Intelligente Notfall-Steuerung

Sicherheitstechnik

Brandschutztechnik Im Chemnitzer Museum Gunzenhauser sorgt ein programmierbares Steuerungssystem von Pilz dafür, dass Besucher, Personal und Kunstwerke im Brandfall so gut wie möglich geschützt werden.

06. Juli 2009

Spätestens mit dem Großbrand, der im Jahr 2004 weite Teile der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar verwüstete, gelangte der Brandschutz verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit. Um zu verhindern, dass noch einmal wertvolle Kunst- und Kulturbestände für immer vernichtet werden, bekam das Chemnitzer Museum Gunzenhauser vor seiner Öffnung ein intelligentes Brandschutzkonzept. Denn das eindrucksvolle, 1930 im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtete Gebäude sollte Werke deutscher Expressionisten aufnehmen. Zu diesem Zweck ließ der Galerist und Kunstsammler Alfred Gunzenhauser das ehemalige Sparkassengebäude in rund zweieinhalbjähriger Bauzeit komplett sanieren. Weil das ausführende Unternehmen MSR-Elektronik mit einem vergleichbaren Brandschutzkonzept im nahe gelegenen Kulturkaufhaus Tietz sehr gute Erfahrungen gesammelt hatte, setzte es auch beim Museum Gunzenhauser auf eine Steuerungs- und Sicherheitslösung des Sicherheitsexperten Pilz.

Szenarien für den Notfall

Bei Museen spielen der aktive und passive Brandschutz eine zentrale Rolle. Denn im Brandfall müssen Besucher und Personal über gekennzeichnete und freizuhaltende Fluchtwege möglichst rasch ins Freie gelangen. Außerdem muss der Brandherd eng begrenzt und der Rauch auf schnellstem Weg nach draußen befördern werden. Dazu muss die Brandschutzanlage im Notfall ein entsprechendes Aktionsszenario in Gang setzen. Im Museum Gunzenhauser ist die Brandschutztechnik Teil der Gebäudeautomation, die das Raumklima des gesamten Bauwerkes weitgehend automatisch regelt. »Dies ist eine echte Herausforderung für die hausinterne Brandmeldezentrale«, erläutert MSR-Inhaber Matthias Kuhn. »Auf Basis der verfügbaren Informationen muss sie innerhalb weniger Sekunden dasjenige Szenario wählen, das die größtmögliche Sicherheit und den geringstmöglichen Schaden verspricht.«

Die durch das Brandschutzkonzept vorgegebenen Entrauchungsszenarien setzt ein programmierbares Steuerungssystem PSS 3000 von Pilz um. Anhand der Steuerungslösung kann man bereits im Vorfeld unzählige unterschiedliche Handlungsvarianten, die in konkreten Szenarien münden und im Notfall einen detaillierten Aktionsplan in Gang setzen, durchspielen.

An das System angeschlossen sind verschiedene Geräte und Systeme, von über das gesamte Gebäude verteilten Rauchdetektoren, Entrauchungs- und Druckbelüftungsventilatoren für die Treppenhauszwangsbelüftung über Lüftungsanlagen mit Entrauchungsfunktion, Brandschutz- und Jalousieklappen, Fenster- und Türöffner, Aufzüge für Evakuierungsfahrten bis zur Notlichtbeleuchtung, dem Feuerwehrruf, Lautsprecheranlagen und dem Gebäudeleitsystem. Erhält die Steuerung von der Brandmeldeanlage die Meldung, dass in einem definierten Gebäudeabschnitt Rauch festgestellt wurde, startet sie jenes der dreizehn programmierten Entrauchungsszenarien, das für den vorliegenden Fall den größten Erfolg verspricht. Nach diesem Szenario sperrt die Steuerung je nach Brandort bis zu elf Lüftungsanlagen. Gleichzeitig gewährleistet sie, dass die zentrale Zu- und Abluftanlage, als sogenannte Opferanlage, auch im Brandfall funktioniert und das Gebäude entraucht. Das PSS3000 steuert rund 180 über das gesamte Gebäude verteilte Brand-, Jalousie- und Entrauchungsklappen und überwacht über die Rückmeldungen der jeweiligen Aktoren, dass das System die ausgelösten Schaltbefehle ausführt. Es setzt damit die im Brandschutzkonzept entworfenen Abläufe so um, dass im Ernstfall sichere Fluchtwege gewährleistet sind.

Zuverlässig und flexibel

Beim Gebäudeumbau kam erschwerend hinzu, dass die einzelnen Gebäudeabschnitte zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Betrieb gingen, für die bereits fertiggestellten Bereiche aber die volle Funktionsfähigkeit der Entrauchungsfunktion gefordert war. Somit musste das Konzept regelmäßig an den Baufortschritt angepasst werden. Mit konventioneller Relaistechnik wäre ständiges Um- und Neuverdrahten unvermeidlich gewesen. »Alternativ hätten wir Hunderte von Relais verdrahten müssen, die Verdrahtungskosten und der Platzaufwand wären immens gewesen«, sagt Matthias Kuhn. Es ist übrigens noch gar nicht lange her, dass Steuerungs- und Sicherheitslösungen von Pilz in der Gebäudeautomation Einzug hielten: Was im Maschinenbau zuverlässig funktioniert, muss auch im Bereich der aktiven Brandschutztechnik einsetzbar sein, dachte sich der Ingenieur Matthias Kuhn im Jahr 2001. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wegen des hohen Kostendrucks im Baugewerbe und immer kürzere Bauzeiten, sind flexible und zuverlässige Lösungen gefragt. Das Steuerungssystem vereinfacht Service und Wartung. Beispielsweise können einzelne Entrauchungsszenarien bereits vorab schrittweise getestet werden. Seine Pforten öffnete das Museum Gunzenhauser schließlich am 1. Dezember 2007 und zeigt seitdem seine bedeutenden Werke. Das Brandschutzsystem musste seine Zuverlässigkeit bislang nur zu Testzwecken beweisen – zum Glück.

Nicole Oberender, Pilz/aru

Erschienen in Ausgabe: 04/2009