»Hybridantriebe ermöglichen, neue Kundenwünsche zu befriedigen«

Interview

Innovationen – Die Hybridtechnologie adressiert einen lukrativen Zukunftsmarkt, prognostiziert Wolfgang Wiedemann. Der Chef des Steuerungs-, Messtechnik- und Hybridtechnikspezialisten STW schildert, wieso Elektroantriebe bei mobilen Maschinen im Kommen sind.

11. April 2012

Herr Wiedemann, als Sie 1985 zusammen mit Ihrer Ehefrau Katharina in Kaufbeuren ein Unternehmen gründeten, tauften Sie es Sensor-Technik Wiedemann GmbH. Denken Sie inzwischen darüber nach, Ihr Unternehmen umzubenennen?

Unser Ziel war 1985 die Entwicklung eines hochgenauen Druckmesssystems mit Aufbau einer Elektronikfertigung. Bis heute kennen uns die Kunden als Anbieter von Sensortechnik und wissen, dass die Buchstaben STW für unsere Sensor-Technik stehen. Aber Sie haben recht: Ich denke darüber nach, das Unternehmen etwas umzubenennen. Zum Beispiel gefällt mir der Gedanke, den Namensbestandteil Sensortechnik gegen den heute fürs Unternehmen besser zutreffenden Begriff Systemtechnik auszutauschen. Aber es bleibt weiter bei Sensor-Technik Wiedemann GmbH.

Sie haben Physik studiert. Begeistert Sie die Sensortechnik nicht mehr?

Die Sensortechnik begeistert mich wie eh und je. Ich bin auch Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der Firma Kaufbeurer Mikrosysteme GmbH. Deren Ziel sind Entwicklung und Produktion eigener Druckmesszellen auf Metall und Polymer mit Dünnschichttechnik. Das spannende Feld ist gerade für mich eine große Herausforderung. Ich werde da weiterhin einiges in Bewegung bringen.

Indessen macht die Sensortechnik am Gesamt-Umsatzvolumen von STW nur noch einen kleinen Teil aus.

Es sind knapp 30 Prozent, eher weniger. Ein Grund dafür ist, dass wir 1989 den Einstieg in die Entwicklung und Fertigung von elektronischen Steuerungen für mobile Arbeitsmaschinen begonnen haben. In diesem Bereich zählt STW schon sehr lange zu den marktführenden Anbietern.

Sollen die mobilen Maschinen für die Geschicke der STW eine weiter wachsende Rolle spielen?

Als Hersteller von Best-of-class-Produkten der Mikro- und Leistungselektronik mit breiter kundenorientierter Software ist STW für einen breitgefächerten Kundenkreis in der Automobilindustrie, dem Maschinen- und Anlagenbau, der Medizintechnik, der Lebensmittelindustrie und weiteren Branchen ein langjähriger und zuverlässiger Partner. Nur ein Beispiel sind unsere ESX-Steuerungen, die bei mobilen Arbeitsmaschinen für vielfältigste Anwendungen zum Einsatz kommen, insbesondere für sicherheitsrelevante Anwendungen.

Was ist mit Antriebstechnik für mobile Maschinen?

Das ist für uns heute ein enorm wichtiges Geschäftsgebiet. Insbesondere soll die Entwicklung von energiesparenden Systemen, Komponenten für dieselelektrische Antriebe, batteriebetriebene Fahrzeuge und – als Zukunftsvision – von Produkten für Brennstoffzellen-Antriebe weiter ausgebaut werden.

In der öffentlichen Meinung lässt die Strahlkraft der Elektromobilität neuerdings wieder nach.

Das ist bei mobilen Arbeitsmaschinen anders. Unter dem Begriff Elektromobilität werden Land- und Baumaschinen, Gabelstapler, Kommunalmaschinen und der öffentliche Nahverkehr wie auch viele Sonderfahrzeuge zunehmend elektrifiziert. Sie alle bieten Top-Einsatzgebiete für den kombinierten dieselelektrischen Antrieb.

Was ist mit Anwendungen im Gelände?

