Interview

Motoren – Die Antriebsspezialisten von Vues sind zusammen mit der deutschen Vertriebsgesellschaft VSM Antriebstechnik in den Armen der Moog-Gruppe gelandet – eine solide Sache und ein gutes Gefühl für alle Beteiligten.

19. März 2019
Interview
Rollengewindespindeln sind eine Spezialität von VSM und in der Moog-Gruppe sehr willkommen. (Bild: Moog-VSM)

von Erik Stephan, VSM Antriebstechnik, Jörn Jacobs, IHW Marketing, und Michael Kleine

Akquisitionen sind ein probates Mittel, um die Geschäftstätigkeit voranzutreiben. Das hat auch der US-amerikanische Konzern Moog beherzigt und den Antriebsanbieter Vues übernommen. Damit ergibt sich eine spezielle Konstellation, denn es sind mehrere Länder beteiligt. Das Headquarter von Moog für Europa befindet sich in Irland.

Hierdurch wird es jetzt noch leichter kundenspezifische Lösungen anbieten zu können, denn es kommt umfassendes Know-how hinzu: Die Moog Industrial Group hat nämlich unlängst den Antriebshersteller Vues Brno aus dem tschechischen Brünn gekauft, der jetzt Moog Brno heißt und das strategische Wachstum des Geschäftsbereichs EM Motion Control Products signifikant unterstützt. Das Unternehmen mit 550 Mitarbeitern an drei Standorten vertreibt seit 1947 für einen breiten Kundenstamm kundenspezifische Servomotoren und -aktuatoren, Linearmotoren, Großantriebe, Dynamometer sowie Generatoren in den Bereichen Automatisierung, Automotive, Energie und Maschinenbau.

Umfassende Lösungen

Auch ein deutsches Unternehmen ist an der Transaktion beteiligt: Gemeinsam mit Vues Brno wechselt die VSM Antriebstechnik GmbH aus Griesheim in die Gruppe und soll als Vertriebs- und Engineering-Spezialist Vorteile für Anwender auf dem deutschen Markt bringen, denn neben den existierenden Motoren und Aktuatoren von Vues lassen sich jetzt umfassende Antriebslösungen über das Moog-Gesamtportfolio realisieren und die Lieferzeiten reduzieren. Ein Fokus liegt zum Beispiel auf den zunehmend eingesetzten Gewindespindeln, die hohe Anforderungen an die maschinelle Ausstattung und Fertigungspräzision sowie das Fachpersonal stellen. Moog betreibt dafür in Bergamo einen eigenen Fertigungsbereich.

Steter Ausbau

Dort werden seit den 90er-Jahren nicht nur Kugel-, sondern auch Rollengewindetriebe gefertigt. 2013 folgte dann die erste invertierte Gewindespindel.

Jüngst wurde die Fertigungsstätte in der Produktionsfläche auf insgesamt 2.600 Quadratmeter verdoppelt und unter anderem mit weiteren Gewindeschleifmaschinen zur Herstellung von hochpräzisen Spindeln erweitert. So gelang es, die Lieferzeit auch für kundenspezifische Aufträge deutlich zu verkürzen.

Wie bei Vues ist auch hier das Verständnis für die Entwicklung kundenspezifischer Antriebslösungen besonders ausgeprägt. Generell entstehen für Kunden und die Unternehmen der gesamten Gruppe Gewindetriebe samt Simulation und Dimensionierung bezüglich Zyklus, Einbauraum und Umgebungsbedingungen. Die Experten wählen die jeweils geeigneten Materialien und Prozesse aus, um eine optimale Leistungsfähigkeit zu erreichen. Ein eigener Lebensdauerteststand sowie Prüfstände für lückenlose Produktionsüberwachung jeder gefertigten Spindel runden Fertigung und Entwicklung ab.

Zukünftige Investitionen in Moog Bergamo sind geplant, um die Produktion weiter zu verbessern und außerdem die Effizienz zu steigern.

Andrew Barrett, General Manager Motion Control von Moog Europa mit Sitz in Irland, erzählt aus erster Hand über die Einzelheiten der Übernahme von Vues.

Herr Barrett, was hat Moog dazu bewogen, den Deal mit Vues in die Wege zu leiten?

