Gleitender Gigant

Gleitlager – Die »Augenwand« in Bregenz war ein Highlight der vergangenen Festspielsaison. Entscheidend für den reibungslosen Betrieb waren maßgeschneiderte Metall-Polymer-Gleitlager.

17. Oktober 2008

Einer der weltweit spektakulärsten Spielorte für Opern und andere Kulturveranstaltungen ist die Seebühne in Bregenz am Bodensee. Bei den Bregenzer Festspielen 2007 und 2008 zum Beispiel begeisterte die Aufführung von Puccinis Oper »Tosca« das Publikum mit einer atemberaubenden Bühnenkulisse. Durch eine bewegliche Bühnenwand, die sich während der Vorstellung um 90 Grad von der Vertikalen in die Horizontale drehen ließ, konnte das Bühnenbild zwischen den Szenen verändert werden. Fußballfans kennen die Bühne von den Live-Übertragungen der Europameisterschaft 2008.

Eine große Herausforderung stellte die Inszenierung auch an die Bühnentechnik, wog doch der bewegliche Teil der 40 Meter breiten und 27 Meter hohen so genannten »Augenwand« rund 220 Tonnen. Die enorme Belastung stellte deshalb hohe Ansprüche an die beweglichen Baugruppen. So mussten die Komponenten nicht nur extreme Lasten aufnehmen, sondern zugleich eine geräuschfreie Bewegung ermöglichen und sich außerdem über zwei Veranstaltungssommer hinweg für sämtliche Vorstellungen praktisch wartungsfrei betreiben lassen.

Dazu kam, dass das gesamte System unter freiem Himmel funktionieren musste und deshalb den Witterungseinflüssen ausgesetzt war.

Für die technische Beratung bezüglich einer geeigneten Lagertechnologie wandte sich die mit der Konstruktion der Bühnenwand betraute Ingenieurgesellschaft Innovatech mit Sitz im thüringischen Gotha an den Gleitlagerhersteller GGB in Heilbronn. Die Spezialisten empfahlen daraufhin den Einsatz ihrer wartungsarmen Metall-Polymer- Gleitlager der Serie DX. Diese Gleitlager bestehen aus einem Stahlrücken, einer porösen Zwischenschicht aus Sinterbronze sowie einer Laufschicht aus Polyoxymethylen (Acetal-Copolymer), die mit Schmiertaschen versehen ist. Die Gleitlager sind für optimale Leistung unter relativ hohen Belastungen bei niedrigen Geschwindigkeiten konzipiert. Gefertigt und montiert wurde die Bühnenwand von der Biedenkapp Stahlbau GmbH mit Sitz in Wangen im Allgäu.

Starke Sonderlösung

Im Falle der Bregenzer Seebühne musste die Rotationsachse aus technischen Gründen geteilt werden. Die Bühnenbauer verklebten deshalb in die Lagerböcke an beiden Seiten der Halbachsen zwei zweigeteilte DX-Gleitlager mit einem Innendurchmesser von 805 Millimeter und einer Breite von 177 Millimeter und erreichten so eine projizierte Tragfläche von 354 x 805 Millimeter. Zur Aufnahme von axialen Kräften montierten sie zudem an den Seiten aller vier Lagerböcke spezielle segmentierte DX-Anlaufscheiben mit einer Dicke von 2,55 Millimeter.

Spezielle DX-Gleitlager mit einem Innendurchmesser von 200 Millimeter sowie dazu passende Anlaufscheiben befanden sich außerdem an den Zapfen der riesigen Hydraulikzylinder für die Krafteinleitung zum Drehen der Wand. Die Lagerstellen wurden dabei so ausgelegt, dass die Flächenpressung einen Wert von 20 Newton pro Quadratmillimeter nicht übersteigt.

Am Ende ließ sich der gesamte Bühnenhintergrund während jeder Vorstellung innerhalb von lediglich dreieinhalb Minuten absenken, außerdem auch dann, wenn hohe Windgeschwindigkeiten dies erforderlich machten – und bei der Premiere im Juli 2007 war von der gesamten Technik nicht mehr zu hören als ein leises Surren, als der kolossale Hintergrund bewegt wurde, um das Bühnenbild vom Inneren einer Kirche im ersten Akt zu einer Gefängnisszene im letzten Akt zu verwandeln.

Fakten

GGB, vormals Glacier Garlock Bearings, ist der weltweit größte Hersteller von Metall-Polymer-Gleitlagern.

Das Produktprogramm umfasst Metall-Polymer-Verbundwerkstoffe, spritzgegossene Kunststoff-Compounds, faserverstärkte Kunststoff-Verbundwerkstoffe, monometallische Werkstoffe.

Eine große Vielfalt von Formen ermöglicht zahlreiche Anwendungsgebiete.

Erschienen in Ausgabe: 07/2008