Gute Führung

Energiezuführungen ? Was früher Monate lang dauerte, funktioniert heute in einigen Wochen. Standardisierung spart Zeit und Kosten.Voraussetzung ist das reibungslose Zusammenspiel aller Beteiligten: von der Projektierung bis zur Endabnahme.

22. Juni 2005

»Bei uns dreht sich alles ums Drehen, Fräsen und Schleifen ? und das in den unterschiedlichsten Größenordnungen«, fasst der Konstruktionsleiter der Werkzeugmaschinenfabrik Waldrich Coburg, Hans-Ulrich Bieberbach, die Produktpalette des Hauses zusammen. Durch eigene Entwicklungen auf dem Gebiet der spanabhebenden Bearbeitung von Großwerkstücken, zum Beispiel im Turbinen-, Reaktor- und Dieselmotorenbau, erreichte das 1919 gegründete Unternehmen bereits in den Siebzigerjahren eine führende Stellung auf dem Weltmarkt. Aber die Zeiten änderten sich. Dazu erläutert Hans-Ulrich Bieberbach: »Um unsere Angebotspalette von den groß dimensionierten Schwermaschinen nach unten abzurunden, haben wir Vertikaldrehmaschinen ins Programm aufgenommen. 1998 wurde die erste ›MultiTec‹ ihrer Bestimmung übergeben. Dieser neuartige Maschinentyp ermöglichte die Komplettbearbeitung eines Werkstücks auf einem einzigen Bearbeitungszentrum. Hiermit haben wir die Idee realisiert, multiple Technologien in einer Maschine zu vereinen.«

Um auf die entsprechenden Maschinenstückzahlen zu kommen, stand schon bei diesem Maschinentyp das Stichwort Standardisierung im Vordergrund. Aufgrund der unterschiedlichen Dimensionen ist es allerdings nicht einfach, einen Serieneffekt für die Herstellung zu erreichen. »Bis heute haben wir mehr als 40 MultiTec für die unterschiedlichsten Branchen in allen denkbaren Ausstattungsvarianten gebaut«, betont Hans-Ulrich Bieberbach. Energiezuführungen des Kölner Unternehmens Igus GmbH spielen dabei eine wesentliche Rolle.

»Wir kommen aus dem Sondermaschinenbau. Aufgrund der Größe unserer Maschinen haben wir sie immer individuell auf die Platzverhältnisse des Kunden angepasst. Aber das kostet sehr viel Geld«, bringt Hans-Ulrich Bieberbach das Waldrich-Dilemma auf den Punkt. »Deshalb haben wir uns entschlossen, in die Serienproduktion zu gehen und eine Portalfräsmaschine nur in einer Konfiguration zu bauen. Die Eckdaten lauten 3 m Tischlänge und 2 m Tischbreite. Es gibt sie als Paletten- oder als Tischmaschine. Ansonsten haben wir lediglich einige Optionen von der Grundkonstruktion her vorbereitet.« Individuelle Anpassungen können u.a. eine Kühlmittel-Dunstabsaugung, ein tragbares Handbediengerät oder ein erweiterter Werkzeugwechsler auf 200 Plätze sein.