Wir sind ein renommierter Hersteller im Bereich Antriebstechnik und hatten uns zum Ziel gesetzt, unsere Gruppe um einen wirklichen Spezialisten für Servomotoren und große elektrische Maschinen zu erweitern. Wir hatten hier eine deutliche Lücke in unserem Portfolio identifiziert und konnten diese durch die Übernahme von Vues ausgleichen, was unser Produktportfolio in der Servo- und Großmotoren-, Generatoren- und Linearmotorentechnik erweitert.

Die Übernahme wird auch unseren Zugang zu Kunden auf dem mitteleuropäischen Markt verbessern. Vues arbeitet eng mit den Kunden zusammen, um ihre individuellen Bedürfnisse zu verstehen, und passt die Produkte entsprechend an, um die beste Lösung anzubieten.

Dank der neuen Werke in Tschechien können wir unsere Kapazitäten gezielt erweitern und sind so auch näher dran an den Kunden in diesen lokalen Märkten. In Brünn entstehen zudem Prototypen neuer Antriebe, die wir dann weltweit anbieten möchten. Wichtig sind auch die guten Testbedingungen, die wir bei unserer neuen Tochter vorfinden. Hier sehen wir ein großes Potenzial für neue aussichtsreiche Felder. All dies ist günstig für uns angesichts der boomenden Wirtschaft, wobei meiner Ansicht nach hier noch kein Ende abzusehen ist. Wir heißen Vues in der Moog-Gruppe willkommen und laden alle neuen Mitarbeiter ein, ihre Ideen kreativ einzubringen.

Gilt die Verbesserung auch intern?

Ja, durch die Übernahme von Vues sind wir wesentlich flexibler und leistungsfähiger geworden, einen Teil der früher zugekauften Komponenten, haben wir jetzt im eigenen Haus zur Verfügung. Weil die Wege dadurch kürzer geworden sind, können wir schneller darauf zugreifen. Durch diese Vorteile vergrößert sich die Wertschöpfung in der gesamten Gruppe. Durch die neuen Werke erweitern wir unsere Kapazitäten und können unsere Produktionsplanung weiter optimieren.

Unser Business-Modell ist auf maßgeschneiderte Lösungen ausgerichtet. Durch eine größere Anzahl von Motorplattformen können wir die Wünsche unserer Kunden jetzt schneller und besser erfüllen. Wir wollen dem Markt damit signalisieren, dass wir über ein erweitertes Portfolio verfügen und so eine wesentliche stärkere Position innehaben.

»Die Akquisition von Vues wird uns ein gutes Stück voranbringen.«

— Andrew Barrett, Moog

Ergeben sich auch technische Neuerungen?

Im Bereich der Servos steigt die mögliche Dauerleistung von 300 auf 800 Newtonmeter an. Da jetzt auch Servoregler in der Gruppe vorhanden sind, können wir bei unseren Kunden als Systemanbieter auftreten. Das ist wichtig in der heutigen Zeit und erweitert unser Portfolio.

Wie verfahren Sie mit dem Branding?

Die neuen Werke wurden in die Moog-Gruppe aufgenommen und umfirmiert. Ein einheitlicher Auftritt ist für uns wichtig, daher gilt zukünftig das Moog-Branding für alle Standorte. Eine Ausnahme bildet die VSM Antriebstechnik GmbH als Vertriebsstandort, in diesem Fall wurde der bisherige Name beibehalten.

Welche Zukunftserwartungen haben Sie?

Wir sind zuversichtlich, dass uns die Akquisition ein großes Stück weiterbringen wird. Das gebündelte Know-how der Moog-Gruppe eröffnet uns neue Möglichkeiten, um damit neue Marktsegmente bedienen zu können.

So möchten wir beispielsweise die Geschäftsfelder Motoren, Linearantriebe, Spindeln und Elektronik in der Moog-Gruppe erweitern. Hierfür liefert Moog Brno mit ihrer starken Entwicklungsabteilung einen entscheidenden Beitrag. Mit der Übernahme sind wir in Europa viel sichtbarer geworden, was zum Beispiel während der Messe SPS 2018 in Nürnberg zu spüren war.

Wachstumspotenzial ist in einer Vielzahl von sehr unterschiedlichen Branchen vorhanden. Hier gilt es jetzt, mit unseren erweiterten Möglichkeiten passende Lösungen zu präsentieren. Unseren bestehenden Kunden können wir eine wesentlich breitere Produktpalette bieten, was zu einer noch engeren Bindung führt.

Wir freuen uns auf die vielversprechende Zukunft.

Erschienen in Ausgabe: 02/2019
Seite: 14 bis 15