Innovation entscheidet

Aus- und Rückblick

Lehre – In der kleinen, aber feinen Technischen Hochschule Deggendorf (THD) vermittelt Prof. Dr. Peter Fröhlich seinen Studenten die Kunst des Maschinenbaus. Was war für ihn 2014 wichtig, und was kommt 2015?

13. November 2014

Herr Prof. Fröhlich, wie ist die Stimmung beim Maschinenbau in Ihrer Region?

Ich nehme zwar nicht direkt am Markt teil, aber wir von der THD sind in engem Kontakt zu den Unternehmen, mit denen wir in Forschungsprojekten zusammenarbeiten oder bei denen unsere Studierenden ihre Arbeiten absolvieren.

Und dort kann ich feststellen, dass diesen Unternehmen Innovation sehr wichtig ist und sie viel Wert auf Forschung und Entwicklung legen. Sie verfügen über Alleinstellungsmerkmale, die sie weiterentwickeln wollen und sind auch in der Lage, ihren Kunden einen Nutzen zu generieren. Und denen geht es ausnahmslos gut, was ich gut nachvollziehen kann, denn Innovation zahlt sich aus.

Wie wirkt sich das auf Ihre Studenten aus?

Für ihre Bachelor- oder Masterarbeit sind unsere Studenten bei solchen Unternehmen aktiv, die Getriebe, Motoren oder Automatisierungstechnik herstellen. Die Studenten sind begeistert, weil sie interessante Aufgaben bearbeiten dürfen, und wir als Lehrkräfte auch, weil sie gut betreut werden und fast alle übernommen werden.

Insgesamt sind wir als Lehranstalt nach vorn ausgerichtet, wir möchten mit den Studierenden ein Stück Zukunft bauen, und das finden wir in den Partnerunternehmen wieder. Der Maschinenbau ist im Aufwind, das merken wir auch an den starken Zuwächsen bei den Bewerbern und weil sich 40 Prozent der Studenten, die sich im Fach Maschinenbau an mehreren Hochschulen bewerben, für Deggendorf entscheiden. Die ist eine hohe Quote, über die wir uns freuen.

Welche Komponenten sind dabei häufig vertreten?

Konkrete Beispiele möchte ich nicht herausheben, aber es geht durchgängig um Innovation.

Immer wichtiger wird das Produktmanagement, also die vorausschauende Planung und Positionierung der Neuheiten nach den Anforderungen der Kunden und Chancen im Markt. Eine Studentin hat eine komplette Roadmap für den Produktstart eines Getriebes erstellt.

Wo steht derzeit die Mechatronik an Ihrem Lehrstuhl?

Elektrotechnik, Maschinenbau und Mechatronik gibt es heute in Reinform nirgendwo mehr. Es sind immer Systementwicklungen und die Fragestellung, wie ich eine Gesamtarchitektur für mein Produkt entwerfen kann. Die verschiedenen Disziplinen sollen und müssen sich möglichst gut ergänzen. Es geht um den Systemansatz und darum, dass die Ingenieure von morgen diesen auch leisten können. Insgesamt bemerke ich ein gewisses Misstrauen der Mechatronik gegenüber, die Studierenden können das Thema wohl nicht so richtig einordnen. Darum tendieren viele zu klassischen Studiengängen wie Maschinenbau oder Elektrotechnik. Mechatronik hat aber ihren festen Platz in der Studienlandschaft und wird definitiv immer wichtiger.

Welche Bedeutung wird Software für den Maschinenbau bekommen?

Man kann heute mit Software sehr viel lösen, was früher mechanisch oder elektrisch funktionierte. Ich bin davon überzeugt, dass Software zum bestimmenden Faktor wird.

