Idealismus siegt

Deutscher Normteile Award

Preisverleihung – Beim ersten Preis des Deutschen Normteile Awards 2017 war sich die Jury einig: Er geht an Jakob Prechtl und sein Konstruktionsbüro für ein portables OP-Mikroskop für Augen- und HNO-Anwendungen. Den zweiten Preis erhielt Manuel Bauer für ein Tandem-Liegerad und den dritten Andreas Klassen für ein CNC-Portal für Heimwerker.

06. November 2017

Der Deutsche Normteile Award ist auf einem guten Weg, Tradition zu werden und eine Instanz im Bereich der Normteile. Die Zahl der Einsendungen wächst von Ausgabe zu Ausgabe und die Dichte der gehaltvollen Projektbeschreibungen wächst. All das hat die Jury, bestehend aus Ganter, Cadenas und der :K, in diesem Jahr sehr gefreut, aber auch vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Beim Gewinner aber war sie sich unabhängig voneinander einig: Nur so ist die hohe Punktesumme von 209 zu erklären.

Es ist Jakob Prechtl für ein transportables OP-Mikroskop für Augen- und HNO-Anwendungen. Das Spezielle an der Gewinnerlösung: Die Geräte sind in Entwicklungsländern weltweit im Einsatz. »Wir verdienen keinen Cent an den Geräten, uns geht es darum, dass sehr arme Menschen in abgelegenen Gebieten eine Behandlung erfahren, die sie sich sonst nicht leisten könnten«, unterstreicht Jakob Prechtl.

Die Initialzündung kam 2014 durch einen befreundeten HNO-Arzt, der bei einer OP in Myanmar mangels ordentlichen Mikroskops Patienten hohen Risiken aussetzen musste. Er sagte: »Entwickle doch ein Gerät, das auf die wesentlichen Funktionalitäten reduziert ist, leicht und klein und damit transportabel ist und unabhängig von einer konstanten Stromversorgung«, erzählt Jakob Prechtl. »Und das haben wir auch gemacht!«

Ausschlaggebend in dem Projekt ist vor allem der Preis. Ein Gerät kostet circa 10.000 Euro. Prechtl verkauft es zum Materialkostenpreis an Ärzte, Kliniken im Ausland oder NGOs. Er setzt dabei auf ein einfaches Design und auf Norm- und Zukaufteile, etwa von Ganter über den bayrischen Händler Zitec. Alsdann wird das Gerät in seinem Konstruktionsbüro zusammengebaut.

Prechtl: »Wir freuen uns sehr über die Auszeichnung und das unerwartete Preisgeld von 2.500 Euro, das in ein neues Gerät für den Augenarzt Dr. Wahamu in Papua-Neuguinea fließt, der über kein Sponsoring verfügt.«

18 der robusten Geräte sind bereits im Umlauf, die wegen der hochwertigen Normteile und Optiken sehr lange halten. Sie lassen sich an jeden Tisch oder sogar an Motorhauben anschließen und laufen auch eine Stunde komplett unabhängig über den eingebauten Akku.

Das weltweit einzigartige Mikroskop wiegt nur zwölf Kilogramm und lässt sich komplett in einem Koffer als Handgepäck transportieren.

Es ist ohne Werkzeug in weniger als fünf Minuten auf- und abgebaut und kann mittels einer patentrechtlich geschützten Klemmvorrichtung sowohl an die Seitenschienen von OP-Tischen als auch an gewöhnliche Tischplatten montiert werden.

Neues Liegerad-Konzept

Die Grundbausteine für das Liegetandem von Mauel Bauer sind durch eine Projektarbeit während seines Studiums entstanden. Derzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Antriebstechnik der Hochschule Aalen und arbeitet an seiner Promotion. »Ich habe das Projekt immer noch im Auge und Modifikationen sind bereits in Planung, zum Beispiel eine elektrifizierte Variante«, sagt Bauer. Der zweite Platz beim Deutschen Normteile Award und das damit verbundene Preisgeld von 1.000 Euro bedeuten für ihn einen zusätzlichen Anschub.

»Das Besondere an unserem Rad ist, dass beide Fahrer auf gleicher Höhe direkt nebeneinander sitzen. So können sie während der Fahrt unkompliziert miteinander kommunizieren«, erzählt Bauer. Gleichgewicht spiele keine Rolle, man könne auch im Stehen nicht umfallen. »Wir haben zudem viel Wert auf Ergonomie gelegt. Die Sitzhaltung ist auch für ältere Menschen bequem und durch das moderne Fahrwerk werden Stöße effektiv abgefedert.«

Große Reifen maximieren Laufruhe und Traktion und minimieren den Rollwiderstand. Von 701 Einzelteilen des Liegerads sind nur rund 80 Teile speziell angefertigt. Der Großteil besteht aus gekauften Normteilen, zumeist aus dem Hause Ganter. Darum sind die Gesamtkosten vergleichsweise gering.

Perfekt für Heimwerker

Die Motivation für das CNC-Projekt von Andreas Klassen war eine Erleichterung für den Heimwerker. »Das, was mein Vater noch mit dem Hobel tat, können Menschen jetzt bequem und dabei auch preisgünstig mit meinem Portal erledigen und sich selbst einbringen«, sagt er und freut sich über die Auszeichnung, die ansporne, neue Dinge zu entwickeln und dabei noch stärker auf Normteile zu setzen. Da der Heimwerker einen Bausatz erhält und Klassen möglichst viele Norm- und Kaufteile in die Konstruktion integriert hat, entsteht ein kosteneffizienter »CNC-Maschinenbausatz«.

Schon mehr als 3.000 Mal wurde dieser bislang aus dem Internet heruntergeladen. Klassen: »Dort werden intensiv neue Anwendungen diskutiert und gemeinschaftlich konstruiert.« Für zusätzliche Anwendungen jenseits des Fräsens gibt es Anschlussmöglichkeiten in der Front- und Heckplatte sowie bei der Z-Achse. »An Erweiterungen gibt es bereits einen 3D-Druckkopf oder einen Referenzsensor.« Gemeinschaftlich ließe sich noch mehr gestalten, wie eine vierte Achse oder ein heißer Draht zum Schneiden von Styropor.

Beim Aufbau der CNC-Maschine dient das Gestell auch gleichzeitig als Laufführung. Hierbei laufen Kunststoffrollen über das Aluminiumprofil. Mit einem Exzenter an den Rollen lässt sich die Laufführung spielfrei einstellen. Der Anteil der Norm- und Kaufteile beträgt 79 Prozent, was sich positiv auf die Bewertung auswirkte.

Erschienen in Ausgabe: 08/2017