Keine Kritik an China?

Globalisierung – Der anhaltende Wirtschaftsboom in China erfreut international tätige Unternehmen, überdeckt jedoch leicht die Sorge um die Menschenrechte. Kenner der Situation streiten über den geeigneten Umgang mit dem Reich der Mitte.

21. Mai 2008

Die Volksrepublik China steht unter Dauerkritik: Das Land sei Schuld am Arbeitsplatzabbau bei uns, am globalen Anstieg von CO2-Emissionen, an hohen Nahrungsmittelpreisen und der Rohstoffknappheit. Bei näherem Hinsehen erweist sich diese Kritik allerdings entweder als falsch oder als Herausforderung, bei deren Bewältigung wir China auch im eigenen Interesse helfen sollten.

Beim Umgang der chinesischen Führung mit den Unruhen in Tibet ist Kritik berechtigt: Auch die deutsche Wirtschaft ist für eine gewaltfreie Lösung und schließt vor Menschenrechts- Defiziten nicht die Augen.

Wir fragen uns aber, wie wir zu Veränderungen beitragen können. Unsere Antwort lautet: Nicht durch Boykott oder harsche öffentlich geäußerte Kritik, die China international isoliert. Stattdessen setzen wir auf Dialog. Wir sind überzeugt, dass die Olympischen Spiele und die Expo in Shanghai zur Öffnung Chinas beitragen werden, und dass sich das Land langfristig durch die Auslandsreisen der Mittelschicht, den Austausch in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport sowie durch Partnerschaften von Städten, Schulen und Vereinen verändern wird. Wir vertrauen darauf, dass wir unsere Wertvorstellungen im persönlichen Gespräch vermitteln können.

Friedolin Strack

Geschäftsführer des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (APA), Berlin

Contra

»Unternehmen sollen den Schutz der internationalen Menschenrechte unterstützen und achten« lautet das erste Prinzip des Global Compact der Vereinten Nationen. Dass immer mehr Firmen dieser Übereinkunft beitreten, dokumentiert den wachsenden Konsens über die Verantwortung der Wirtschaft. Strittig bleibt jedoch, wie dieses allgemeine Bekenntnis zu den Menschenrechten in der Praxis umgesetzt werden soll, insbesondere dann, wenn ein Eintreten für die Menschenrechte als Gefährdung der Wirtschaftsbeziehungen angesehen wird. China ist dafür ein typisches Beispiel.

Doch gerade hier wachsen die Einflussmöglichkeiten auf Nicht-Regierungsebene: Unternehmen können durch sozial verantwortliches Handeln eine Vorbildfunktion wahrnehmen oder durch Verhaltenskodizes zur Etablierung sozialer Normen beitragen, wenn es beispielsweise um den Schutz vor Diskriminierung, die Gesundheit am Arbeitsplatz oder das Recht auf Vereinigungsfreiheit und Tarifverhandlungen geht. Gefragt ist dabei nicht die belehrende öffentliche Anklage, sondern die wohlbegründete Kritik an der anhaltenden Missachtung internationaler Normen. Dazu sollten sich Unternehmen auch gegenüber den Vertretern chinesischer Behörden bekennen.

Dirk Pleiter

China-Experte bei Amnesty International, Bonn

Erschienen in Ausgabe: 03/2008