Geschäftsmodelle im A/D-Wandel der Zeit

Kommentar

Konvergenz – Zusätzliche digitale Features sind sehr schnell heimisch geworden in der Technik. Anbieter im Maschinenbau dürfen diesen Trend auf keinen Fall verschlafen.

18. August 2015

Erinnern Sie sich noch an das Schlagwort »Konvergenz« aus dem Bereich der Freizeit- und Gebrauchselektronik? Es ist gar nicht lange her – ungefähr zehn Jahre vielleicht – als man versuchte, der damals noch neuartigen Integration unterschiedlichster, ursprünglich zielanwendungsferner Funktionen in elektronischen Geräten einen eigenen Namen zu geben. Vor dem Hintergrund der raschen Digitalisierung und steigenden Leistungsfähigkeit der verbauten Mikrochips erkannten immer mehr Hersteller, dass sie ihre Produkte durch nur geringen Aufwand mit einem deutlichen Mehrwert ausstatten konnten. Aus heutiger Perspektive – und in einer Zeit, in der sich Handynutzer daran gewöhnt haben, dass sie mit ihrem mobilen Gerät nicht nur telefonieren, sondern auch fotografieren, Musik hören, Nachrichten lesen, E-Mails versenden, Filme gucken, spielen oder navigieren können – ist schwer zu begreifen, dass sich vor zehn Jahren eigens gegründete Fachzeitschriften ausschließlich der »konvergenten« Produktwelt widmen wollten.

Diese publizistischen Ambitionen wurden übrigens von der rasanten Entwicklung schnell zunichte gemacht, weil die Konsumenten den neuen Trend in kürzester Zeit als etwas völlig Selbstverständliches empfanden. Während noch vor zwanzig Jahren der Einbau von Digitaluhren in beliebige Alltagsgegenstände von einer anbrechenden digitalen Moderne kündeten, liest man heute beiläufig Kurzmeldungen des Inhalts, dass es jetzt E-Zigaretten gibt, mit denen man auch telefonieren und Musik hören kann. Obwohl einige Exponenten dieses radikalen Digitalisierungstrends überflüssig erscheinen, zeigt sich, dass die Entwicklung für jene zur tödlichen Bedrohung werden kann, die sie ignorieren oder nur zögerlich berücksichtigen.

Ein prominentes Beispiel ist der ehemalige Handy-Marktführer Nokia, der den Stellenwert von Smartphones erst begriffen hatte, als es bereits zu spät war. Umso interessanter ist nun die aktuelle Meldung, dass der Nokia-Kartendienst Here, eine der wenigen lukrativen Sparten des finnischen Unternehmens, deutschen Autobauern dabei helfen soll, sich gegen die Konkurrenz von Google und Apple zu wappnen. Gerade haben Audi, BMW und Daimler den Kartendienst für 2,8 Milliarden Euro erworben. Aus strategischer Sicht dürfte diese Entscheidung sehr vernünftig sein, zumal der Suchmaschinenbetreiber schon lange angekündigt hat, auf der Grundlage seiner eigenen Kartendienste und Navigationsalgorithmen das Zukunftsgeschäft mit autonom steuernden Fahrzeugen marktbestimmend voranzutreiben. Dafür braucht es hochpräzises Kartenmaterial, und es zeugt vom Weitblick der deutschen Automobilbauer, sich in diesem Geschäft nicht von den Diensten von Google und Apple abhängig zu machen – zumal die deutsche Industrie bislang nicht eben für eine besonders schlagkräftige Aufstellung bei digitalen Dienstleistungen bekannt ist.

Das Handelsblatt weist in einem Bericht vom 3. August 2015 zu dem Vorgang darauf hin, dass sich auch »die Innovationsfelder zwischen IT-Industrie und Autoindustrie« zunehmend anglichen und Autos künftig weniger nach Motorleistung und Kurvenverhalten bewertet würden, sondern »nach ihrer Fähigkeit, sich sinnvoll mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen« – und in immer volleren Städten den nächsten freien Parkplatz zu finden. (Wenn die deutsche Autoindustrie jetzt noch ihre Modellpolitik an der Erkenntnis ausrichten würde, dass für Einkaufsfahrten keine Geländepanzer notwendig sind und auch der freieste Parkplatz nicht immer genügend Raum für SUVs bietet, wäre sie auf der Überholspur.)

In jedem Fall aber zeigen die großen Traditionsunternehmen mit dem Kauf von Here deutlich, dass sie Risiken und Chancen der »Konvergenz« verstanden haben – und dass es in Zeiten der radikalen Digitalisierung nicht ausreicht, sich auf den analogen Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen. Für Unternehmer sind viele marktverändernde Einflüsse schwer einzuschätzen. Am folgenschwersten aber dürfte derzeit der einfache Transfer bestehender Digitaltechnologien in neue Geschäftsmodelle sein, die alte Marktordnungen auf den Kopf stellen und ehemals in ihrer Sparte unangreifbare Unternehmen überrollen. Rückblickend stellt sich dabei häufig die Frage, wie die geschäftsbedrohenden Trends übersehen werden konnten. Meist, so erscheint es mir jedenfalls, lag es nicht an technischer Unzulänglichkeit, sondern an einer aus einem trügerischen Sicherheitsgefühl resultierenden Trägheit. Beobachten Sie also den Markt genau – und auch, welchen Mehrwert Ihre Mitbewerber ihren Produkten und Dienstleistungen durch intelligente Vernetzung beifügen. Unterschätzen Sie nie, wie schnell in unserer analog/digital-gewandelten Welt auch kleine Ideen komplette Branchen umkrempeln können: Bleiben Sie wachsam.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 06/2015