daß die Anlaufphase dieser Klemmen extrem flach verlief und sich sehr lange hingezogen hat. Dann aber, als wir auch mit unserem Cage Clamp-Programm entsprechend breit aufgestellt waren, haben wir im elften Jahr etwa genauso viele Klemmen mit dieser Technik verkauft wie in den gesamten zehn Jahren davor.«

Die Cage Clamp-Technologie gilt heute weltweit als Industriestandard. Dieser Umstand ist nicht zuletzt auch ihren Wettbewerbern zu verdanken. Überraschenderweise hatten nahezu alle entsprechende Klemmen im Programm, als die Schutzrechte für die Cage Clamp-Technologie abgelaufen waren. Dem einen oder anderen muß es schwergefallen sein, plötzlich die Vorzüge zu preisen, nachdem er jahrelang dagegen argumentiert hatte. So sehr Wolfgang Hohorst die Dynamik freut, mit der sich die Cage Clamp-Technologie Bahn brach, so weiß er dennoch um einige Wermutstropfen: »Wir haben immer eine konservative Preispolitik verfolgt. Da unsere neuen Wettbewerber an unserer Produktpalette und -qualität nicht rütteln konnten, blieb vielen von ihnen im ersten Anlauf nur die Möglichkeit, an der Preisschraube drehen, um ins Geschäft zu kommen.« Ärgerlicher waren jedoch die Produktpiraten, die die Produkte des Unternehmens gnadenlos kopieren, teilweise sogar mit Artikelnummern und dem Wago-Logo. Dies gilt heute besonders für die fernöstlichen Kopierer, welche die Produkte der europäischen Marktführer in der Schraubanschlußtechnik und in der Federklemmanschlußtechnik, also Wago, zum Vorbild nehmen. »Es ist leider nahezu unmöglich, gegen solche und andere Plagiate rechtlich vorzugehen, wenn die Schutzrechte abgelaufen sind«, sinniert der Senior-Chef. Freilich leugnet Hohorst nicht, daß einige Anbieter aus Fernost in den letzten Jahren qualitätsmäßig und fertigungstechnisch viel dazugelernt haben, dafür aber mit Dumpingpreisen versuchen, sich Marktanteile zu ›erkaufen‹. Dieses Preisgefecht sei auch noch längst nicht entschieden. Deshalb gelte es, so Wolfgang Hohorst, »dem Wettbewerb immer eine Nasenlänge voraus zu sein. Dazu gehört zum einen die permanente Neu- und Weiterentwicklung qualitativ hochwertiger Produkte mit anwender- und anwendungsorientierten Features. Dazu gehören andererseits umfassende Pre- und After-Sales-Serviceleistungen sowie die Lieferfähigkeit und -treue.« Die Liste der Innovationen ist lang: Einige Beispiele sind die Wago TopJob S-Reihenklemmen mit Cage Clamp S-Anschluß oder das Wago I/O-System 750. Es wird seit 2002 kontinuierlich aufgerüstet: mit dem Wago OPC-Server Modbus/TCP, einer Software, welche die Integration des Wago I/O-Systems 750 in Industrie- und Office-Anwendungen auf Ethernet-Basis vereinfacht, mit der 16-A-Busklemme, mit der achtkanaligen (ProfiSafe-)Eingangsklemme, mit Ethernet-Controller, mit einem IPC mit Ethernet-Anschluß, mit einem FireWire-Koppler für die Echtzeit-Kommunikation mit Ethernet, mit einem AS-Interface-Master und A/B-Slaves, mit Busklemmen mit steckbarer Verdrahtungsebene, mit einer Bluetooth-Busklemme, mit dem ProfiNet-Controller...

Während einige Innovationen auf Kundenwünschen und -anforderungen basieren, sind andere in F+E-Koopera-tionen entstanden. So wurde 1994 der Grundstein zum I/O-System 750 in Zusammenarbeit mit Elektro Beckhoff, Verl, gelegt. Für Juniorchef Sven Hohorst sind gemeinsame Projektarbeiten, wie mit Kontron im Bereich IPC, normal: »Entwicklungs-Kooperationen bündeln das Know-how der beteiligten Partner, setzen Synergien frei beziehungsweise führen sie zusammen, reduzieren Kosten und die ›Time to market‹. Das Ergebnis war zumindest aus unserer Sicht immer ein Produkt, das in seiner Leistungsfähigkeit besser war als jedes bis dato am Markt erhältliche. Und nur das Unternehmen ist seinen Wettbewerbern die berühmte Nasenlänge voraus, dem es gelingt, schneller als sie zukunftsträchtige Techniktrends in intelligente Lösungen umzusetzen und diese am Markt zu plazieren.«

Und der Senior-Chef ergänzt: »Wir sind jederzeit bereit, mit innovativen Unternehmen zusammenzuarbeiten, deren Kernkompetenzen zu unseren passen oder sie ergänzen. Alle Kooperationen, die wir bis heute eingegangen sind, waren für alle Beteiligten ein Gewinn.«

Michael Lind

Erschienen in Ausgabe: 06/2004