Speziell die Anwendungen jenseits der Straße wie Land- und Forstmaschinen können von der zunehmenden Elektrifizierung der Antriebstechnik besonders stark profitieren. Die Hersteller solcher Maschinen sind im höchsten Maße an der Elektrifizierung ihrer Antriebe interessiert, wie die Fachmesse Agritechnica letztes Jahr gezeigt hat. Darum hatten wir als Exponat auf unserem Messestand auch eine elektrische Kreiselegge von Lemken stehen.

Was macht Hybridantriebe für mobile Maschinen derart interessant?

Das sind viele Argumente: Beispielsweise sind mobile Arbeitsmaschinen stark von zyklischen Lastspielen gekennzeichnet. Ständiges Heben und Senken, Anfahren und Bremsen setzt viel Energie um. Sie lässt sich mit hybrid angetriebenen Maschinen zum Teil zurückgewinnen und danach speichern. Wird diese Energie beim nächsten Lastspiel wieder eingesetzt, führt das unmittelbar zur Ersparnis von Brennstoffen und Abgasen.

Chancen eröffnet den elektrischen Antrieben auch deren gute Regelbarkeit.

Richtig. So können Teilautomatisierungen die Fahrer entlasten und die Effektivität weiter steigern. Vorteile sind ferner der Betrieb des Dieselmotors im optimalen Arbeitspunkt, das mögliche Downsizing, sprich die Verkleinerung des Dieselmotors, der Boost-Betrieb, damit die Extraenergie im Antrieb aus der Batterie kommt – und vor allem die erhebliche Steigerung des Gesamtwirkungsgrads.

Den Vorteilen stehen allerdings Kosten entgegen, die ganz erheblich sind.

Ich meine, Hybridkonzepte werden die Frage beantworten, wie viel der Kunde bereit ist für eine energieeffiziente Technik bei gleichzeitig mehr Komfort – etwa spürbare Lärmreduzierung – aufzubringen. Dazu bietet der Hybridantrieb die Möglichkeit, neue Kundenwünsche zu befriedigen und wichtige Differenzierungsmerkmale zu anderen Fahrzeugherstellern zu schaffen. Nicht zu vergessen: Gesetzliche Bestimmungen wie neue Schadstoffklassen und Steuervorteile beschleunigen den Marktzugang für Hybridfahrzeuge.

Im Jahr 2010 verkündeten Sie, mit hybrider Antriebstechnik bei STW Hunderte neuer Arbeitsplätze schaffen zu können. Was ist aus diesem Plan geworden?

Was nicht ist, kann noch werden: Die ersten 80 Arbeitsplätze sind schon geschaffen. So wie wir in unterschiedlichen Gebieten technisch mit an der Spitze liegen, besitzen wir auch das beste dieselelektrische Antriebssystem, das der Markt im Moment anzubieten vermag: das System Powermela.

Was verbirgt sich hinter dem Namen Powermela?

Das Antriebskonzept wurde im Rahmen eines Kooperationsprojekts entwickelt. Das Ergebnis ist ein neuartiger Hybridantrieb für mobile Arbeitsmaschinen mit bis zu 800-Volt-Gleichstrom-Bordnetz für Zusatzaggregate und Anbaugeräte. Powermela ist modernste Technologie, bei der wir größten Wert auf den sicheren, zuverlässigen und dauerhaften Betrieb unserer Systeme gelegt haben, besonders auf funktionale Sicherheit.

Was heißt das konkret?

Der Baukasten Powermela umfasst modulare Lösungen für elektrische Antriebe, Wechselrichter, Batterien, das Batterie-Management, das elektrische Leistungsmanagement sowie die Sicherheits-, Verbindungs- und Anschlusstechnik in mobilen Arbeitsmaschinen. Alle Komponenten weisen einen mehrfachen Schutz vor hohen Spannungen auf. Zudem werden sämtliche Leistungskomponenten aktiv gekühlt, was den dauerhaften Betrieb von Batterien und Wechselrichtern, aber auch insgesamt kompakt gebaute Antriebslösungen garantiert.

Ist das System Powermela schon serienreif?

Die Serie läuft bereits, und wir setzen Powermela in schnell wachsender Stückzahl ab. Aus jetziger Sicht statten wir noch in diesem Jahr rund 100 Kundenmaschinen mit geschätzt 150 Generatoren und Motoren aus dem Powermela-Hybridbaukasten aus. Ich denke, im nächsten Jahr können und werden das bereits 600 bis 700 Antriebe sein.