Eine Marktanalyse hat mittlerweile allerdings ergeben, dass die Grundausführung zwei Erweiterungsstufen bekommen wird. Die Präsentation der Standardmaschine ist bei potenziellen Kunden sehr gut angekommen. »Eine Maschine haben wir bereits gebaut. Für drei weitere ist bereits der Auftrag im Haus. Wir hoffen im ersten Jahr bis zu 20 Maschinen bauen zu können«, verdeutlicht der Konstruktionsleiter das Unternehmensziel. Das oberste Ziel bei der Konstruktion der Fräsmaschine ist gewesen, dass es keinerlei Abschläge bei der Bearbeitungsgenauigkeit gibt.Sie liegt bei 200 µm auf 1 m Bearbeitungslänge. Damit werden die Vorgaben erfüllt, eine schnelle, genaue und preisgünstige Maschine zu bauen. »Es ist nur konsequent, dass wir sie ValueTec genannt haben. Der Kunde erhält viel Wert für wenig Geld«, so Hans-Ulrich Bieberbach zur Namensgebung. Während bei den Waldrich Coburg-Maschinen aufgrund der Größe und Komplexität Montagezeiten von vier Monaten und mehr üblich sein können, hat die Vorgabe für die ValuTec bei ca. drei Wochen gelegen. Das heißt im Klartext eine Reduzierung auf weniger als ein Drittel. Das kann natürlich nur mit den entsprechenden Voraussetzungen und den richtigen Lieferanten funktionieren. »Zum Beispiel sollten alle elektrischen Komponenten steckerfähig sein, damit der Aufbau im vorgegebenen Zeitfenster funktioniert«, erläutert dazu der Gruppenleiter Elektrokonstruktion, Matthias Helmprobst, die Vorgaben. Bei der Fräsmaschine ValuTec setzt Waldrich Coburg erstmals vorkonfektionierte Energiezuführungen des Kölner Anbieters Igus GmbH ein, die unter dem Produktnamen ›ReadyChain‹ vertrieben werden. »Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter und beziehen die Einzelleitungen, die irgendwo an der Maschine verlegt werden, sowie die Führungsrinnen, in die die Energiezuführungen verlegt werden, komplett von Igus«, verdeutlicht Matthias Helmprobst die Waldrich-Firmenstrategie. »Während wir bisher für jedes Einzelteil ? die Kette, die Leitungen, die Schlauchsys­teme ? je einen Lieferanten mit dem ent­sprechenden logistischen Aufwand hatten, bekommen wir mit ReadyChain alles aus einer Hand geliefert. Ein weiterer Vorteil für uns ist natürlich, dass wir uns bei Fragen oder Problemen nur mit einem Ansprechpartner auseinander setzen müssen!« Die Systemverantwortung liegt komplett bei Igus. Die in der Fräsmaschine ValuTec zum Einsatz kommende Energiezuführung besteht aus mehr als achttausend Einzelteilen, die zum richtigen Zeitpunkt zusammengeführt und termingerecht geliefert werden müssen. Das komplexe System hat Igus auf lediglich acht Bestellnummern reduziert. Mit ReadyChain überträgt der Kunde die gesamte Logistik auf Igus ? von der Beschaffung aller notwendigen Einzelteile bis zur Lieferung der einbaufertigen Energie­zuführung. »Dadurch werden vor allem für uns die Kosten total transparent«, betont Hans-Ulrich Bieberbach. Aufgrund der technischen Anforderungen der Fräsmaschine ist darüber hinaus nur ein Energieketten-Lieferant in Frage gekommen, der die komplexen Anforderungen aufgrund der hohen Vorschubgeschwindigkeiten und der Biegeradien erfüllen kann. »In der Praxis haben wir mit den Igus-Energiezuführungen hervorragende Ergebnisse erzielt«, berichtet der Konstruktionsleiter, Hans-Ulrich Bieberbach, über den Entscheidungsprozess. »Nur aufgrund des hohen konstruktiven Aufwandes und der Maschinenvielfalt ist ReadyChain bei der Serie MultiTec nicht schon zum Einsatz gekommen. Bei ValuTec mit den maximal drei Ausbaustufen rechnet es sich für uns einfach«, ergänzt Matthias Helmprobst.

Die Befüllung der Energiezuführung lässt keine Wünsche offen. »Das gesamte Repertoire an Elektro-, Hydraulik- und Pneumatikkomponenten, die durch die Kette müssen und an der Maschine verbaut werden, sind im Lieferumfang enthalten«, so Rainer Rössel, der Produktmanager ReadyChain. »Aber auch die kompletten Stahlelemente, die zur Führung der Kette notwendig sind, werden von uns geliefert. Das macht die Sache rund. Diese Bleche sind von unserer mechanischen Konstruktion so ausgelegt worden, dass sie auch als Transportvorrichtung genutzt werden können. Das hat für Waldrich u.a. zur Folge, dass keine unnötigen Transportgestelle gebaut werden mussten. Und dies hat wiederum Auswirkungen auf die Gesamtkosten«, macht Rainer Rössel klar. Hans-Ulrich Bieberbach kann das nur bestätigen: »Igus führte uns während der intensiven Gespräche im Vorfeld auf den richtigen Weg, die vorkonfektionierte Energiezuführung werksseitig mit den entsprechenden Führungsblechen zu ergänzen.

