"GUTE KULTUR, STARKES UNTERNEHMEN" Vita Berthold Schlechtriemen-Proske

Interview

Berthold Schlechtriemen-Proske – Finder hat ein sehr starkes Produktportfolio, sagt der Leiter Marketing und Vertrieb, aber ohne ein kompetentes und motiviertes Team wäre das von wenig Wert.

22. Juli 2013

Herr Schlechtriemen-Proske, Finder klingt nicht italienisch, aber genau dort liegen die Wurzeln des Unternehmens.

Das ist beides richtig. Unser Gründer Piero Giordanino war Elektromonteur aus Almese bei Turin und hatte schon früh mit Relais und ähnlichen elektrischen Bauteilen zu tun. Ab 1954 hat er dann in seiner Garage eigene Relais entwickelt, weil er mit den bestehenden Produkten auf dem Markt unzufrieden war.

Er war zudem sehr deutschaffin und das sollte sich in einem fiktiven Namen wiederspiegeln. Seine erste Wahl »Werther« kam nicht so gut an, und so entstand der Name »Finder«, der ein wenig an Erfinder erinnert. Piero Giordanino war bis zu seinem Tod vor zwei Jahren den Deutschen und der deutschen Wirtschaft immer sehr verbunden.

Wie hat sich das Geschäft entwickelt?

Der Erfolg hat sich relativ schnell eingestellt und Finder ist gut gewachsen. Schon 1965 hat Piero Giordanino eine neue Fabrik in Almese eröffnen können und ein Jahr später ist das revolutionäre Industrierelais der Serie 60 auf den Markt gekommen, das bis heute erfolgreich läuft.

Wie ist Finder heute aufgestellt?

Es gibt mittlerweile 25 Filialen weltweit, mehr als 80 Vertretungen rund um den Globus spinnen ein enges Netz, um die Finder-Produkte effektiv zu vertreiben. Mit 1.200 Mitarbeitern produzieren wir 400.000 Relais pro Tag. Finder gehört weiterhin zu den größten Herstellern von Relais-Fassungen von Europa.

Das Familienunternehmen Finder verfügt über großes technisches Know-how und ist technisch absolut selbstständig, es ist zudem nachhaltig und profitabel ausgerichtet. Dank einer flachen Managementstruktur lassen sich Entscheidungen schnell und transparent transportieren.

Viele Kunden, mit denen ich in Italien war, schwärmen von der Organisation und Sauberkeit, die dort herrschen, und der enormen Fertigungstiefe. Wir betreiben einen eigenen Werkzeug- und Vorrichtungsbau und eine große Kunststoffspritzerei und auch die automatisierten Fertigungslinien für die Relais sind in den Entwicklungsabteilungen in Italien entstanden.

Wie sieht die Situation in Deutschland aus?

Deutschland nimmt in der Finder-Gruppe einen besonderen Stellenwert ein, denn hier sollte die erste Niederlassung entstehen – wegen der Liebe unseres Gründers zu dem Land und weil er sich sagte, was man in Deutschland verkaufen kann, verkauft sich in der ganzen Welt.

Da traf es sich gut, dass in Rüsselsheim der Herr Peter Krutzek eine Handelsvertretung betrieb und auch Finder-Relais im Programm hatte, also gut vorbereitet war. Er ließ sich von der italienischen Mutter überzeugen und so gab er seine Firma auf und wurde Geschäftsführer von Finder Deutschland. Wir sind hier eine reine Vertriebsgesellschaft, die Fertigung ist in Italien, Frankreich und Spanien beheimatet.

Kennzeichnend für den Stil von Peter Krutzek war von Anfang an der sehr menschliche Umgang und die fast väterliche Zuneigung zu seinen Mitarbeitern. Das hat sich auf die gesamte Niederlassung übertragen und die sehr gute Unternehmenskultur gilt bis heute und ist ein wichtiger Grund für unsere Stärke. Neue Mitarbeiter werden neben der Fachkompetenz auch nach solchen Maßstäben ausgesucht.

