Keine McJobs in technischen Bereichen

Kommentar

Technische Berufe dürfen nicht durch Zeitarbeits-Missbrauch zur Ramschware werden. Sonst gehen uns die qualifizierten Fachkräfte wirklich irgendwann aus.

17. Februar 2011

Ein zentrales Thema in der aktuellen Debatte um die zukünftige Wirtschaftskraft Deutschlands ist der Mangel an qualifizierten Fachkräften und die Notwendigkeit eines Zuzugs gut ausgebildeter Fachkräfte aus dem Ausland. Zeitgleich erleben wir ein anderes Phänomen: das nach wie vor ungebremste Wachstum der Zeitarbeitsbranche. Und längst beschränkt sich die Vermittlung durch Zeitarbeit nicht mehr auf einfache Tätigkeiten, sondern nimmt für viele technische Zeichner, Industrieanlagenelektroniker und Softwareentwickler einen immer größeren Stellenwert ein – vereinzelt, aber nicht selten, sind sogar Ingenieure betroffen.

Eins vorweg: Ich bin kein Gegner der Zeitarbeit – sie hat in bestimmten Bereichen und in einem gewissen Rahmen sicherlich ihre Berechtigung: Wo Unternehmen und Arbeitskräfte aufgrund unvorteilhafter Verteilung nicht zueinander finden, erbringt der Vermittler eine wichtige Dienstleistung, die für alle Seiten Vorteile haben kann. Zwar ist der Lohn des Arbeitnehmers nicht der gleiche wie bei einer Festanstellung, dafür erhält er aber Arbeit und ein regelmäßiges Einkommen. Auf der anderen Seite wurden Arbeitgeber dazu bewegt, für die Entlastung bei Arbeitsspitzen zusätzliche Stellen zu schaffen, wofür ansonsten das Stammpersonal Überstunden hätte leisten müssen. Dafür können sie die Zeitarbeiter erheblich flexibler einsetzen und sind nicht gezwungen, sie bei fehlender Arbeit weiter zu beschäftigen.

Was eine gute Lösung für Krisensituationen war, darf jedoch nicht zum Regelfall in einer sich erholenden Wirtschaft werden. Denn wenn einerseits die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften wächst, diese Fachkräfte aber trotz guter Nachfrage nicht mehr um Verträge mit Zeitarbeitsfirmen herumkommen, dann ist etwas faul im Staate Deutschland: Zeitarbeit darf kein Selbstzweck sein, der den Vermittelten nur Niedriglöhne und Unsicherheit, aber keine Vorteile bringt.

Und die Unternehmen? Ich bezweifle, dass sie langfristig von dieser Form der »Rationalisierung« profitieren können. Die deutsche Industrie hat es bis heute geschafft, mit hohen Qualitätsstandards international absolut konkurrenzfähig zu bleiben. Die Grundlagen dafür sind erfahrene und motivierte Mitarbeiter und die langjährige Anhäufung von Spezialwissen. Das lässt sich aber sicherlich nicht mit niedrig bezahlten und nur vorübergehend eingestellten Fachkräften erreichen. Im Gegenteil: Diese stellen im ungünstigen Fall ein Leck dar, durch das unternehmenseigenes Know-how zur Konkurrenz abwandert. Jedenfalls werden so weder Wissen noch Erfahrung akkumuliert, gar nicht zu reden von der geringen Motivation. Technische Berufe (andere natürlich ebenso) dürfen nicht durch Zeitarbeits-Missbrauch zur Ramschware werden. Sonst gehen uns die qualifizierten Fachkräfte wirklich irgendwann aus. Wo aber Zeitarbeit auch weiterhin ein notwendiges Modell ist – wie bei der Abdeckung von Arbeitsspitzen –, da sollten die gleichen Löhne wie für die Festangestellten gelten.

Ihr Rüdiger Eikmeier

ps: In meinem Unternehmen, der Presseagentur gii, gibt es weder Zeitarbeiter noch die in der Branche oft üblichen »Praktikanten«, sondern grundsätzlich nur festangestellte Mitarbeiter.

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Erschienen in Ausgabe: 01/2011