Keine Angst vor Asien: Über Seife und die Zukunft der deutschen Wirtschaft

Branchengeflüster

Vermutlich erhalten in vielen Regionen Chinas diejenigen, die sich ein Stück Seife kaufen wollen, auf dem Markt noch immer ein unverpacktes Stück des gewünschten Reinigungsmittels. Aber auch dort wächst der Wohlstand kontinuierlich, und die Verbraucher möchten nicht nur zweckmäßige Produkte kaufen, sondern ein bisschen Luxus genießen. So werden Körperpflegeprodukte zunehmend in Papier eingeschlagen oder von bedruckten Pappschachteln umhüllt angeboten.

15. Juni 2010

Jetzt werden Sie, verehrter Leser, sicherlich mit den Achseln zucken und sich fragen, was das mit der Situation des deutschen Maschinenbaus zu tun hat. Gehen wir davon aus, dass sich jeder Chinese einmal im Monat ein Stück Seife leistet. Befindet sich diese Seife nun aber in einem kleinen farbigen Pappkarton, bedeutet dies, dass jeden Monat die Pappe für eine Milliarde kleine Kartons gestanzt, bedruckt, geschnitten, gefaltet, verpackt und palletiert werden muss. Solche Abläufe per Handarbeit zu erledigen, ist auch in China nicht mehr bezahlbar es wird Automatisierung benötigt. Wenn deutsche Automatisierungslösungen auch nur zu 15 Prozent an unserer hypothetisch angenommenen Seifenverpackung beteiligt sind, bedeutet das bereits die monatlich anfallende Verarbeitung von 150 Millionen Seifenkartons.

Trotz solcher Chancen, die sich uns durch die asiatischen Entwicklungen bieten, löst der rasante Aufstieg Chinas in Deutschland bei vielen Menschen Sorgen um unsere Wirtschaft aus: Einerseits ist Deutschland stark von den Exporten abhängig, andererseits bauen die Chinesen immer mehr der zuvor importierten Produktionsmittel selbst. Ich glaube, dass uns das nicht beunruhigen sollte. Genau genommen hören wir ähnliche Warnungen seit Jahrzehnten. Vor 30 Jahren kam die Gefahr aus Japan, vor 20 Jahren bedrohte uns die koreanische Wirtschaft, vor 10 Jahren waren es die Tigerstaaten. Heute ist es China, morgen wird es Indien sein. Deutschland aber funktioniert immer noch. Wichtig ist, dass wir auch weiterhin auf Know-how und Qualität setzen, die Einbrüche aushalten und die Chancen mitnehmen. Die Krise, die wir derzeit erleben, wurde bisher nicht von unseren Politikern bewältigt, sondern von unseren Unternehmen.

Und nicht zuletzt gibt es mehr als eine Milliarde Chinesen, aber nur 80 Millionen Deutsche. Da findet unsere Volkswirtschaft schon ihren Platz – wir müssen ja nicht immer Weltmeister sein.

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Ihr

Rüdiger Eikmeier

Erschienen in Ausgabe: 04/2010