Und im benachbarten Ausland?

In diesem Punkt besteht eine eher ungewöhnliche Konstellation, denn die Filialen in den Niederlanden, Österreich, Tschechien und Ungarn sind in die deutsche Vertriebsstruktur eingeklinkt und bilden sogenannte Satelliten. Diese werden von Trebur aus geführt und sie berichten direkt an uns.

Wir bilden zusammen also eine kleine Familie in der großen Finder-Familie. Entsprechend familiär, herzlich und auch fair ist auch der Umgang miteinander, das zeigt sich sehr deutlich an den regelmäßigen Vertriebstreffen hier in Trebur. Da spielt der Spaß eine große Rolle und dann geht auch das Geschäftliche entsprechend leichter.

In Tschechien zum Beispiel läuft das Geschäft schon im elften Jahr und auch sehr gut. Im letzen Jahr ist dort ein sehr schmuckes Firmengebäude aus eigenen Mitteln entstanden. Solche Erfolge sind sehr motivierend und geben der gefahrenden Strategie vollkommen recht.

Das wirkt sich doch sicher auch auf Ihren Stellenwert im gesamten Finder-Konzern aus?

In der Tat ist das, was wir in Deutschland machen, sehr wichtig für unsere Mutter, und viele Entscheidungen und Entwicklungen von hier fließen in die Gesamtstrategie des Unternehmens ein. Früher waren wir ein Teil von vielen, aber heute hat die Finder GmbH Gewicht und Gehör in Almese.

Wir sind auf Augenhöhe mit dem italienischen Markt und wie anfangs gesagt, wird ein möglicher Erfolg in Deutschland mit einem möglichen Erfolg weltweit gleichgesetzt. Darum sind wir die einzige Tochter im gesamten Konzern, deren verantwortliche Mitarbeiter regelmäßig einmal im Monat nach Italien reisen und dort über Projekte berichten und Wünsche sowie Anregungen vortragen dürfen. Unser Stellenwert dort ist sehr hoch, aber den haben wir uns auch hart erarbeitet.

Gibt es Regionen, in denen Sie derzeit verstärkt tätig sind?

Wachstum ist in der ganzen Welt möglich, die Märkte sind noch längst nicht ausgeschöpft. Wir eröffnen laufend neue Niederlassungen, in Argentinien, in Mexiko oder in Russland, was ein sehr wichtiger und umsatzträchtiger Markt für uns ist. Überraschenderweise ist die Nachfrage in China riesig, denn für die dortigen Produktionszentren setzt man auf deutsche Qualität.

In diesen Fällen gehen die Impulse natürlich größtenteils von der Mutter aus, aber auch wir von der deutschen Tochter sehen im europäischen Markt noch kein Ende der Möglichkeiten.

Grundlage für Erfolg in jedem Markt sind die Produkte ...

Genau, und da sehen wir uns sehr gut aufgestellt, aber auch einem harten Wettbewerb ausgesetzt, vor allem aus Fernost. Das ist eine Herausforderung, aber auch gut fürs Geschäft, weil es uns permanent zu Innovationen treibt – bei den Produkten und in unserer Fertigung. Das ist uns bisher gut gelungen.

Finder versucht nicht, die ganz großen Stückzahlen zu produzieren, das übernehmen die Mitbewerber aus Asien. Wir sind auf die kleinen und mittleren Stückzahlen fixiert und auf besondere Nischenanwendungen. Unsere Fachleute setzen sich mit den Kunden zusammen und entwickeln maßgeschneiderte Lösungen. Wir bauen auf Qualität aus Europa, das und die Nähe zum Unternehmen wird sehr geschätzt.

In der Szene sieht man Finder als Marktführer bei Koppelrelais für die Industrie. Da können wir uns gegen die Mitbewerber aus Asien und verstärkt auch aus Deutschland gut behaupten. Wir sind stark auf der DIN-Schiene, verkaufen aber auch Printrelais.