»Wir arbeiten schon seit vielen Jahren sehr erfolgreich mit Igus zusammen«, berichtet Matthias Helmbrecht. »Bei der ValuTec sprechen sowohl die wirtschaftlichen als auch die technischen Vorteile eindeutig für ReadyChain.« Die Werkzeugmaschinen bei Waldrich Coburg sind sehr groß, so dass die Leitungslängen und die entsprechenden Rinnen einen großen Umfang haben. Besondere Anforderungen stellten in diesem Fall die miteinander in Einklang zu bringenden Verfahrwege. Am Tisch beträgt er beispielsweise 5 m, der Querhub schlägt mit 3,10 m und der Vertikalhub mit 1,80 m zu Buche. »Die Konstruktion der Maschine war sowohl für Waldrich als auch für Igus ein gutes Lernobjekt«, ergänzt Rainer Rössel. »Hier konnten wir unsere ganze Erfahrung ausspielen.«

»Der Bau der ValuTec musste aufgrund der Kostensituation von Anfang an reibungslos funktionieren! Deshalb haben wir das Angebot von Igus, bereits in der Projektierungsphase Hilfestellung zu leisten, gerne angenommen«, bringt Matthias Helmprobst die Ausgangssituation auf den Punkt. »Mit tatkräftiger Unterstützung der Projektingenieure in der Elektroabteilung in Köln wurde das ganze Projekt innerhalb kürzester Zeit zum Laufen gebracht«, so Rainer Rössel über den konkreten Ablauf. »Besonders Guido Help aus der Zentrale in Köln hat hier unverzichtbare Hilfe geleistet. Er war Ideenlieferant und Ansprechpartner für alle Fragen vor Ort. Ohne seine tatkräftige Unterstützung hätten wir mehr Probleme bekommen. Schließlich hatten wir ein ziemlich enges Zeitfenster.«

In der Vorbereitungsphase loteten die Mitarbeiter der Konstruktionsabteilung von Waldrich gemeinsam mit Igus genau aus, wie die Energiezuführungen verlegt, die notwendigen Stecker und die Zugentlastungen angebracht werden müssen. »Das Platzangebot an der Maschine selbst ist für die Leitungen äußerst eingeschränkt«, so Matthias Helmprobst zu den Waldrich-Vorgaben. Bereits bei den Gesprächen im Vorfeld stellte sich schnell heraus, dass beim Prototyp nur ein Leitungsende fertig konfektioniert geliefert werden kann. Die andere Seite wurde erst an der Maschine auf die richtige Länge gebracht. »Das stellt für Igus allerdings kein Problem dar«, so Rainer Rössel: »Wir haben mit einem vorher von Waldrich definierten Überstand die Energiezuführung geliefert, die dann von unseren Mitarbeitern vor Ort passend gekürzt und mit Steckern konfektioniert wurde. Im Prinzip handelt es sich um eine Vor-Ort-Montage, die aufgrund der Komplexität vorher konstruktiv einfach nicht möglich war.« »Das Risiko war einfach zu groß, dass wir die eine oder andere Leitung zu kurz auslegen. Deshalb haben wir die Personalunterstützung von Igus gerne angenommen. Und bis auf einige Änderungen, die allerdings weniger die Leitungslängen betreffen, steht für die Nachfolgemaschinen die Auslegung jetzt unwiderruflich fest«, verdeutlicht Konstruktionsleiter Hans-Ulrich Bieberach das Konzept.

Erschienen in Ausgabe: 01/2004