Grenzenlos digital? Big Mao is watching you!

Kommentar

China – Investieren im Reich der Mitte ist immer noch attraktiv, aber leicht gemacht wird es den Unternehmen nicht. Jetzt droht die totale Kontrolle.

20. September 2017

Wer heute die Worte »China« und »Investitionen« in einem Satz hört, verknüpft dieses Begriffspaar immer häufiger sogleich mit der heiß diskutierten Thematik »Ausverkauf deutscher Schlüsseltechnologien«. Zuletzt kochte sie hoch, als ein chinesischer Investor die industriepolitischen Ziele seiner Regierung auf sehr plakativ zielstrebige Art und Weise umsetzte, indem er den Roboterhersteller Kuka übernahm. Mir soll es im Folgenden jedoch um Investitionen deutscher Unternehmen in China gehen, denn weiterhin bleibt die Volksrepublik – trotz der genannten fernöstlichen Ambitionen in Sachen »Wissenstransfer« – ein überaus interessanter Absatzmarkt für deutsche Investoren. Gerade in den hochtechnologischen Industriebereichen Automation und Robotik besteht der-zeit großes Potenzial. Der neue Fünfjahresplan »Made in China 2025« möchte diese Sektoren aktiv fördern und verspricht unter anderem attraktive Finanzierungsmöglichkeiten für ausländisch investierte Unternehmen.

Andererseits aber trübte sich das Investitionsklima in China jüngst durch eine nicht nur gesellschaftlich, sondern auch ökonomisch bedenkliche Entwicklung. Während die Möglichkeiten der Digitalisierung anderswo dazu genutzt werden, den grenzenlosen, globalen Handel zu erleichtern, brachte Peking vor wenigen Wochen ein »Gesetz zur Stärkung der Cybersicherheit« auf den Weg. Mit diesem will die Regierung endlich die lang ersehnte Totalüberwachung ihrer Bürger umsetzen. Bis 2020 soll jeder einzelne der 1,4 Milliarden Chinesen in einer digitalen Plattform vollständig erfasst und sein Verhalten, sei es beim Einkaufen oder im Straßenverkehr, mit einem Punktesystem von A »Sehr gut« bis D »Sehr schlecht« bewertet werden. Wer in China zukünftig bei einer Prüfung schummelt, Schulden macht oder sich in den sozialen Netzwerken kritisch über die Regierung äußert, erhält dafür Minuspunkte in seiner digitalen Bürgerakte und muss – so der naheliegende Verdacht – später zum Beispiel mit Problemen bei der Wohnungs- oder Jobsuche oder der Vergabe von Krediten rechnen. 

Um auch alle nötigen Daten für dieses »Sozialkreditsystem« zur »Kreation eines neuen Bürgers« sammeln zu können, führt das gigantische Big-Data-Projekt nicht nur Informationen aus über 50 öffentlichen Institutionen zusammen. Die chinesische Regierung will nun auch die lästigen Schlupflöcher in Form von VPNs lahmlegen, die geschätzten 100 Millionen chinesischen Bürgern bislang dazu dienten, die große chinesische Firewall zu umgehen und so subversive Dinge zu tun wie kritische Nachrichten auf der Website der Deutschen Welle zu lesen. Spätestens 2018 sollen deshalb alle Virtual Private Networks, die verschlüsselte Verbindungen zu ausländischen Servern aufbauen können, gesperrt werden.

Bei deutschen Investoren in China müssen nun die Alarmglocken schrillen: Denn um die gängige Verlangsamung oder gar Blockierung von Verbindungen, die ins Ausland gehen, zu vermeiden, verwenden viele von ihnen natürlich ebenfalls VPNs. Schon jetzt berichtet die deutsche Außenhandelskammer in Peking, dass Internet-Blockaden eine der größten Marktbarrieren für deutsche Unternehmen in China darstellen. Nun sind erstmals ausdrücklich auch ausländische VPNs von den Verboten betroffen. Sogar Wirtschaftsgigant Apple knickte jüngst vor Peking ein und löschte seine beliebte VPN-App aus dem App-Store. Die verschärfte Gesetzeslage entwickelt damit ein zunehmend geschäftsschädigendes Potenzial für Firmen, die auf einen ungestörten, schnellen Datentransfer in ihre Heimatländer angewiesen sind.

Ein erstes deutsches Unternehmen wurde bereits zum Kollateralschaden der geplanten totalitären Sozialkontrolle, wie der Deutschlandfunk berichtet. Sein Provider stellte ihm einfach das Internet ab. Begründung: illegale Nutzung eines VPNs. Wer in dieser schönen neuen chinesischen Welt zukünftig investieren will, sollte sich gut überlegen, worauf er sich einlässt, denn diejenigen, die es bereits tun, wünschen sich womöglich bald die guten alten Probleme mit den dreisten chinesischen Raubkopierern zurück. Das Bewertungssystem soll übrigens bald auch auf in China ansässige Firmen ausgeweitet werden.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 07/2017