Innovationsmotor Neugart

Menschen

Präzisionsgetriebe – Bernd Neugart und Thomas Heer, Geschäftsführende Gesellschafter bei Neugart, setzten auf Tradition, Präzision und Innovation. Nach diesen Maximen entwickelten sie das Unternehmen zu einem der führenden Anbieter von Standard- und Sondergetrieben.

15. Juni 2010

Der Weg zur Firma Neugart führt durch das beschauliche Kippenheim, mit seinen alten Fachwerkhäusern und dem schmuck Schloss. Die Hauptstraße biegt ab in das neue Industriegebiet und schon fallen zwei hochmoderne Industriekomplexe auf, die eher in einen Technologiepark passen würden, als in die kleine Gemeinde am Oberrhein. Der Schriftzug »Neugart« über dem Eingangsportal weist, dass das Ziel erreicht ist angekommen am Stammsitz einer der modernsten Getriebe- und Zahnradschmieden in Deutschland.

1928 gründete Karl Neugart, der Großvater der heutigen Geschäftsführer, einen Betrieb für Feinwerktechnik in Furtwangen. Für Neugart musste es »Metall mit Zähnen« sein, und bald spezialisierte sich der Betrieb auf die Produktion von Zahnrädern und Ritzeln. Abnehmer für die präzisen Bauteile waren Uhrenfabriken im Schwarzwald, und auch in mechanischen Rechenmaschinen fanden die Neugart-Zahnräder ihren Einsatz.

Über die Jahre wurden die Produktionsräume, Keller und Erdgeschoss des Wohnhauses der Familie, zu klein und Neugart suchte nach einem neuen Standort für sein Unternehmen. Der Zufall wollte es, das er in Kippenheim fündig wurde und dort ein Anwesen in der Oberen Hauptstraße erwarb. 1943 wurde der neue Firmensitz in Kippenheim bezogen, wo er auch heute noch zu finden ist. Von den ehemals knapp 15 Mitarbeitern aus Furtwangen folgten drei mit an den neuen Standort.

Auch nach dem Krieg war das lukrative Kerngeschäft von Neugart die Lohnfertigung feinwerktechnischer Produkte. Zeitlich günstig, zum Wirtschaftswunder, wollten die Kippenheimer nun auch eigene Produkte auf den Markt bringen. Die Produktion von Büffet-Uhren, die in den 50er-Jahren gerne auf Schränken in deutschen Wohnzimmern standen, war am Ende wirtschaftlich gesehen uninteressant. Ebenso wenig wurden der Elfera, ein Trockenrasierer mit Federantrieb, ein mechanischer Ölstandsanzeiger für Tanks und ein Rübenhobel zu Verkaufsschlagern.

80 Jahre Erfolgsgeschichte

Ab Ende der 60er-Jahre lenkten Karl Neugarts Kinder Georg und Erika in der zweiten Generation die Geschicke der Firma. 1978 wurde mit dem Bau eines neuen Werks im Gewerbegebiet von Kippenheim begonnen und ein Jahr später bezog Neugart die neue Produktionsstätte. Mit Thomas Herr, der seit 1989 im Unternehmen tätig ist, und Bernd Neugart, seit 1996 im Führungsteam, entscheidet nun die dritte Familiengeneration über die Entwicklung des Unternehmens. Thomas Herr ist dabei in erster Linie für die Entwicklung und den weltweiten Vertrieb von Standardgetrieben zuständig und Herr Neugart für kundenspezifische Verzahnungsteile und Sondergetriebe.

In einer beispiellosen Erfolgsgeschichte entwickelte sich Neugart von einer Garagenfirma zu einem Unternehmen mit 280 Mitarbeitern und über 30 Millionen Euro Jahresumsatz (2008). Eine der wichtigsten Weichenstellungen in der Unternehmensgeschichte fand 1975 statt. Die zunehmende Automatisierung in Deutschland, verlangte nach Antrieben mit hohem Drehmoment – die Nachfrage nach Getrieben stieg. Neugart bekam damals von der Firma Engel aus Wiesbaden den Auftrag, montierte Getriebe zu liefern und nicht nur die einzelnen Bauteile.

Das war der Beginn der Fertigung eigener Getriebe. Interessanterweise beliefert Neugart noch heute die Firma Engel mit seinen Produkten. Der zweite große Auftrag kam von Berger Lahr, heute Schneider Electric, mit einer Bestellung von Sondergetrieben. Schon damals zeigte sich, dass Unternehmen, die im Getriebegeschäft ganz vorne mitspielen wollen, standardisierte Getriebe kurzfristig liefern können müssen. Aber auch über das nötige Knowhow verfügen müssen, um komplexe kundenspezifische Sonderlösungen zu entwickeln.

