Industrie statt Gaming

Für die Produktentwicklung hat BMW Mixed-Reality-Plätze mit 3D-Brillen installiert. Dadurch sollen die Fahrzeugentwickler in einer frühen Entwicklungsphase einen realitätsnahen Eindruck von den neuen Produkten gewinnen können.

27. April 2016

BMW ist nach eigener Einschätzung der erste Autohersteller, der Mixed-Reality-Systeme eingeführt hat, die sich komplett aus Komponenten der Spieleindustrie zusammensetzt. Für BMW hat das vor allem große Kostenvorteile gegenüber den bisher verwendeten Projektionsräumen. Deswegen sieht man diese speziellen Mixed-Reality-Plätze als einen ersten Schritt, um zukünftig viele Ingenieurs-Workstations mit Einrichtungen für virtuelle Realität auszustatten.

Die neue VR-Ausstattung soll ermöglichen, dass Ingenieure und Designer ihre Entwürfe in einer frühen Entwicklungsphase in 3D anschauen können, ohne dafür einen der raren Projektionsräume aufsuchen und eventuell dafür reisen zu müssen. Entwickler an vielen Standorten können dadurch an Entscheidungen teilnehmen. Physische Prototypen werden erst gebaut, wenn die Entwürfe mehrheitlich gutgeheißen wurden. Das verringert stark die Gefahr, mit der physischen Herstellung eines weniger geglückten Entwurfs Zeit zu verlieren.

Bei BMW sind VR-Systeme bereits seit den 90er-Jahren in Gebrauch, wurden also schon sehr frühzeitig installiert. Nun will man bei BMW erneut neue Wege gehen und Systeme verwenden, die für industrielle Anwendungen bislang unüblich sind. Die Komponenten aus der Spieleszene ermöglichen den Entwicklern, sich immer öfter in virtuellen Welten zu bewegen. Und diese werden immer realistischer. BMW nutzt hier die sehr kurzen Innovationszyklen aus der Unterhaltungstechnik sowie die niedrigen Kosten. Dadurch lassen sich viele Fahrzeugfunktionen in virtuelle Darstellungen übertragen. Zudem kann BMW zu moderaten Kosten viele Workstations mit VR-gerechter Ausstattung anschaffen.

Damit können die Entwickler beispielsweise eine Fahrt durch eine Stadt simulieren und dabei auf ein neu gestaltetes Interieur und die städtische Umgebung schauen. Dabei wird erkennbar, wie gut ein Display abzulesen ist und ob es leicht zu erreichen ist, je nach Blickwinkel und Sitzposition. Der Entwicklungsingenieur soll einen Eindruck gewinnen, als säße er in einem richtigen Auto und würde sich in einer realen Fahrsituation bewegen.

Nach einer Erprobung im Laufe des Jahres 2015 hatte BMW sich entschieden, die leistungsfähigste Technik zu wählen, die es zu dieser Zeit gab. Zur Spitzenklasse ihrer Kategorie gehört zum Beispiel die 3D-Brille HTC Vive mit zwei hochauflösenden Sichtfeldern und einem laserbasierten Trackingsystem, das in der BMW-Anwendung einen Bereich von 5 x 5 Meter abdeckt. Die Grafik basiert auf der 2014 vorgestellten Unreal Engine 4 von Epic Megagames, die bei BMW eine beeindruckende Bildrate von 90 Frames pro Sekunde bei guter Bildqualität ermöglicht. Die Bilderzeugung übernehmen PCs, nach denen sich jeder Gamer die Finger abschlecken würde: wassergekühlte Maschinen mit übertakteten Komponenten, Prozessoren Intel Core i7 und zwei (!) Grafikkarten Geforce GTX Titan X mit je 12 GB Videospeicher, den Spitzenmodellen unter den Spielekarten von Nvidia. Technische Fortschritte erwartet man bei BMW vor allem in puncto 3D-Brillen und Software. Dies will BMW regelmäßig überprüfen und dann gegebenenfalls nachrüsten.