Höhenflug am Bosporus

Trend | Absatzmarkt Türkei

Türkei – Unbelastet von den Unruhen im Land wächst am Bosporus ein vitaler Maschinenbaumarkt heran. Deutsche Komponentenhersteller streben darum dorthin und das mit sehr guten Erfolgsaussichten.

30. Oktober 2013

Nach den BRIC-Staaten macht die neue Abkürzung MIST die Runde, womit Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei als neue Hoffnungsträger im weltweiten Wirtschaftswachstum gemeint sind. Die Türkei macht dabei vor allem in Europa sehr stark von sich reden und bildet schon seit Jahren einen neuen Fixpunkt für deutsche Hersteller von Maschinen und Komponenten.

Die Wirtschaft am Bosporus und drumherum floriert, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat sich in den letzten zehn Jahren von 231 auf 772 Milliarden US-Dollar 2011 mehr als verdreifacht. Das Wachstum ist mit durchschnittlich 5,2 Prozent in den letzten neun Jahren sehr stabil. Die Aussichten sind vielversprechend, bei prognostizierten 6,7 Prozent wäre die Türkei die wachstumsstärkste Volkswirtschaft unter den OECD-Mitgliedsstaaten.

Investoren stehen für ihre Niederlassungen mehr als 26 Millionen junge, gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte zur Verfügung, die Arbeitsproduktivität steigt permanent. Die türkische Bevölkerung wird generell als jung, dynamisch und multikulturell charakterisiert.

Schwerpunkt in den Schulen sind vor allem Mathematik und Naturwissenschaften. Dementsprechend sind die bevorzugten Studiengänge Ingenieurwesen, Maschinenbau und Elektrotechnik. Da die Studienplätze an den Universitäten begrenzt sind, bekommen nur die besten Schüler diese Plätze. Jährlich verlassen rund 500.000 Absolventen die über 170 Hochschulen.

Die jungen und gut ausgebildeten Ingenieure mit Fremdsprachenkenntnissen streben nach Erfolg und dank Internet sowie einiger internationaler Messen steigt das Know-how-Level.

Das Geschäftsklima ist laut Experten liberal und flexibel, es gibt viele Reformen, die den Markt öffnen, sowie eine starke Industrie- und Dienstleistungskultur. Alle Investoren werden in der Regel gleich behandelt, ein freier Kapitalverkehr ist durch Gesetze gewährleistet. Auch in der Infrastruktur hat die türkische Regierung zugelegt, sowohl in Transport und Telekommunikation als auch in der Energieversorgung.

Die Türkei hat als natürliche Brücke zwischen Europa und Asien eine große geografische und strategische Bedeutung, 1,5 Milliarden Kunden lassen sich gut erreichen, bei einem geschätzten BIP-Volumen von 25 Billionen US-Dollar. Durch die mit 20 Prozent recht niedrige Körperschaftssteuer ist der Anreiz einer Ansiedlung hoch. Der Staat erteilt Investoren viele Vergünstigungen und weist sogar Land zu. Spezielle Zonen fördern die technologische Entwicklung. Seit 1996 existiert eine Zollunion mit der EU.

In der Türkei gibt es einen starken Maschinenbausektor, der sich im Maschinenbauverband MAIB organisiert hat. Dieser vertritt die Interessen seiner mehr als 8.000 aktiven Mitglieder und unterstützt sie in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern und auch im Export.

2011 exportierte die türkische Maschinenbauindustrie Maschinen und Zubehör im Wert von mehr als 12 Milliarden Dollar. Das sind fast 10 Prozent des gesamten Exportgeschäfts.

Deutschland ist dabei der bedeutendste Exportmarkt für die türkischen Hersteller. Im europäischen Vergleich ist die Türkei heute bereits sechstgrößter Maschinenbauproduzent und exportiert in mehr als 200 Länder.

Aktiv vor Ort

Die Zahlen und Eigenschaften sprechen also eine wunderbare Sprache und locken dementsprechend viele deutsche Komponentenhersteller in die Türkei. Für den Antriebsspezialisten Neugart aus Kippenheim ist die türkische Niederlassung ein Standbein des Erfolgs. »Die positiven Prognosen und Zahlen für die Türkei haben uns gereizt«, erzählt Göksel Tetik, Geschäftsführer von Neugart Turkey. »2011 haben wir an einer Messe in Istanbul teilgenommen und danach fiel der Entschluss, dort eine Niederlassung zu gründen, die seit Mai 2012 aktiv auf dem Markt vertreten ist.«

Ankara ist zwar die Hauptstadt der Türkei, aber das Herz des Landes schlägt in Istanbul. Dessen europäische Seite ist verkehrstechnisch sehr ausgelastet, darum wählen viele Unternehmen wie Neugart die asiatische Seite als Sitz. Von dort lassen sich alle wichtigen Ziele in der Türkei per Flugzeug in ein bis zwei Stunden erreichen. Neben Istanbul sind Bursa, Izmir und Ankara wichtige Städte, weil dort viele Maschinenbauer ansässig sind. Die innenpolitische Stimmung hat laut Göksel Tetik aber keine Auswirkungen auf das tägliche Geschäft: »Eine wirtschaftlich konsequente Regierung unterstützt den starken Aufschwung weiter.«

Betätigungsfelder für Neugart sind vor allem die Metallbearbeitung, aber auch in der Handhabung, Verpackung sowie der Holz- und Glasbearbeitung gibt es etliche gute Kunden.

