22. OKTOBER 2018

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Startup mit 70 Jahren


Porträt

Steuerungstechnik – In den Fünfzigerjahren verhalf ein Zeitrelais Schleicher Electronic zu Weltruhm. Falsche Unternehmensstrategien und ein Generationenwechsel trieben das Unternehmen dann in die Insolvenz. Heute ist Schleicher wieder kerngesund und aktiver denn je.

Der Anfang ist, wie so oft, unspektakulär: im Jahr 1937 gründete der ursprünglich aus dem Schwarzwald stammende Otto Schleicher ein neues Unternehmen und siedelte es im Berliner Stadtteil Moabit an. Die Lage war wohl mit Bedacht gewählt, denn Moabit hatte sich bereits im 19. Jahrhundert als einer der Hauptstandorte der in der Reichshauptstadt aufstrebenden Industrie etabliert. »Es lässt sich heute leider nicht mehr im Detail rekonstruieren, aber es ist vermutlich nicht sein erster Versuch gewesen, in Berlin geschäftlich Fuß zu fassen«, erklärt Armin Belle, seit April 2009 Geschäftsführer bei Schleicher. »Man munkelt, dass sich der umtriebige Ingenieur durchaus in verschiedenen Bereichen probierte und in den wilden Zwanzigern beispielsweise auch Elektro- und Lichtausstattungen für Unterhaltungslokale gefertigt haben soll.« Die neugegründete Firma hatte zunächst nur wenige Mitarbeiter und spezialisierte sich auf elektromechanische Geräte wie Zähler, Zeitschaltuhren und Anzeigegeräte. Dafür sah Otto Schleicher einen aufstrebenden Markt – und er sollte recht behalten.

Das Geschäftsvolumen wuchs in den folgenden Jahren kontinuierlich, und das Unternehmen überstand die Wirren des Zweiten Weltkriegs. Den Durchbruch erzielte Schleicher jedoch erst 1958 mit dem ersten multifunktionalen Zeitrelais MZ 54. Das Relais entwickelte sich zum Verkaufsschlager und wurde in großer Stückzahl weltweit exportiert. Die Schleicher Relais-Werke, wie das Unternehmen mittlerweile hieß, waren jetzt international bekannt. »Übrigens ist das MZ 54 sogar heute noch bei Kunden im Einsatz«, so Armin Belle. »Wahrscheinlich ist es auch deshalb so beliebt, da es auf rein elektromechanischer Basis und noch ganz ohne Elektronik funktioniert.« Weil die durch die innerstädtische Moabiter Lage bedingten Restriktionen der räumlichen Expansion der Unternehmens unüberwindbare Grenzen setzten, wurde der Firmensitz schließlich in ein Industriegebiet nach Berlin-Spandau verlagert.

Von der Mechanik und Elektromechanik kommend, hat Schleicher sich dann sehr schnell mit den Anfängen der Elektronik beschäftigt und folgerichtig Mitte der 70er-Jahre einen eigenen Geschäftsbereich Industrielle Steuerungstechnik gegründet. Ein weiterer Meilenstein in der Unternehmensentwicklung bildete 1983 die Einführung der CNC-Technologie durch Übernahme des NC-Kerns vom Fraunhofer-Institut. So ist Schleicher bis heute einer der ganz wenigen CNC-Hersteller mit eigenem NC-Kern und -Know-how. 1989 hat Schleicher sich dann erstmals auch dem Thema Safety mit Einführung der SNO-Sicherheitsschaltgeräte gewidmet. Seit dieser Zeit entwickeln sich die beiden Säulen des Geschäfts, nämlich die Komponentenseite mit allen Arten von Zeit-, Überwachungs- und Sicherheitsrelais sowie die Steuerungsseite mit modernen Automatisierungslösungen, kontinuierlich weiter. Kuriosität am Rande: Schleicher hat sich ab den 70er-Jahren nicht nur zu einem in seiner Sparte weltweit bekannten Unternehmen entwickelt, im Firmengebäude des jetzt in zweiter Generation von Helmut Schleicher geführten Unternehmens war bis Ende der 90er-Jahre auch das Konsulat des Staates Jordanien untergebracht. Helmut Schleicher selbst agierte nicht nur als Geschäftsführer, sondern führte auch den Titel Honorarkonsul von Jordanien.

Die Kritische Phase

Für Schleicher begann mit Anfang des neuen Jahrtausends ein kritischer Abschnitt der Firmengeschichte : Die Geschäfte liefen zusehends schlechter. In den 90er-Jahren getroffene Entscheidungen hinsichtlich der strategischen Ausrichtung des Unternehmens wirkten sich zusehends negativ aus und Schleicher verlor Marktanteile. Dass es soweit kam, hatte nicht zuletzt auch damit zu tun, dass die Übergabe der Geschäftsleitung an die mittlerweile dritte Generation alles andere als reibungslos verlief. Prozesse, die auch anderen Familienunternehmen oft Probleme bereiten, stürzten Schleicher in eine große Krise. Als das Unternehmen schließlich Ende 2002 Insolvenz beantragte, stand es vor einer ersten großen Zäsur.

»Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass dieser Einschnitt auch etwas Gutes hatte: er hat die verbliebene Kernmannschaft des Unternehmens nach Phasen der Unsicherheit fest zusammengeschweißt«, meint Armin Belle. Die durch die Insolvenz gerettete Substanz des Unternehmens war für andere Firmen durchaus interessant. Den Zuschlag erhält 2003 die Wieland-Holding, die ihre Elektronik-Sparte durch Übernahme von Schleicher ausbauen wollte. In der Praxis erwies es sich jedoch deutlich schwieriger als zunächst gedacht, eine gewachsene und auf den Vertrieb kundenindividueller Lösungen spezialisierte Unternehmensstruktur in eine übergeordnete Gruppenstruktur einzubinden, die auf den Vertrieb von Standardprodukten ausgerichtet war. Die erhofften Synergieeffekte blieben aus. Und so kam es schließlich im Jahr 2007 zu einem zweiten großen Einschnitt: die Wieland-Holding verkaufte Schleicher weiter an den Finanzinvestor Aurelius.

»Mit dem Verkauf an die Aurelius Industrieholding hat für Schleicher nichts Geringeres als eine völlig neue Zeitrechnung begonnen«, so Belle. »Damit hat Schleicher de facto seine Handlungsfähigkeit wiedergewonnen.« Das Führungsteam in Berlin, das neben Armin Belle aus den Geschäftsführern Ralf Hohmann und Uwe Jacob besteht, zieht an einem Strick. Es kann viele Entscheidungen autark vor Ort treffen. Sofern der in München residierende Eigentümer eingebunden werden muss, geschieht dies schnell und unbürokratisch.

Nicht kleckern, sondern ...

Schleicher hat in letzten Jahren doppelt gelitten: zu den hausgemachten Problemen ist die Wirtschaftskrise hinzugekommen, die natürlich auch an Schleicher nicht spurlos vorübergegangen ist. »Dennoch haben wir die Vertriebs- und Entwicklungsmannschaft in den letzten 12 Monaten massiv ausgebaut. Wir sind nicht in Deckung gegangen, sondern haben die Zeit genutzt, uns besser aufzustellen«. Die aktuellen Auftragseingänge bestätigen den eingeschlagenen Kurs. Das Jahr 2010 entwickelt sich vielversprechend, die Aktivitäten den Export anzukurbeln, tragen erste Früchte. Zeitgleich zum Ausbau des Vertriebs und der Entwicklung hat Schleicher sein Produktportfolio überarbeitet. Es gibt nicht nur eine neue Steuerungsgeneration und neue Bediengeräte, der Kunde bekommt jetzt auch komplette Antriebslösungen, sei es auf Servo- oder Frequenzumrichterbasis. »Mit der Vervollständigung unseres Produktportfolios sind wir in der Lage, unseren Kunden Komplettlösungen anzubieten und damit als Systempartner auch die volle Gewährleistung für das Gesamtpaket zu übernehmen«, so Belle. »Wenn wir damit den Weg zum Systemlieferanten beschreiten, machen wir aber mehr, als nur einem Trend zu folgen. Letztlich wollen wir dadurch noch besser das tun können, was schon immer die Spezialität von Schleicher war: unseren Partnern auf ihre Aufgaben exakt zugeschnittene, individuelle und sichere Lösungen erarbeiten«. Fragt man Kunden, warum sie Schleicher auch bei neuen Projekten immer wieder die Treue halten, bekommt man schon mal ein »Weil sie einfach alles für uns tun« als entwaffnende Antwort. Gerade in Zeiten stärkster Marktverdrängung kommt es noch mehr auf die Kundenbeziehungstiefe an. Trotzdem gibt es noch Branchen, in denen man Schleicher kaum kennt – obwohl das für die jeweiligen Aufgabenstellungen erforderliche Lösungs-Know-how bei den Spezialisten aus Berlin durchaus vorhanden ist. Und Armin Belle ergänzt schmunzelnd: »Wenn ich neuen Interessenten gegenübertrete, habe ich Schleicher – in Anbetracht der Dynamik der letzten 12 Monate – auch schon mal scherzhaft als Startup-Unternehmen mit 70-jähriger Geschichte vorgestellt.«

Ralf Schenk/csc


Zur Person
Armin Belle ist seit April 2009 Geschäftsführer bei Schleicher Electronic in Berlin-Spandau. Nach erfolgreichem Abschluss eines Elektronikstudiums in Heilbronn arbeitete Belle zuerst in der Entwicklungsabteilung eines Frequenzumrichterherstellers. Von dort aus wechselte er in den Vertrieb und sammelte bei mehreren namhaften internationalen Großfirmen seine Auslandserfahrung. Vor dem Wechsel zu Schleicher war Belle einige Jahre als Geschäftsführer eines bekannten Anbieters für Heavy-Duty-Sensorik tätig, den er erfolgreich auf Expansionskurs brachte.

Ausgabe:
:K 02/2010
Unternehmen:
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