Als erste Tätigkeit bei Neugart entwickelte Thomas Herr ab 1989 eine durchgängige Produktpalette mit Präzisions-, Präzisionswinkel- und Flanschgetrieben. Die Varianten wurden in einem Katalog zusammengestellt, mit dessen Hilfe Kunden die passenden Produkte auswählen konnten. Um die Produktpalette nach unten hin abzurunden, entwickelte er vier Jahre später, neben der hochwertigen Precision Line mit Fertigungsgenauigkeiten von 1 bis 3 Winkelminuten, die günstigere Economy-Line mit 10 Winkelminuten Genauigkeit. Nach wie vor setzt Neugart auf Geradeverzahung in seinen Getrieben. Umfangreiche Tests zeigten, dass sich die Axialkräfte, die bei Schrägverzahnungen auftreten, nachteilig auf den Wirkungsgrad, die Energieeffizienz und die Lebensdauer von Getrieben auswirken.

Um die ganze Welt

Mit Eintritt von Bernd Neugart im Jahre 1996 wurde die Weiterentwicklung von Sondergetrieben stark forciert und ebenso wurde die Internationalisierung der Firma ausgebaut. Heute hat das Unternehmen Niederlassungen und Produktionsstätten in mehreren europäischen Ländern, in den USA und in China. »Die Kernkompetenz von Neugart ist und bleibt hier in Kippenheim. Hier entwickeln wir unsere Produkte, und hier werden auch die technisch anspruchsvollen Bauteile produziert«, erklärt Bernd Neugart, wohl um Fragen zum Thema Abwanderung in ein Billiglohnland zuvorzukommen.

Diese Denke zeigt auch die Verbundenheit des Unternehmens mit dem Standort Kippenheim. Neugart sieht sich als große Familie. Der direkte Dialog mit Mitarbeitern, aber auch mit Kunden ist das A&O der Unternehmenskultur. Kaum Fluktuation und eine hohe Einsatzbereitschaft der Beschäftigten sprechen für sich.

Um die Erfolgsgeschichte fortzuschreiben, musste 2008 das Werk erweitert werden. Mit einer Investition von 12 Millionen Euro verdoppelte der Familienbetrieb seine Produktionsfläche. In Werk I finden heute die Entwicklung und Produktion von kundenspezifischen Sondergetrieben und die Fertigung von Verzahungsteilen statt. In Werk II werden Standardgetriebe in Serie produziert. Bei der Produktionssteuerung wird konsequent auf das Kanban-System gesetzt. Einerseits um Lagerbestände möglichst klein zu halten, anderseits um schnell und flexibel auf Bestellungen reagieren zu können.

Auch in Zukunft wird Neugart innovative Getriebe entwickeln und produzieren. Eine Absicht, elektrische Antriebe mit ins Sortiment aufzunehmen, um den kompletten Antriebsstrang anbieten zu können, besteht nicht. Die Kippenheimer konzentrieren sich auf ihre Kernkompetenz, und die heißt Getriebetechnik. Das ist mehr als nur Produkte. Neugart versteht darunter eine kompetente Beratung, schnellste Abwicklung von Servicefällen und im Internet die Bereitstellung aller Daten für den Konstruktionsprozess. Drüber hinaus bietet Neugart im Web das kostenlose NCP-Auslegungstool an, ein leicht zu bedienendes Instrument zur Findung der richtigen Getriebeauslegung.

Und dass die Zukunftsstrategie richtig ist, zeigt nicht nur der kürzlich unterzeichnete Kooperationsvertrag mit der Firma B&R aus Österreich, die Neugart künftig mit Planetengetrieben versorgen wird, sondern auch die Platzierung von Neugart in der Top-100-Aufstellung innovativer mittelständischer Unternehmen.

Christoph Scholze

Zur Person

- Thomas Herr, geboren 1957 in Ettenheim, Studium der Feinwerktechnik an der FH Furtwangen, anschließend Konstrukteur bei Mauser Werke und danach Projektleiter bei Hauser in Offenburg.

- Bernd Neugart, geboren 1966 in Kippenheim, Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der FH Offenburg, dann Trainee und Gruppenleiter bei Robert Bosch Verpackungsmaschinen.

Erschienen in Ausgabe: 04/2010