Hundertmal schneller

Spezial

Sichere Kommunikation – Es gibt viele Kommunikationsmodelle für den sicheren Betrieb von Maschinen und Anlagen. Was das Besondere an Open Safety ist, erzählt Stefan Schönegger, Geschäftsführer der Nutzergemeinschaft EPSG. Das Gespräch führte Michael Kleine

30. März 2012

Zunächst ist Open Safety eine über Industrial Ethernet integrierte Sicherheitslösung, die durch virtuelle Verdrahtung gestaltet wird. Das spart nicht nur Verkabelungsaufwand, der Aufbau einer Sicherheitslösung unter Berücksichtigung optionaler Ausstattungs- und Maschinenteile wird dadurch erst mit vertretbarem Aufwand möglich.

Zum Zweiten reagiert unsere Lösung 100-mal schneller als klassische Schaltungen und ist schneller als alle anderen verbreiteten Lösungen. Das funktioniert, weil über das Antriebssteuergerät bis zum Geber im Motor die gesamte Bewegungskette eingebunden ist und sichere Signale per Broadcast an viele Empfänger gleichzeitig gehen.

Das dritte und vielleicht wichtigste Argument ist die tatsächliche Offenheit von Open Safety. Mit dieser Open-Source-Software lassen sich sicherheitsgerichtete Lösungen unabhängig vom eingesetzten Systembus erstellen und theoretisch über jeden beliebigen Bus betreiben. So genügt es, pro Maschine nur eine Sicherheitslösung zu entwickeln und durch die Zertifizierung zu schicken, auch wenn für verschiedene Märkte unterschiedliche Steuerungs- und Feldkommunikationssysteme eingesetzt werden. Der Produktivitätsvorteil für den Anlagenbetreiber liegt auf der Hand.

Welchen Stellenwert nimmt Sicherheit generell in industriellen Anwendungen ein, heute und in Zukunft?

Es geht um nicht weniger als um den kompromisslosen Schutz von Gesundheit und Leben der Menschen, die mit den Maschinen arbeiten. Es geht aber auch um den Schutz von Maschinen, Werkzeugen und Werkstücken. Deren Ausfall durch längere Stillstände oder unkontrolliertes Anhalten ist teuer und mit Produktivitätsverlust verbunden. Dies wiederum führt zu Sicherheitsmängeln durch Manipulation und erfordert Lösungen wie Open Safety, die die Motivation zu manipulieren gar nicht erst aufkommen lassen. Der Stellenwert der industriellen Sicherheit wird in Zukunft noch weiter an Bedeutung gewinnen. In Ländern, die bisher ein geringeres Augenmerk auf industrielle Sicherheit geworfen hatten, nähert sich ihre Bedeutung mit großen Sprüngen unserem europäischen Niveau und gewohnten Anspruch weiter an.

Lohnt sich der Aufwand?

Auf jeden Fall. In der westlichen Welt ist die Normen- und Vorschriftenlage eindeutig, andere Weltteile ziehen rapide nach. Da ist es besser, sich gleich richtlinienkonform abzusichern, als später teuer nachrüsten zu müssen. Ab einer mittleren Komplexität gehört Open Safety zu den kostengünstigsten Sicherheitslösungen und vermeidet zudem die Produktivitätsverluste reiner Abschaltlösungen.

Was zeichnet die Technologie von Open Safety aus?

Open Safety als sicherheitsgerichtetes Protokoll nutzt den so genannten Black Channel, um neben den Steuerungsdaten über beliebige Feldbusse sichere Daten zu übertragen. Einzige Voraussetzung dafür ist, dass der Kommunikationskanal insgesamt genügend Kapazität aufweist. So funktionieren auch andere Systeme. Diese sind jedoch spezifisch auf ein bestimmtes Kommunikationsprotokoll zugeschnitten, während Open Safety nicht nur rechtlich, sondern auch technisch davon völlig entkoppelt ist. Die Möglichkeiten zur Gestaltung sicherer Maschinen und Anlagen mit Smart Safe Reactions gehen weit über das sichere Stillsetzen durch Nothalt hinaus und übersteigen die Möglichkeiten fast aller vergleichbaren Systeme.

Welche Vorteile ergeben sich für den Anwender?

Durch die schnellere Reaktion verkürzt sich der Anhalteweg bei Nothalt. Schutzeinrichtungen können näher an der Maschine angebracht werden und das spart teuren Bauraum. Noch mehr Platz bringt die Verkettung mehrerer Maschinen und Handhabungsgeräte in einer gemeinsamen Sicherheitslösung. Wenn diese Produktionskette sicher reagiert, reicht eine gemeinsame Sicherheitsumgrenzung aus. Durch die Smart-Safe-Reactions lässt sich zudem ein völliger Stillstand der Maschine oft vermeiden.

Wie sieht der idealtypische Anwender aus?

Den gibt es nicht. Von Open Safety profitieren Hersteller von Steuerungshardware, die ein umfassendes, weltweit zertifiziertes System mit anbieten möchten, ohne es selbst entwickeln zu müssen. Das gilt auch für Betreiber von Produktionseinrichtungen, die ein nahtloses Sicherheitskonzept für Produktionsstraßen umsetzen möchten. Es profitieren Maschinenbauer, weil sie ohne den Verdrahtungsaufwand traditioneller Lösungen die Kombination aus höchsten Sicherheitsstandards und maximaler Produktivität anbieten können. Nicht zuletzt können Anwender aus vielen Bereichen den sicher gewährleisteten Arbeitsschutz ohne große Mehrkosten auf hinzugefügte Optionen ausdehnen.

Wie wollen und können Sie die Attraktivität von Open Safety weiter steigern?

Zahlreiche Mitglieder der EPSG arbeiten an Implementierungen von Open Safety für bestimmte Basistechnologien. Viele davon werden nicht nur in der eigenen Lösung integriert angeboten, sondern als Vorprodukt und damit als Multiplikator für weitere Lösungen anderer Anbieter. Dadurch sinkt die Einstiegshürde, weil beispielsweise die Anschaltung an eine bestimmte Feldbustechnik fertig zugekauft und nicht selbst entwickelt werden muss. Funktional ist diese sicher begrenzte Geschwindigkeit am Werkzeugmittelpunkt nur das erste von vielen geplanten Tools mit dem Ziel, die Roboter und Maschinen aus ihren Zellen zu befreien und Hand in Hand mit Menschen arbeiten zu lassen.

Könnten Sie bitte eine beispielhafte Anwendung aus dem Bereich der Konstruktion schildern?

Wir können mit Open Safety die Konstrukteure fast aller Maschinen wesentlich entlasten. Unsere Lösung richtet sich nach den Bedürfnissen der Konstrukteure, sie müssen sich nicht nach einem starren Verdrahtungssystem der herkömmlichen Sicherheitstechnik richten. Das bringt neue Möglichkeiten und flexiblere Ansätze.

Erschienen in Ausgabe: 02/2012