"In guten wie in schlechten Zeiten"

Interview

Torsten Wegner – Der Geschäftsführer von Novotechnik möchte sein Unternehmen als verlässlichen Partner etablieren, der für jede Problemstellung den richtigen Weg- oder Winkelsensor bietet.

31. August 2011

Nach Ausbildung und Physikstudium habe ich meinen beruflichen Werdegang als Entwicklungsingenieur begonnen. In elf Jahren Zugehörigkeit bei VDO habe ich mich über die Projektleitung bereits Richtung Marketing/Vertrieb orientiert. Weitere Erfahrungen in der Vertriebsleitung, angefangen von Klimanlagen bei dem Weltmarktführer Thermoking bis hin zu Befestigungssystemen in einem global tätigen Unternehmen, konnte ich in den darauffolgenden sieben Jahren erwerben.

Nach dieser bewegten Zeit hat mich Mitte 2008 das Angebot von Novotechnik erreicht, die Geschäftsführung für Marketing und Vertrieb zu übernehmen, in einer Zeit, als die ersten Wölkchen der großen Wirtschaftskrise aufkamen. Trotzdem hat mich das sehr gereizt und es macht mir bis heute sehr viel Spaß.

Warum ist Novotechnik Ihr Wunscharbeitgeber?

Ich wollte von Anfang an etwas bewegen, Strategien umsetzen. Das ist in großen Konzernen schwierig, ich hatte das in der Vergangenheit oft erfahren. Bei eigentümergeführten Unternehmen sind in der Regel die Entscheidungswege kürzer. Darum war für mich Novotechnik als mittelständisches, privat geführtes Unternehmen sehr interessant. In den Gesprächen mit Herrn und Frau Siedle, Eigentümer der zur Siedle-Gruppe gehörenden Novotechnik, wurde mir das klar signalisiert. Das Unternehmen wird verantwortungsbewusst und ergebnisorientiert geführt, unnötige Risiken zur Gewinnoptimierung werden vermieden, also ohne »Harakiri-Maßnahmen«.

Herr Siedle weiß genau, wo es langgeht, aber er lässt der Novotechnik-Geschäftsführung freie Hand, die Entscheidungsprozesse vorzubereiten. Wir arbeiten gewinnorientiert, aber sozialverträglich. Wir sichern Arbeitsplätze an dem Standort, indem wir wachsen, und übernehmen so soziale Verantwortung. Das sind ganz wichtige Faktoren für uns.

Auch wenn wir hier alle hart arbeiten, muss die Arbeit Spaß machen. Das ist meine Auffassung und ich möchte meinem Umfeld auch vermitteln, dass zielorientiertes Arbeiten zu Erfolg und Zufriedenheit führt. Das alles kann ich hier umsetzen und zudem authentisch sein – und dieser Umstand motiviert mich.

Auf welche Weise möchten Sie Novotechnik repräsentieren?

Novotechnik hat sich einen sehr guten Ruf in der Sensorbranche erworben durch Qualität und Zuverlässigkeit. Diesen Stand wollen wir weiter ausbauen. Unsere Kunden und der Markt generell müssen Novotechnik als absolut verlässlichen Partner ansehen, mit dem man Projekte abwickeln kann in guten wie in schlechten Zeiten. Es ist uns wichtig, die Lieferperformance und die sehr hohen Qualitätsstandards, die wir etabliert haben, einzuhalten.

In den Branchen, in denen wir aktiv sind, soll Novotechnik als ein Major Player in der Sensorik wahrgenommen werden. Wenn sich also jemand für mobile Sensoren interessiert, sollte er sich auf jeden Fall bei uns umsehen.

Im nächsten Jahr wird Novotechnik 65. Sie sind zwar noch nicht von Anfang an dabei, aber welche Meilensteine in der Geschichte von Novotechnik haben zu der guten Ausgangssituation geführt, die Sie bei Ihrem Antritt vorfanden?

Kernkompetenz von Novotechnik ist die Potentiometertechnologie, da kam ein Meilenstein nach dem anderen. Novotechnik hat das Potentiometer in den Maschinenbau eingeführt, hat die Technologie auf die Leitplastik ausgeweitet, bringt heute Pasten im Dickschichtverfahren auf FR4-Leiterplatten auf. Diese Pasten wurden immer weiter optimiert und erzeugen bei einer hohen Lebensdauer sehr stabile elektrische Werte.

Das Potentiometer leistet in vielen Applikationen noch immer hervorragende Arbeit zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis und ist aus dem Markt nicht wegzudenken.

Ein weiterer Meilenstein war die sehr frühe Zertifizierung nach ISO9001, da waren wir eines der ersten Unternehmen weltweit.

Die nachfolgende Zertifizierung nach ISO TS 16949 vier Jahre später ging noch einen Schritt weiter und war für ein Unternehmen in dieser Größenordnung eine Herausforderung, insbesondere, da sich Novotechnik nicht nur auf den Automotivesektor beschränkt hat.

Zu erwähnen ist auf jeden Fall auch die kontaktlose Technologie, wir haben einen Multiturn Sensor entwickelt, der dieser Tage in Serie geht und den GMR-Effekt nutzt. Er misst absolut bis zu 16 Umdrehungen, auch wenn die Versorgungsspannung unterbrochen wird, hat dieser Sensor nach erneutem Einschalten den richtigen Messwert (True-Power-On). Dieser Sensor ist ein Highlight unseres Produktprogramms und ein Alleinstellungsmerkmal im Markt. Es gibt weitere Sensoren, die mehrere Umdrehungen messen können, aber diese technische Performance bei einem sehr marktfähigen Preis bietet nur Novotechnik.

