Ideenmangel?

Editorial

Die EMO ist Innovationsforum und Trendsetter», erklärt EMO-Generalkommissar Carl Martin Welcker. Auf dem wichtigsten Treffen der Metallbearbeitung stellen viele Hersteller ihre neuen Ansätze im Bereich Industrie 4.0 vor. (s. a. Bericht S. 42). Umdenken wird zu einem der wichtigsten Werkzeuge dieser Branche. Die Veranstalter und Aussteller einer anderen Megamesse tun sich mit dem Paradigmenwechsel deutlich schwerer: die IAA. Die deutsche Autobranche befindet sich in einer Glaubwürdigkeitskrise – selbstverschuldet. Bereits 2007 führte Kalifornien Abgasgrenzwerte ein, die heute noch die EU-Vorgaben unterschreiten. Spätestens 2010, als auch die EU strengere Abgaswerte verabschiedete, hätte den deutschen Autobossen klar werden müssen, dass »Noch.Mehr.Watt« die falsche Strategie auf dem Weg in die »New.Mobility.World« (IAA-Motto) ist.

22. August 2017

An mangelnden Ideen ihrer Ingenieure kann´s nicht gelegen haben. Bereits vor Jahrzehnten zeigten mir Daimler-Ingenieure in Sindelfingen ihren Wasserstoff-Antrieb, daneben lief ein Sterlingmotor. Die erste A-Klasse wurde so hochbauend entwickelt, weil Batteriezellen in den Unterboden passen sollten. Und Audi brachte den auf Energieeffizienz hin optimierten A2 auf den Markt. Doch irgendwann in den 2000ern scheinen die deutschen Autobosse ihren Ingenieuren den Auftrag gegeben zu haben, statt Vorreiter bei der Energieeffizienz zu werden, den Spitzenplatz bei den Leistungswerten zu besetzen.

Dass der Diesel nun, trotz seiner eigentlich hohen Energieeffizienz, als Dreckschleuder dasteht und selbst die Kanzlerin von einem Verbot ausgeht, ist dem kurzsichtigen Gewinnmaximierungsstreben der Autobosse geschuldet. Denn die Umweltbilanz eines e-Autos ist unterm Strich nur unter bestimmten Umständen besser als die eines Verbrenners. Seltenerdmetalle, Aluminium, Kunststoffe und Edelmetalle führen dazu, dass laut einer Fraunhofer Studie bereits bei der e-Auto-Produktion 60% mehr CO2-Emissionen frei werden. Kommt dann der Strom aus konventionellen Kraftwerken, ist die Energiebilanz auf Lebensdauer schlechter als die eines Verbrenners. Der hätte also durchaus Chancen, auch noch in 20 Jahren eine umweltfreundliche Antriebsalternative darzustellen – wenn es die Autobauer zulassen, die kreativen Energien ihrer Ingenieure wieder freizusetzen.

Aber dazu müssten VW, Audi, Daimler & Co. mindestens genauso hart an ihren Hierarchien und Strukturen arbeiten wie an neuen Antrieben. Denn »Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind«, erkannte schon Albert Einstein.

Hajo Stotz

Chefredakteur

Erschienen in Ausgabe: 06/2017