Das liegt auch an der wachsenden Nachfrage nach Plattformen und Baukästen. Es ist für die Unternehmen entscheidend, wie sie ihr Produktportfolio auf die steigenden Varianten und die zunehmenden Kundenanforderungen einstellen können. Am effektivsten ist es, auf ein Basisdesign zurückzugreifen und nicht jede Variante individuell entwickeln zu müssen. Und diese Differenzierung ist mit Software am einfachsten umzusetzen. Das führt zu neuen Geschäftsmodellen, indem ich ein Produkt in mehreren Segmenten platzieren kann und jeweils nur die Software anpasse. Dem klassischen Maschinenbauer fällt es derzeit aber noch schwer, sich von der Mechanik zu lösen. Aber dahin wird es gehen, und wir versuchen, das Thema verstärkt in die Lehrpläne einzubringen.

Als weiteren Trend sehe ich die agile Produktentwicklung, denn die klassische Form mit Prototypen, Erprobungsphasen und langen Durchlaufzeiten ist nicht mehr konkurrenzfähig. Es läuft künftig viel mehr über Modelle und Simulation. Wir können in zwei Wochen einen Entwurfszyklus durchlaufen und Zwischenergebnisse in kurzen Schleifen immer wieder überprüfen. Das macht die Prozesse flexibel und effektiv. Hier ist Software Vorbild und Grundvoraussetzung. Darum beleuchtet unser neuer Masterstudiengang Maschinenbau, der im Sommer 2015 beginnt, das Thema sehr stark.

Sie sind sehr aktiv in der Sicherheitstechnik. Warum?

Mich bewegt das Thema Security im Maschinenbau, weil es überlebenswichtig ist, Maschinen vor IT-Angriffen oder durch IT verursachte Fehlfunktionen zu beschützen und sich dagegen zu wehren. Der Maschinenbauer sitzt dabei zwischen den Stühlen: Er hängt von den Komponentenherstellern ab und seine Maschine geht in einen größeren IT-Verbund, wenn sie in Produktionsunternehmen steht. Auf den einen muss er sich verlassen und der andere fordert eine sichere Maschine. Das ist eine schwierige Situation.

Maschinenbauer beschäftigen sich teils schon intensiv mit der Thematik, aber für sie tut sich auch eine weitere Schere auf zwischen Security und Safety. Auf der SPS IPC Drives werden Fernwartungslösungen mit immer mehr Sicherheitsfunktionen zu sehen sein, aber das sind noch keine Dauerlösungen und da ist die Branche sicher noch nicht am Ende der Technologie angelangt. Ein System, das »safe« ist, ist noch lange nicht »secure«.

Welche neuen Themen stehen 2015 in Deggendorf auf dem Lehrplan?

Der neue Maschinenbau-Master wird einen Fokus auf integrierte Produktentwicklung legen. Die Studierenden sollen alle erforderlichen Schritte abwickeln können und dabei auch neue Methoden wie 3D-Druck oder 3D-Konstruktion einbeziehen.

»Virtuell« wird generell ein entscheidendes Stichwort sein im Maschinenbau. Hier taucht auch die berühmte Industrie 4.0 auf, wobei dies für mich vor allem die Individualisierung der Produkte bedeutet, mit der man sich erfolgreich in Nischen behaupten kann. Wir wollen notwendige Kompetenzen für eine solche Entwicklung gemäß Industrie 4.0 verstärkt vermitteln.

Sehen Sie dabei auch die Mitwirkung des Kunden als so wichtig an wie es viele Unternehmen derzeit tun?

Hätte Herr Daimler seine Kunden gefragt, was sie wollen, um die Kutsche zu verbessern, hätten diese gesagt, stärkere Pferde… Es reicht also nicht, seine Kunden zu fragen, jeder Maschinenbauer muss technisches Produktmarketing betreiben, welches vorausschauend von den Bedürfnissen des Kunden ausgeht und ein konkretes Problem für ihn löst. Dann muss er aber seine Produkte auf bestimmte Marktsegmente ausrichten.

Ich halte nichts davon, dem einzelnen Kunden seinen Griff links oder rechts anzuschrauben. Das treibt die Kosten nach oben, ohne Werte zu generieren. Viele Hersteller agieren zu stark aus der Technik heraus.

Erschienen in Ausgabe: 08/2014