»Kulturell legen die Türken sehr viel Wert auf persönlichen Kontakt«, sagt Göksel Tetik. »Um eine gute persönliche Geschäftsbeziehung herzustellen, ist es leichter, wenn ein Einheimischer die Türen öffnet. Das ist bei mir der Fall. Ich bin in Istanbul aufgewachsen, kenne aber auch Deutschland gut, denn ich habe dort studiert und auch als Ingenieur gearbeitet.«

B&R will mit seiner Niederlassung in der Türkei die dortigen Kunden noch effizienter betreuen, die weltweite Präsenz weiter ausbauen. Geschäftsführer Adnan Gülaç hat für sich und sein Team hohe Ziele ausgerufen: »Wir bedienen den gesamten OEM-Markt und wollen B&R als innovatives Unternehmen in der Türkei etablieren. Zudem haben wir den Anspruch, das Ingenieurwesen tatkräftig zu unterstützen, unseren Kunden neue Lösungswege in der Automatisierungstechnik aufzuzeigen und so den türkischen OEM-Markt im weltweiten Wettbewerb zu stärken.« Darum wird das Team in Logistik, Vertrieb und Applikation sukzessive ausgebaut.

Mit dem Boom im Maschinenbau wächst auch der Bedarf nach industrieller Sicherheitstechnik. Dies war ein Signal für Euchner, eine neue Tochtergesellschaft in der Türkei zu gründen, und diesem Bedarf nachzukommen. Vom Sitz in Istanbul aus will Euchner Kunden und Interessenten in allen Fragen rund um das Thema Sicherheit und deren Anwendung noch intensiver beraten und betreuen. Im Fokus steht auch die Hilfestellung bei der Anwendung von internationalen Normen.

»Mit diesem Schritt möchten wir noch näher bei unseren Kunden sein, um ihnen bestmögliche Unterstützung und Betreuung bieten zu können«, resümiert Stefan Euchner, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens.

Logischer Schritt

Yaskawa ist schon seit Jahren auf dem türkischen Markt über Vertriebspartner und Systemintegratoren aktiv. Aktuelle Marktdaten haben gezeigt, dass die Antriebe und Roboter von den türkischen Kunden geschätzt werden. Darum ist die Gründung von Yaskawa Turkey für das japanische Unternehmen ein logischer Schritt und zugleich Meilenstein, um die Präsenz in Europa zu verstärken.

»Wir freuen uns, in dem dynamischen Wachstumsmarkt Türkei unsere eigene Niederlassung zu haben«, sagt Manfred Stern, Präsident & COO von Yaskawa Europe. »Uns ist es wichtig, nahe bei den Kunden zu sein, ihnen von Beginn an ein kompetentes Vertriebsteam und auch eine starke Applikationsmannschaft zur Seite zu stellen.«

Darüber hinaus bietet das türkische Team Ressourcen zum Engineering von Software und ein lokales Schulungszentrum für Roboter und Drives & Motion. Demnächst soll es zusätzliche Value Added Services geben und weitere regionale Servicestützpunkte in der Türkei.

»Unsere Niederlassung wird von Beginn an die Synergie des gesamten Yaskawa-Portfolios nutzen und komplette Lösungen mit Frequenzumrichtern, Servomotoren und Maschinensteuerungen sowie Motoman-Robotern projektieren und anbieten«, sagt Turgay Halimler, Country Manager in der Türkei. Er kennt sowohl den europäischen Markt als auch die Besonderheiten der türkischen Kunden.

Auch in Ostwestfalen wächst das Interesse an der Türkei. Darum haben die dort ansässigen Maschinenbauer eine Kooperation mit dem türkischen Maschinenbau-Verband »Turkish Machinery« geschlossen. Somit seien zwei Kernregionen des Maschinenbaus verbunden und für eine gemeinsame und erfolgreiche Zukunft gerüstet, heißt es vom Cluster OWL. Ziel ist es, systematisch Vorteile für die Mitgliedsunternehmen auf beiden Seiten zu entwickeln. Die Zusammenarbeit soll sich auf Beschaffung, Produktentwicklung und Vertrieb erstrecken. Zudem sind mittelfristig gemeinsame internationale Forschungs- und Ausbildungsprojekte und Messeauftritte geplant.

Für Hans-Dieter Tenhaef, Vorstandssprecher von OWL Maschinenbau, ist der Industriestandort Türkei mit seinen gut funktionierenden Netzwerken, auch in den arabischen Wirtschaftsraum hinein, ein wichtiger Partner für den gesamten Maschinenbau in OWL. »Viele unserer Mitglieder haben bereits seit Jahren sehr gute Erfahrungen mit türkischen Zulieferunternehmen gemacht.« z

Auf einen Blick

- Aufgrund des Booms ist eine Ansiedlung für viele Hersteller von Komponenten sehr lohnenswert.

- Sehr starker Maschinenbausektor.

- Mit der Niederlassung lassen sich die Kunden viel intensiver betreuen, ein persönlicher Kontakt und einheimische Mitarbeiter sind sehr wichtig für den Erfolg.

Erschienen in Ausgabe: 08/2013