Hitze und High-Tech

Schweiz Innovativ

Gießtechnik – Zuerst einmal ist Gießen pure Emotion, es kommt ein Gefühl auf vom Beginn aller Zeiten. Am Ende aber ist der Beobachter fasziniert von der Genauigkeit, mit der Spezialisten auch komplexe Bauteile herstellen können. Am anschaulichsten wird das in konkreten Anwendungen.

28. Juni 2012

Funken sprühen aus dem Schmelztiegel, es riecht nach Metall. Wenn man sonst meist mit sauberen Bauteilen zu tun hat und jetzt im Anzug direkt in der Gießerei steht, ist das fast eine Grenzerfahrung, ein archaisches Gefühl.

»Gießen bedeutete schon immer Macht und Blut«, erzählt Thomas Iten aus alten Zeiten. »Wer in der Lage war, Metall zu gießen, konnte auch Waffen schmieden und andere beherrschen.« Der Vertriebsleiter der Wolfensberger AG hat Erfahrung mit dem Verarbeiten von Metallen. Schon viele Jahre arbeitet er für den Gussspezialisten aus Bauma in der Schweiz. Seit 1924 brodeln hier die Öfen, seitdem arbeitet das Familienunternehmen daran, seine Gießverfahren immer weiter zu verfeinern. Ausdruck davon ist der so genannte Genauguss, mit dem das Unternehmen ohne weitere Bearbeitung sehr präzise Bauteile fertigen kann. Das ist frappierend angesichts der sehr rauen Umgebung in der Gießerei.

Wolfensberger beherrscht alle Verfahren der Gießtechnik und bezeichnet sich als Komplettlieferant für ganz spezielle Gusslösungen. »Wir sind ganzheitlich aufgestellt, vom keramischen Genaugießverfahren über den Sandguss, in welchen wir bis zu 80 verschiedene Stahl- und Eisenlegierungen verarbeiten können.« Dazu orientiert sich Wolfensberger immer mehr global. »Anders werden wir nicht überleben können heutzutage«, sagt Iten. »Wir müssen auf der ganzen Welt unsere Nischen finden, in Südkorea zum Beispiel, in Japan oder den USA.« Da die Produkte der Schweizer sehr erklärungsbedürftig sind, muss der Vertrieb aus den eigenen Reihen kommen. »Dazu versuchen wir, auf Messen oder in der direkten Evaluation neue Kunden zu finden.«

Vom Traktor zur Turbinenschaufel

In den Anfängen fertigte Jakob Wolfensberger, also der Großvater des heutigen CEO, einfache Graugussteile als Auftragsarbeiten, dann kamen Teile für Landmaschinen oder Pumpen hinzu. »Im Laufe der Zeit haben wir uns immer weiter spezialisiert, zum Beispiel auf verschleißbeständige Werkstoffe und auf Edelstahlguss«, berichtet Thomas Iten. Heute hat Wolfensberger ganz neue Kunden in der Kartei. »Wir sind mit bestehenden Kunden gewachsen, sind für sie in anderen Feldern aktiv geworden oder haben ganz neue Kundenfelder hinzugewonnen. Außerdem erstreckt sich das Angebot heute auch auf die Peripherie, auf Wunsch liefern wir sogar ganze Baugruppen.«

Das Unternehmen aus Bauma übernimmt auch Dienstleitungen wie Prüfung, Bemusterung und Abnahme für den Kunden. »Wir liefern komplett mit Zertifikat.«

Wolfensberger war nach Angaben des Vertriebsleiters schon immer innovativ und führend in der Gießtechnik: »Wir haben in den 40er-Jahren mit als erste eine Sphäroguss-Lizenz erworben und waren auch bei der Bearbeitung von Gussteilen sehr früh ganz vorne mit dabei, und das europaweit. Heute sind wir mit 270 Mitarbeitern in den Bereichen Genauguss, Sandguss und Bearbeitung mit der ganzen Beratung sehr gut aufgestellt.« Auf den keramischen Genauguss hat Wolfensberger unter dem Namen Exacast seit 2003 ein Warenzeichen angemeldet. Beschaufelte Teile wie Turbinen zum Beispiel, die sehr schwierig zu bearbeiten sind, ließen sich damit sehr präzise und mit einer hervorragenden Oberflächenqualität gießen, und zwar in der Endkontur. Eine weitere Bearbeitung ist dann nicht mehr notwendig. Darin liegt der große Unterschied zum einfachen Sandguss.

