»Adäquate Antwort auf den demografischen Wandel«

Professor Dr. Markus Glück, Geschäftsführer Forschung & Entwicklung bei Schunk in Lauffen am Neckar erläutert Hintergründe zu den aktuellen MRK-Projekten und wagt einen Ausblick auf künftige Entwicklungen.

22. Oktober 2019
»Adäquate Antwort auf den demografischen Wandel«
Prof. Dr.-Ing. Markus Glück, Geschäftsführer Forschung & Entwicklung bei Schunk. (Bild: Schunk)

Herr Professor Dr. Glück, mit dem kollaborationsfähigen Großhubgreifer Schunk EGL-C stößt Schunk in einer neue Werkstückdimension vor. Wie kam es dazu?

Schon heute bietet Schunk ein umfassendes Portfolio an sicheren Greifern für alle gängigen Roboterarme, so zum Beispiel die mit dem iF Design Award ausgezeichnete und DGUV zertifizierte Co-act EGP-C Plattform in vier Baugrößen. Der Schunk EGL-C erweitert das Spektrum handhabbarer Bauteilgewichte in kollaborativen Anwendungen sowohl in puncto Masse als auch in puncto Flexibilität nach oben. Er ist die Basis für eine grundlegend neue Greifergeneration und nutzt eine Sicherheitsarchitektur, die Schunk in enger Zusammenarbeit mit der DGUV entwickelt hat. Die Grundlage bilden mehrere integrierte Prozessorkerne, die sich gegenseitig überwachen und zugleich den Greifprozess über die eingesetzte Kraft- und Wegsensorik sicher kontrollieren. Auf diese Weise wird es möglich, Greifkräfte jenseits der bislang üblichen 140-N-Grenze zu realisieren.

Welche Trends prägen derzeit den Markt?

Wir erleben gegenwärtig, dass sich Hersteller von Roboterarmen und dazu passender Steuerungstechnik zu Vollsortimentern für Robotersysteme und Handhabungsprozesse entwickeln. Nach dem Vorbild der Plattform UR+ von Universal Robots entstehen hochinteressante Ökosysteme und Austauschforen. Zusätzlich zu den Roboterarmen werden auf webbasierenden Vertriebs- und Anwenderplattformen maßgeschneiderte Komponenten angeboten, die online bestellt und auf einfache, aber durchaus verlässliche Weise im Sinne eines effizienten Plug & Work in Betrieb genommen werden können. Das zugrundeliegende »Partnering« – also eine enge Partnerschaft von Endeffektor- und Roboterhersteller – macht deutlich, dass eine optimale Handhabungslösung von der bestmöglichen Interaktion aller beteiligten Komponenten mit dem Roboter bestimmt wird. Zusätzlich werden in diesen Ökosystemen praxiserprobte Use Cases zur direkten Übernahme vermarktet. Es werden also Erfahrungswerte geteilt und Schnittstellen so optimiert, dass sich möglichst schnell produktive Ergebnisse erzielen lassen. Schunk bringt sein Know-how sowohl bei der Simplifizierung der Komponenten als auch bei deren Einsatz in den unterschiedlichen Anwendungsfeldern ein.

Wie wirkt sich Digitalisierung auf die Automation und insbesondere auf kollaborative Szenarien aus?

Die Digitalisierung hat mit Macht das Fertigungsumfeld erreicht und revolutioniert Beschaffungs-, Produktions- sowie sämtliche Prozesse des Produkt-Lifecycle-Managements. Sie prägt die industrielle Automation und erfordert ein radikales Umdenken. So verlangen beispielsweise Anlagenbauer und Integratoren in der Automation vermehrt nach digitalen Schatten oder digitalen Zwillingen von Komponenten, um Applikationen am Bildschirm zu entwickeln und Prozesse realitätsnah zu simulieren. Aus diesem Grund haben wir das Schunk Greiferportfolio über digitale Plattformen umfassend zugänglich gemacht. Zusätzlich unterstützen wir Anwender beim Aufbau entsprechender Simulationsumgebungen, beispielsweise in Form attraktiver Einsteigerpakete in die Simulationssoftware Mechatronics Concept Designer von Siemens PLM Software. Vor allem bei der Simulation von MRK-fähigen Robotern und entsprechenden Arbeitsumgebungen sehen wir noch vielfältige Spielräume, die bislang nicht genutzt werden.

Wie bewerten Sie die Auswirkungen kollaborativer Lösungen auf Arbeitsplätze?

In den 1980er Jahren hatte es massive Proteste gegen den Robotereinsatz in Automobilfabriken gegeben. Dennoch kam es zu einem Umbruch: Weggefallen sind vor allem gefährliche, schwere und monotone Arbeiten beispielsweise in den Bereichen Pressen, Schweißen, Karosseriebau, Lackiererei oder Teiletransport. Ausgelöst durch die Robotik sind in der Folge weitaus mehr neue Arbeitsplätze entstanden als je zuvor. Roboter erlauben, die Fertigungstiefe zu erhöhen und die Effizienz sowie die Produktivität zu steigern. Mit der Mensch-Roboter-Kollaboration steht nun eine neue Generation von Robotern zur Verfügung, die unmittelbar am Arbeitsplatz unterstützt, körperlich entlastet und von psychisch belastenden Arbeitsschritten befreien kann. Darüber hinaus ist die Mensch-Roboter-Kollaboration eine adäquate Antwort auf den demografischen Wandel. Aufgrund der Alterung der Belegschaften werden Fertigungsunternehmen in Deutschland bis 2025 rund zwei Millionen Mitarbeitende verlieren. Deren Arbeitskraft ist zumindest teilweise durch kollaborative Roboter zu ersetzen, ohne dass erwerbsfähige Kollegen zur Disposition gestellt werden müssen.

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