Kaum guckt man mal nicht hin ...

Kommentar

... schon schaut man dem Fortschritt nur noch hinterher.

07. März 2017

Das gilt nicht nur für Privatmenschen, sondern auch für Unternehmer. Da merkt man manchmal plötzlich, dass man alt wird. Denn neue technische Ideen beschleunigen die Entwicklung manchmal derart rasant, dass bis dahin herkömmliche Wirtschaftsprozesse und Industrien innerhalb weniger Jahre völlig obsolet sind. Erinnern Sie sich zum Beispiel noch an den Absturz der Marke Kodak Obwohl der einstige Foto-Riese sogar das Patent für die Digitalfotografie hielt, übersah er die Geschwindigkeit und Bedeutung der künftigen Technikentwicklung völlig. Heute ist die stolze Marke deshalb zu einer Randnotiz im Geschichtsbuch der Fotografie geschrumpft. Nun ist es natürlich leicht, im Nachhinein zu sagen, dass diese Entwicklung doch offensichtlich war und bei Kodak einfach inkompetente Leute saßen. Vielleicht ist es aber gar nicht so einfach, solche Entwicklungsprozesse richtig abzuschätzen, während sie gerade vonstattengehen.

Noch vor wenigen Jahren, als die ersten 3D-Drucker auf den Markt kamen, unterlag ich selbst zum Beispiel einer gewaltigen Fehleinschätzung des Potenzials dieser neuen Technologie. 3D-Druck, das ist schön und gut für Entwickler und Rapid-Prototyping, dachte ich mir. Darüber hinaus ist es bestenfalls ein nettes Spielzeug. Kaum fünf Jahre später wurde mir klar, wie sehr ich mich in dieser Einschätzung getäuscht hatte. Die 3D-Drucker waren zu meiner Überraschung bereits beim Endkunden angekommen und erfüllen einen ganz praktischen Bedarf. Wo eine Serienproduktion früher unbezahlbar gewesen wäre, können heute bei Bedarf einzelne komplexe Teile in geringsten Losgrößen hergestellt werden. So langsam stampfen große Hersteller von Gebrauchswaren ihre Lagerhallen ein, weil sie bestimmte Produkte nun nicht mehr vorhalten müssen. Bei Bedarf wird die Ware nicht mehr aufwendig vom Lager zum Empfänger transportiert. Stattdessen drückt einfach ein Mitarbeiter einen Knopf und sendet die benötigten Produktdaten einer Fertigung am anderen Ende der Welt, wo das benötigte Teil sodann direkt vor Ort gedruckt werden kann – eine völlig neue Art der Produktion, ganz besonders im After-Sales-Service. Viele Fertigungs- und Lagerhaltungsketten sind damit überflüssig.

Plötzlich ermöglichte die Idee auch die Herstellung von hochstabilen Metallteilen mithilfe der angelehnten Selected-Laser-Melting-Technologie. Heute werden sogar Motorenteile für die Formel 1 auf diesem Wege hergestellt. Noch vor zehn Jahren für mich undenkbar. Werden Geschäftsmodelle oder Industriezweige durch neue Techniken derart überrollt, verschwinden mit ihnen allerdings auch ganze Arbeitsmarktsegmente. Im Fall 3D-Druck könnten über kurz oder lang Handel und Transport in vielen Industriezweigen leiden und die damit verbundenen Arbeitsplätze wegfallen.

Dass neue Technologien Jobs vernichten, ist allerdings nichts Neues. In Zeiten von Industrie 4.0 ist der Effekt nicht grundsätzlich ganz anders als er es zu Zeiten der industriellen Revolution und der Weberaufstände war. Sieht man sich aber (um auf Kodak zurückzukommen) beispielhaft die Entwicklung nach der Marktreife der Digitalfotografie an, wird klar, dass das vermeintliche Verschwinden von Jobs schnell durch den rasant steigenden Arbeitskräftebedarf im explodierenden Bereich Smartphone ausgeglichen wurde. Neue Technologien vernichten zwar Arbeitsplätze, sie schaffen aber auch neue, und dies auch nicht ausschließlich am anderen Ende der Welt.

Wirklich bestraft ist nur derjenige, der es versäumt, neue Entwicklungen richtig einzuschätzen oder dem die Fähigkeiten fehlt, entsprechend zu handeln. Sind erst einmal ganze Abläufe durch einen neuen Prozess auf den Kopf gestellt, ist es meist zu spät. Umgekehrt eröffnen sich aber große Chancen im Erkennen der Potenziale. Verschlafen Sie nicht, wie ich beim 3D-Druck, die Zeichen der Zeit. Es gilt stets wichtige Entwicklungen, die wir uns heute noch nicht erträumen können, rechtzeitig zu erkennen. In diesem Sinne: Bleiben Sie wachsam!

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an:

Erschienen in Ausgabe: 02/2017