Geplant, getan, geholfen

PLM - Das Zauberwort Product Lifecycle Management (PLM) war vor wenigen Jahren nur bei den großen Automobilkonzernen und im Flugzeugbau zu hören. Jetzt erreicht es den Mittelstand.

14. Dezember 2006

In der Vergangenheit waren Firmen nur sehr wenig untereinander vernetzt. Das galt auch innerhalb eines Betriebes. Entwickler haben sich nur um die technischen Fragen gekümmert und Vertriebsmitarbeiter hatten nur den Absatz der Produkte im Blick, ohne dass es viele Berührungspunkte zwischen diesen Bereichen gab. Die Globalisierung hat ihre Spuren hinterlassen: Unter dem verstärkten Kostendruck sind Lieferanten in die Prozesse eines Großkonzerns unmittelbar eingebunden und auch kleinere mittelständische Unternehmen operieren im internationalen Umfeld mit regional verteilter Fertigung und Entwicklung. Gleichzeitig sind immer mehr Bereiche direkt in die Produktentwicklung einbezogen. Schon in den frühen Phasen müssen Mitarbeiter aus Vertrieb, Marketing und Marktforschung eingebunden werden. Oft kommen sogar die wichtigen Impulse für Neu- und Weiterentwicklungen nicht mehr von Technikern, sondern aus eben diesen Bereichen. Dafür ist es unumgänglich, dass auch »Fachfremde« die Technik verstehen. Zwar gab es schon immer visuell arbeitende Automatisierungslösungen, mit denen auch Laien technische Zeichnungen lesen konnten, doch CAD-/CAM-Systeme sollen heute nicht mehr als Insellösungen fungieren.

Von CAD zu PLM

Gefragt ist die Integration in bestehende ERP-Systeme ebenso wie eine reibungslose Anbindung an die Prozesse in der Fertigung. Der größte Feind vieler Unternehmen ist dabei der Faktor Zeit: In immer kürzeren Abständen müssen Modelle auf dem Markt landen und zwar in einer für den Kunden möglichst individuell anpassbaren Ausführung. Das bedeutet, dass Firmen heute schneller denn je sein müssen, denn nur der Erste kann die Pioniergewinne abschöpfen. Mit herkömmlichen Mitteln ist es jedoch kaum mehr möglich, die geforderte Qualität in kurzer Zeit bereitzustellen. In vielen Fällen müssen Unternehmen deshalb besser zusammenarbeiten und untereinander Produktions- und Konstruktionsdaten austauschen. Das funktioniert nur mit einer Lösung, die integrationsfähig und offen für andere Standards und Systeme ist. Viele weltweit führenden Hersteller sind dem so genannten JT Open-Konsortium beigetreten, das das Ziel verfolgt, JT zum globalen Standard für 3D-Technologie zu machen. Der Grund: JT (Jupiter Tesselation) ist ein offener Standard. Hersteller können Technologien verschiedener Anbieter nutzen und untereinander kommunizieren. Ebenso gibt es beim Einsatz unterschiedlicher Softwareversionen des gleichen Anbieters keine Probleme. Gleichzeitig gilt es, in den Firmen die Kommunikation und die Zusammenarbeit zu verbessern, um überall auf der Welt mit gültigen Daten zu arbeiten und Vorgänge transparent zu gestalten. Dadurch sind sie stärker vor Fehlern gefeit, da alle Mitarbeiter auf dem gleichen Stand sind, sodass sich nicht alte Daten in die Produktion schleichen. Das erfordert eine einheitliche, leistungsstarke Datenbank wie etwa UGS Teamcenter.

Alle in einem Boot

Eine ausgereifte PLM-Lösung bindet weite Teile des Unternehmens ein. So wissen Marketing-Abteilungen schnell Bescheid, auch wenn Produkte noch nicht komplett auskonstruiert sind. Die Fertigung sieht, wie sich die Daten eines CAD-Systems im Produktionsalltag tatsächlich bewähren und auch der Vertrieb kann besser agieren. So kann ein Vertriebsmitarbeiter beispielsweise nur einige Grundparameter benötigen, um automatisch skalierte und angepasste Lösungen für individuelle Kundenwünsche zu liefern. Der Kunde kann sich das Produkt dann außerdem schon in einer sehr frühen Phase anschauen. Aber der Informationsfluss läuft auch in der umgekehrten Richtung. So ist es dank PLM auf einfache Weise möglich, wertvolle Informationen und Anregungen aus dem Support in die Weiterentwicklung oder Wartung von Produkten zu bekommen. Das spielt besonders bei langfristigen Investitionsgütern eine Rolle, bei denen es wichtig ist, dass Erfahrungen zurück fließen und eine Rückverfolgbarkeit gegeben ist. In mehr und mehr Fällen ist eine solche Dokumentation auch die Folge strengerer nationaler und internationaler Compliance-Anforderungen. Da sehr viele Produkte in fast jedes Land der Welt exportiert werden, gibt es viele unterschiedliche Vorschriften, Branchen­regularien, Regulierungsauflagen, Zertifikate und Gütesiegel.

Simulationen

Die Simulation spielte in der Vergangenheit nur bei der Konstruktion eine Rolle. Doch heute geht es mehr und mehr darum, das Verhalten von Produkten als Ganzes zu simulieren. Das klassische Beispiel ist der Crash Test: Zwar wird er niemals seine Existenzberechtigung verlieren, doch lassen sich schon im Vorfeld jede Menge wichtige Informationen gewinnen. Eigenschaften wie das kinematische Verhalten, die Bodenbeschaffenheit, Gewichte, Drehzahlen und andere Parameter können in die Berechnungen eingehen, ohne dass das System überfordert ist. Die Simulation senkt die Kosten für den Bau von Prototypen signifikant. In anderen Fällen ist es aus Zeit- und Kostengründen ohnehin nicht möglich, Prototypen zu bauen. Bei komplexen Produkten oder Anlagen, wie Kraftwerken oder Zeitungsdruckmaschinen, helfen Simulationen, Konstruktionsmängel zu finden und die Funktionalität sicherzustellen. Doch nicht nur die Produkte, sondern auch die Produktion lässt sich simulieren. So sieht der Anwender auf einen Blick, wo sich Roboter ins Gehege kommen, Anfahrtswege behindert werden oder Prozesse optimiert werden können. Eine wichtige Rolle dabei spielt auch die Wartung. Nur so lässt sich im Vorfeld sehen, ob sich Wartungen einfach durchführen lassen, welche Handgriffe und Zubehörteile dazu nötig sind und inwiefern andere Bereiche davon betroffen sind. Richtig eingesetzt ist PLM also die sprichwörtliche ›eierlegende Wollmilchsau‹. Der Hauptvorteil liegt eindeutig bei der Geschwindigkeit, mit der sich dank der Technik neue Produkte zur Marktreife bringen lassen. Gerade mittelständische Unternehmen werden davon abhängig sein, ihre zahlreichen Ideen und Innovationen möglichst schnell in die Praxis umzusetzen oder Fehlkonstruktionen zu verwerfen, bevor sie hohe Summen verschlingen.

Dietmar Spehr

Erschienen in Ausgabe: Wer macht was?/2007