Gibt es da ein Beispielprodukt?

Ja, wir haben ganz neu ein Printrelais für Solar-Wechselrichter herausgebracht. Die Serie 67 ist kompakt, energieeffizient und zugleich sehr leistungsstark. Es handelt sich um ein Relais mit zwei oder drei Schließern, so genannten Brückenkontakten, mit jeweils einem Kontaktöffnungsweg von mehr als drei Millimetern. Der maximale zulässige Dauerstrom je Kontakt beträgt 50 Ampere bei einer Kontaktnennspannung von 400 Volt AC.

Gibt es weitere Produktgruppen?

Durch eigene Entwicklungen und teilweise auch Zukauf bietet Finder heute mehr als nur Koppelrelais. Zu unseren großen Programm gehören Fassungen sowie Zeitrelais, Mess- und Überwachungsrelais, Energiezähler, Thermostate, Filterlüfter, Heizungen, Netzteile oder Schaltschrankbeleuchtungen. Wenn wir schon in den Schaltschrank liefern, wollen wir dem Kunden auch ein komplettes System aus einer Hand bieten.

Um im Systemgeschäft effektiv und erfolgreich zu werden, müssen wir aber auch die Mitarbeiter im Vertrieb auf solche neuen Strömungen einstellen, und das tun wir momentan.

Wie wollen Sie Ihre Marktstellung sichern?

In all unsere Produktgruppen fließen immer wieder Innovationen ein, da bleiben wir nicht stehen. Wir wollen ja auch in 20 Jahren noch Relais verkaufen. Dazu erschließen wir mit Funktionsrelais immer neue Märkte wie die Elektronik oder die Solarindustrie. Wir als Finder sehen unsere Chance darin, in Applikationsfelder hineinzugehen, die nur mit intensivem Einsatz und viel Fachkompetenz in der Entwicklung abzubilden sind. Den Massenmarkt werden wir weiter bedienen, aber da sind die Claims abgesteckt.

Außerdem gibt es das riesige Gebiet der Installation, das wir bisher kaum bedient haben, denn Finder hat sich zu 95 Prozent auf den Einsatz seiner Produkte in der Industrieautomatisierung konzentriert. Darum wollen wir unseren Anteil in der Elektroinstallation in Deutschland deutlich anheben und die italienische Mutter hat signalisiert, uns dabei nach Kräften zu unterstützen.

Ein weiteres hoffnungsvolles Betätigungsfeld der Zukunft ist die Elektromobilität. Wenn die Politik ihre hochgesteckten Ziele in diesem Bereich umsetzen kann, wird das Aufladen der Batterien ein heißes Thema werden. Für dieses E-Charging können wir schon jetzt eine Vielzahl verschiedener Komponenten anbieten, und wir sind dabei, neue Lösungen für neue Herausforderungen zu erarbeiten.

Was wird die Zukunft noch bieten?

Der Fortgang von Finder als Familienunternehmen ist gesichert, wir trotzen sämtlichen Übernahmeangeboten, und die neue Generation bringt frische Ideen mit, die das weltweite Team beflügeln werden.

Es geht zum Beispiel darum, auch Kooperationen einzugehen und externes Know-how einzukaufen. Unser Gründer war da zeitlebens der Auffassung, Finder müsse alles aus eigenem Antrieb schaffen. Diese Impulse wollen wir auch in Deutschland umsetzen und gemeinsam werden wir es schaffen, die Zukunft von Finder zu sichern.z

-Seit 1992 bei Finder, zuerst im Außendienst.

-2000 Berufung zum Vertriebsleiter Deutschland.

-2011 Ausdehnung des Verantwortungsbereichs auf die Satelliten.

-Zusätzlich Prokura und Gesamtleitung Marketing und Vertrieb Deutschland plus Satelliten.

Erschienen in Ausgabe: 05/2013