Welche Kunden rüsten welche Maschinen mit Powermela aus?

Das System eröffnet den Nutzern große Wettbewerbsvorteile. Das ist der Grund, weshalb wir fast immer Stillschweigen zu den Lösungen unserer Kunden bewahren und Geheimhaltungsklauseln unterzeichnen müssen. Zwei ausgesprochene Pionierkunden darf ich aber nennen: die Firmen Kässbohrer und Rosenbauer.

Kässbohrer baut als Hybridlösung den Pistenbully E600, der laut einer Meldung aus dem Internet seit mehreren Wochen im Kaunertal fährt.

Beim Pistenbully 600E der Kässbohrer Geländefahrzeug AG mit Sitz in Laupheim treibt ein Dieselmotor den Powermela-Generator an. Der erzeugte Gleichstrom versorgt neben den Fahrmotoren auch die Elektromotoren zum Direktantrieb von Fräse und Winde. Das Fahrzeug fungiert zudem als Powerstation, die es gestattet, auch externe Geräte anzuschließen. Die Firma beziffert die Kraftstoffersparnis mit bis zu 20 Prozent. Ebenso interessant: Bei Talfahrt wird die Energie zurückgespeist und genutzt, um die Schneefräse anzutreiben.

Auch die zweite Lösung findet sich im Internet: Ein neues kommunales Feuerwehrfahrzeug namens AT aus Österreich.

Hersteller ist die Rosenbauer International AG aus Leonding. Deren AT hat ein speziell für den Einsatz im Feuerwehraufbau entwickeltes Hybrid-Energiesystem, das konstant 400 Volt Drehstrom erzeugt. Das sogenannte Electric Power System (EPS) steht als modulares System aus Einbaugenerator, Umrichter und den jeweiligen elektrischen Verbrauchern in verschiedenen Leistungsklassen zur Verfügung. Das EPS kann die Verbraucher im Fahrzeug versorgen und dazu eine externe Notstromversorgung sicherstellen.

Sie sind also von den Erfolgsaussichten für die neuen Hybridantriebe durch und durch überzeugt?

Ohne wenn und aber. Dank der ausgeklügelten Flüssigkeitskühlung ist die Powermela-C4-Maschine der leistungsdichteste Elektromotor, der für mobile Maschinen derzeit erhältlich ist. Gut vorstellbar, dass der Antrieb selbst in Bussen und Nutzfahrzeugen in größerer Stückzahl zum Einsatz kommt. Land- und Baumaschinen, Gabelstapler, öffentlicher Nahverkehr, Kommunal- und Sonderfahrzeuge – wir haben Anfragen für Tausende von Hybridantrieben. Es tun sich ständig neue Möglichkeiten auf, über die wir hier und heute leider nur nicht reden dürfen. In einem halben Jahr sieht das anders aus.z

Auf einen Blick

-Die Sensor-Technik Wiedemann GmbH (STW) mit Sitz in Kaufbeuren ist Hersteller von Hightech-Produkten der Mikro- und Leistungselektronik für einen breitgefächerten Kundenkreis in Branchen wie der Automobilindustrie, dem Maschinen- und Anlagenbau, der Medizintechnik oder der Lebensmittelindustrie.

-Begonnen hat das 1985 gegründete Unternehmen mit der Entwicklung eines hochgenauen Druckmessgerätes und Aufbau einer Elektronikfertigung. Heute hat das Unternehmen sieben Geschäftsfelder, die viele Kunden aus verschiedenen Branchen bedienen.

-Im Bereich der Entwicklung und Herstellung frei programmierbarer, elektronischer Steuerungen für mobile Arbeitsmaschinen zählt das Unternehmen zu den führenden Anbietern.

-Für die Zukunft plant Wiedemann unter anderem die Entwicklung von energiesparenden Systemen, Komponenten für dieselelektrische Antriebe, batteriebetriebene Fahrzeuge und als Zukunftsvision den weiteren Ausbau von Produkten für Brennstoffzellen-Antriebe.

Erschienen in Ausgabe: 01/2012