»Immer wieder neue Technologien«

Die Industriesparte bei Schaeffler boomt. Dessen Leiter Marcus Eisenhuth nennt die Gründe und was für einen bleibenden Erfolg zu tun ist.

05. September 2019
»Immer wieder neue Technologien«
Marcus Eisenhuth. (Bild Schaeffler)

Wie erklären Sie sich den Erfolg der Industriesparte nach einigen nicht so guten Jahren?

Eine wichtige Maßnahme war sicher die Schaffung von acht regionalen Geschäftsbereichen. Diese unterstützen die Kunden bei ihren Applikationen und decken das Vertriebliche sowie die komplette Auslegung von Applikationen und Sonderprodukten ab. Mit diesem integrierten Modell kann ich den Kunden von Anfang bis Ende beraten, betreuen und sein Produkt den Varianten aus dem Standardbaukasten genau auf den Punkt bringen, sodass er einen Wettbewerbsvorteil bekommt. Das kann der Werkstoff des Spindellagers sein oder eine sensorisierte Linearführung, die automatisiert nachgeschmiert wird. Eben individuelle Produkte, die er nicht von der Stange bekommt. So entsteht immer sofort ein Mehrwert. Vertrieblich haben wir aus der länderbasierten Struktur so genannte Sales Areas aufgebaut. Dabei gibt es zwar in jedem Land einen Außendienst mit allen Innendienstfunktionen, der Support aus den Schaeffler-Techology-Centern ist aber in Hubs gebündelt, aus denen man schnell agieren kann. In der DACH-Region ist das Schweinfurt, in der Nordic-Region Stockholm. Diese Maßnahmen haben gut funktioniert und auch die Konjunktur hat uns geholfen: Wir haben einen fantastischen 24-Monats-Zyklus hinter uns. Auch für 2019 sieht es noch gut aus, für 2020 gibt es einige Fragezeichen.

Wie fangen Sie bei Werkzeugmaschinen den dortigen Umsatzeinbruch durch die aufkommende E-Mobility auf?

Wir dürfen nicht Mobility jedweder Ausprägung als Basis definieren, sondern das gesamte Thema Motion. Und dafür braucht man immer eine Werkzeugmaschine. Wenn sich Menschen und Dinge bewegen sollen, steht ein Motor im Vordergrund. Nehmen wir an, dies wird verstärkt über Elektroantriebe passieren, benötigt der Elektromotor ein Gehäuse für die Batterien sowie das Vehikel sehr gute und sehr leise Lager. Das Produktspektrum wird sich ändern. Zur Produktion werden aber immer Werkzeugmaschinen benötigt. Die Werkzeugmaschine macht bei uns aber nur zehn Prozent vom Gesamtumsatz der Industrie aus, auf der anderen Seite hat Schaeffler als Gruppe massiv in den Antriebsstrang investiert. Wir fertigen in China komplette E-Achsen und für einen deutschen Hersteller das gesamte E-Antriebssystem. Und die beliebten Hybrid-Motoren bedeuten ein Zusatzgeschäft, da sich für uns noch mehr Einsatzmöglichkeiten ergeben. Insgesamt bin ich in puncto Werkzeugmaschine positiv gestimmt, denn es kommen neue Technologien wie Cobots auf, die eine Automatisierung rund um die Werkzeugmaschine ermöglichen. Da müssen wir dann mit unseren Produkten dabei sein.

Wird Schaeffler wegen der zunehmenden Digitalisierung jetzt auch Sensorhersteller?

Unsere Kernkompetenz liegt nicht in der Sensorherstellung. Die für uns entscheidenden Faktoren sind, die Sensorprinzipien zu verstehen, deren Integration zu beherrschen und die Sensoren in unsere Systemlandschaft anbinden zu können. Außerdem müssen wir auch die anfallenden Daten verarbeiten können. Was nutzt mir ein Vibrationssensor, der mir ein Spektrum schreibt, wenn ich nicht weiß, was dahinter steckt. Hier sind wir beim eigentlichen Schaeffler-Know-how, denn wir können basierend auf den Messdaten und den Simulationsdaten voraussagen, dass in einem Antriebsstrang ein Lager oder Zahnrad bald kaputtgehen wird. Es ist wichtig, dass wir unsere Algorithmen auf die Problemstellung des Kunden ausrichten.

Und wie können Sie dieses Wissen in geeignete Geschäftsmodelle umsetzen?

Diesen Aspekt hört man in letzter Zeit natürlich häufiger und auch wir wollen die neuen Erkenntnisse aus unseren Modellen sowie die Vorteile für den Kunden vermarkten. Dazu gilt es zu beobachten, wie sich der Markt entwickelt, ob es ein Ownership-Modell geben wird, mit dem wir Stunden oder Leistungen verkaufen können. Hier gibt es derzeit viel Bewegung im Markt, aber auch viele konservative Ansichten. Denkbar ist es an etlichen Stellen. In Herzogenrath haben wir ein Überwachungs-Center speziell für Rolls Royce aufgebaut, Dort werden Getriebe und Motoren von Kreuzfahrtschiffen täglich überwacht und wenn notwendig Alarme an den Auftraggeber übermittelt. Dieser zahlt dafür eine Servicegebühr und wir schicken Einsatzkräfte zielgenau in den nächsten Hafen des Schiffes. So etwas könnte man auch in andere Branchen transferieren. Wir müssen aber genau festlegen, wo unsere Kernkompetenz liegt.

In der Lineartechnik ist Bewegung, der Wettbewerb steigt aus oder splittet ab. Wie sehen Sie Ihre Situation?

Lineartechnik ist eine klassische Domäne von Schaeffler und wir haben hier sehr leistungsfähige Systeme entwickelt. Wir können über eine breite Komponentenbasis verfügen, aus der sehr schnell Systemlösungen entstehen können. Wenn wir also gemäß Industrie 4.0 mehr Mechatronik in unsere Systeme integrieren und auf der Stärke der Wälzlagertechnik weiter wachsen wollen, ist Lineartechnik ein absolut notwendiger, sinnvoller und erweiternder Bestandteil sowohl für den Kunden als für uns. Gerade das Zusammenspiel unseres rotativen und linearen Produktprogramms stellt einen Wettbewerbsvorteil dar und deswegen werden wir uns von diesem Bereich auch niemals trennen.