Wir befinden uns da momentan in einer einzigartigen Situation.

Viele Unternehmen verwenden in diesen Zeiten schon fast inflatorisch den Begriff Systemanbieter. Wie definiert sich Novotechnik?

Ich sehe Novotechnik nicht als Systemanbieter im herkömmlichen Sinn, wenn man als System zum Beispiel einen Joystick ansieht, in dem Sensoren verbaut sind.

Novotechnik sehe ich eher als eine Art Systemlieferant, von dem der Kunde verschiedene Sensorkonzepte oder Sensorsysteme beziehen kann. Er kann dann sagen, Novotechnik ist mein Spezialist für die Sensorik, dort kann ich auf verschiedene Produkte zurückgreifen, um ein Problem zu lösen.

Dadurch, dass der Kunde eine Vielzahl von unterschiedlichen Sensoren von Novotechnik beziehen kann, reduziert er seine Anzahl an Lieferanten und hat so einen Einkaufsvorteil. Insgesamt glaube ich, es gibt wenige Unternehmen, die im Bereich Weg- und Winkelmessung so breit aufgestellt sind wie Novotechnik.

Das ist ein gutes Stichwort. Welche Bereiche können Sie bedienen?

Wir verstärken derzeit die Anstrengungen im technischen Marketing, um zu definieren, in welchen Branchen wir uns engagieren. Da fällt es zum Beispiel auf, wie viele rotative Anwendungen es gibt, in denen immer Winkel zwischen 0 und 360 Grad oder ein Vielfaches davon gemessen werden.

Welche Sensorik zur Anwendung kommt, wird nicht ausschließlich durch die Messtechnologie sondern auch durch äußere Anforderungen wie zum Beispiel durch die Schutzklasse oder EMV definiert. Dem folgend kann ein Sensor in verschiedenen Bereichen zum Einsatz kommen, wenn er der branchenüblichen Spezifikation entspricht. Manchmal bieten sich aufgrund von Vibrationen oder starker Schmutzbelastung kontaktlose Hall-Sensoren an.

Wir bieten diese Sensoren mit oder ohne Welle, mit denen der Anwender gegebenenfalls transmissiv auch durch Aluminiumwände hindurch messen kann oder über die Welle kontaktiert. Im linearen Bereich gibt es ähnliche Unterscheidungen: Potentiometer sind stromsparend und haben gute EMV-Eigenschaften, aber manche Kunden müssen in Ihrer Anwendung Millionen von Hüben machen und wollen deshalb keine kontaktbehafteten Sensoren. Dort kommt dann die Magnetostriktion zum Einsatz. Diese ist aufgrund der technologiebedingten Totzone für kurze Längen nicht unbedingt geeignet. Für solche Applikationen hat Novotechnik die induktive Technologie im Einsatz.

Wie wichtig ist bei so vielen Einsatzfällen die Beratung?

Beratung ist nach wie vor der Schlüssel zum Erfolg. Wir müssen immer Applikation und Umfeld des Kunden im Blick haben und das perfekte Sensorkonzept für ihn erarbeiten. Wenn Novotechnik ihm schnell und ohne großen Entwicklungsaufwand dabei behilflich sein kann, sein Problem erst einmal zu lösen, ist das schon ein Faktor zum Erfolg.

Wir haben eine Hotline für den rotativen und linearen Produktbereich, in dem Vertrieb und Engineering zusammengefasst sind. Es gibt nicht mehr die klassische Entwicklung und den klassischen Vertrieb, sondern Produktbereiche für lineare und rotative Sensoren sowie einen Extrabereich für die sehr wichtige Automotive-Industrie. Hier sitzen mindestens zwei Spezialisten, die sofort Erstberatung über das Telefon geben können. Darüber hinaus haben wir unseren Außendienst. Das kann entweder ein Novotechnik-Mitarbeiter direkt sein oder einer unserer Außendienstpartner, die den Kunden vor Ort betreuen. Das gilt natürlich auch für den Service nach Abschluss des Projektes.

Wie geht es mit Novotechnik weiter, wie wollen Sie das notwendige Wachstum sichern?

Wir haben in der Krise ein Strategiepapier entwickelt, das bis 2015 ausgelegt ist und unsere Maßnahmen und Aktivitäten definiert. Dabei sind wir in der Umsatzplanung relativ konservativ gewesen. Für uns ist es wichtig, sicher zu wachsen, wir wollen Wachstum generieren, aber nicht durch überzogene Vorgaben. Es soll ein gesundes Wachstum sein und wir denken, dass das zu realisieren ist.

Wir sehen durchaus die Risiken im Markt. Die Finanzkrise schwebt nach wie vor über uns. Es genügt ein Blick auf die verschuldeten Euroländer oder auf die USA, die ständig ihre eigenen Schuldengrenzen anheben müssen, um überhaupt noch zahlungsfähig zu sein. Darum fokussiert sich Novotechnik auf wichtige Kunden, mit denen das Unternehmen wachsen will.

In unserer Strategie ist, Stand heute, kein Wachstum durch Übernahmen oder Akquisitionen vorgesehen.

VITA

- Ausbildung zum Uhrmacher, Studium der Physik.

- Elf Jahre bei VDO Automotive, danach Stationen bei Thermoking als Verantwortlicher für Vertrieb und Marketing und bei Textron Fastening als Key Accounter für DaimlerChrysler.

- Vertriebsleiter bei Novotechnik seit 2008.

- Geschäftsführer seit 1. Januar 2010.

Erschienen in Ausgabe: 06/2011