Innovation ist alles

Wie alle Schweizer Unternehmen leidet auch Wolfensberger laut Iten unter der aktuellen Währungssituation: »Das können wir eben nur über Innovationen wie unseren Genauguss ausgleichen sowie durch den engen Kontakt zum Kunden. Nur so finden wir unsere Nische im hoch regierten Stahlgussbereich und der Kunde den bestmöglichen Profit. Dazu gehört auch intensive Beratung.«

Was wirklich hinter einem Unternehmen steckt, zeigt sich aber am besten an den Geschichten aus der Praxis. Thomas Iten sind einige spannende Projekte in Erinnerung geblieben. »Wir wurden zum Beispiel einmal von einem Maschinenbauer angesprochen, der sich auf Großantriebe spezialisiert hatte. Er brauchte eine große Gussnabe mit einem Meter Durchmesser. Dessen Konstrukteure hatten einen Prototyp geschweißt und jetzt sollten wir das auf der Grundlage gießen. Wir mussten ablehnen, da die vorhandene Gusskonstruktion nicht zu verwenden war.

Aber wir legten eine von uns angefertigte Skizze mit einigen gießtechnischen Anpassungen bei, mit der die Nabe problemlos hergestellt werden konnte. Der Auftraggeber hatte aber anfangs Zweifel an der Festigkeit, er befürchtete, das Bauteil wäre viel zu filigran und damit instabil. Der stellvertretende Konstruktionsleiter hat sich das zum Glück aber noch einmal durchgerechnet und kam zu dem Schluss: Das Teil ist super und sogar noch um die Hälfte leichter. Dadurch konnte auch der Antrieb für die Nabe zwei Stufen kleiner ausgelegt werden, was nochmals die Kosten reduzierte. Wir haben das Teil dann vor sechs Jahren gegossen und es läuft noch immer.«

Bleibend ist auch ein anderes Projekt: »Wir durften vor vier Jahren – und da sind wir sehr stolz drauf – als kleine Schweizer Gießerei für die Daimler AG einen neuen Edelstahlguss entwickeln. Im Zuge neuer Umweltauflagen musste sich Daimler vom Grauguss für die Turboladergehäuse verabschieden. Dieser konnte den höheren Temperaturen, die bei der neuen Generation von Turboladern entstehen, nicht standhalten. Existierende Stähle hatten aber einen zu hohen Nickelgehalt und dieses Metall war damals sehr teuer«, erzählt Iten.

»Also sollten wir einen Low-Nickel-Stahl konzipieren. Das haben wir mit unserem Engineering-Team und der Daimler-Versuchsanstalt in Ulm dann auch getan. Nach zwei Jahren konnten wir dem Auftraggeber einen perfekten Stahl mit einem viermal niedrigeren Nickelanteil präsentieren, der mittlerweile auf Daimler und Wolfensberger patentiert ist. Die mechanischen Eigenschaften sind dabei genauso gut wie beim ursprünglichen Werkstoff.«

Hintergrund

Als Grundlage dient das VDG-Merkblatt P 690 für Feinguss. Die darin aufgeführten Toleranzen werden weitgehend eingehalten. Nur bei nicht formgebundenen Massen, etwa von der Kernform zur Außenform, ergeben sich Abweichungen, die aber das Limit der Norm nicht übersteigen. Eventuell ist eine Bearbeitungszugabe vorzusehen.

Erschienen in Ausgabe: 05/2012