IndustrialGreenTec = industrielles Grünzeug?

Kommentar

Ideologie – Ökologisch sinnvolles Verhalten lässt nicht erzwingen oder von oben verordnen. Entscheidend ist vielmehr, ob sich ein effizienter Umgang mit den Naturressourcen wirtschaftlich rentiert.

30. März 2012

Manchmal habe ich den Eindruck, von lauter »Gutmenschen« umgeben zu sein, die mich mit Nachdruck zu ihrem ökologischen Lebensstil zwingen wollen – oder jedenfalls zu dem, was sie dafür halten. Dieser unerfreuliche Eindruck mag seine Ursache in meinen täglichen Begegnungen mit der Bio-Schickeria im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg haben. Zum Habitus dieser Bevölkerungsgruppe gehört zum Beispiel, Kinder nicht einfach als Kinder anzusehen, sondern als Ausweis einer irgendwie neuen und besseren Lebensführung, der ständig präsentiert gehört. In der Folge wird man als argloser Fußgänger schon mal von drei ihre Kinderwagen nebeneinander schiebenden Müttern vom Bürgersteig auf die Straße gedrängt, mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre gegenseitige Rücksichtnahme eine Zumutung.

Hat man den vermeintlich sicheren Gehweg gerade wieder erreicht, fährt einen die nächsten stolze Mama fast um, die mit ihrem mit einem Kindersitz bewehrten Fahrrad auf dem Bürgersteig unterwegs ist und sich empört, dass man nicht gleich wieder auf die Straße hüpft, um Platz zu machen. Denn da das Fahrrad so extrem viel ökokorrekter ist als ein Auto, darf man damit natürlich überall fahren, wie es einem gerade passt. Und dann gibt’s um die Ecke bei unserm Büro eine Initiative, die das Parken auf der Straße an einem kleinen Innenstadtplatz verbieten lassen will. Da die Initiatoren ohne Auto auskämen, sollten es Ihnen doch bitte alle gleich tun. So also soll die bessere Welt aussehen.

Und jetzt werde ich leidgeprüfter Mensch mit der Einladung der Hannover Messe zur »IndustrialGreen-Tec« konfrontiert, der neuen internationalen Leitmesse für Umwelttechnologie. »GreenTec« klingt für mich wie »Grünzeug« auf Plattdeutsch. Ich mache mir so meine Gedanken, welche neue (oder alte) Sau da wieder durch die Messegassen getrieben wird. Die offizielle Androhung lautet: »Die IndustrialGreenTec wird umgeben von sieben weiteren internationalen Leitmessen, deren Aussteller und Fachbesucher auf der Suche nach intelligenten umwelttechnologischen Lösungen entlang der industriellen Wertschöpfungskette sind.« Wie bitte? Welche ökologischen Werte sollen denn da geschöpft werden? Hört doch endlich mal auf! Bei den Elektromotoren ist jetzt gerade IE4 angesagt, mit denen der Wirkungsgrad von 96 Prozent auf 96,33314 Prozent gesteigert wird.

Damit retten wir so lange die Welt, bis IE5 kommt.

Ich wünschte, dieser Unsinn würde unterlassen und stattdessen einfach ein Vorschlag der Grünen aus den 90er-Jahren wieder aufgenommen. Sie erinnern sich: Der Preis für den Liter Benzin sollte auf 5 DM erhöht werden, um den Anreiz zum Energiesparen zu vergrößern. Das ist für mich der richtige Ansatz: Ökologie und Ökonomie müssen in einen Zusammenhang gebracht werden – erst, wenn es wirklich wirtschaftlicher ist, Energie zu sparen, wollen die Leute das auch. Die Politik kann dazu die Rahmenbedingungen setzen. Es ist aber unsinnig, uns von oben herab vorzuschreiben, wie wir leben sollen oder wofür wir unser Geld ausgeben. Wem es Spaß macht, mit 20-Liter-Autos zu fahren und bereit ist, entsprechend dafür zu zahlen, der soll es eben tun.

Übrigens, damit keine Missverständnisse entstehen: Sowohl in meiner Agentur als auch privat leiste/n ich/wir mir/uns 100 Prozent Ökostrom von Lichtblick. Isch abe gar keine Auto (O-Ton: Herr Angelo aus der Kaffeewerbung), sondern fahre mit der Bahn oder dem Mietwagen, ich wohne in einem Niedrig-Energiehaus und trenne meinen Müll – aber ich lasse keine Bessermenschen den Inhalt meines Einkaufswagens im Supermarkt auf Bio- und Ökoverträglichkeit kontrollieren. Und Ende April suche ich auf der Hannover Messe Industrie nach den Innovationen, die die Welt effizienter machen – egal ob die nun hammerschlag-»green« sind oder lila.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 02/2012