"Keine Millionen Unterstützer"

Antriebstechnik

Industrie 4.0 – Uwe Weiss, Geschäftsführer der Weiss GmbH, einem Hersteller von Automatisierungstechnik mit rund 450 Mitarbeitern, erläutert was Industrie 4.0 für kleine und mittelständische Hersteller konkret bedeutet und wie sich dadurch das Unternehmen verändert.

06. November 2017

Als ehemaliger Hersteller von Komponenten haben wir prognostiziert, dass die Komponente alleine keinen Wert mehr haben wird. Sie kann nur innerhalb eines Systems funktionieren. Also ist es umso wichtiger aus der Komponente ein System zu machen, die Peripherie mitzudenken. Die Industrie-4.0-Komponente muss smart, flexibel, interaktiv und offen sein – wie ein Smartphone.

Zwischen Smartphone und Komponenten gibt’s doch wenig Gemeinsamkeiten?

Auch das Smartphone kann nur im System funktionieren. Die Eigenschaften müssen sich aus dem tatsächlich generierten Mehrwert ableiten. D.h. zum Systemdenken kommt das Nutzerdenken. Bestes Beispiel ist der IoT-Kühlschrank. Er hat nur Sinn in Verbindung mit Smartphone, Sensorik, Software, Provider sowie Diensten und Apps. Das ist der Moment, in dem die 4.0-Produktion Antworten liefern kann und bessere Produktionskonzepte entstehen. So wie vor 10 Jahren das iPhone alles bis dahin gültige an Geräten durch neue Technologie und ganzheitlichere Ansätze ersetzt hat. In diesem Spannungsfeld müssen Produzenten ihre Position klar definieren. Und das betrifft nicht nur die Großen. Auch wir KMUs müssen diesen Wandel vollziehen. Sich vor dem Thema zu drücken oder zu versuchen, es auszusitzen, sind keine Optionen. Insbesondere für KMUs ist das eine riesige Veränderung, auch weil sie »Keine Million Unterstützer« - auch eine mögliche Interpretation von KMU - haben, die sie zum Wandel treiben.

Wie sieht dieser Wandel bei Weiss aus?

Wir haben es bei Weiss erlebt, wie hart wir noch gestern um die richtige Produktionstechnologie gerungen haben, wie stolz wir auf unsere sicheren und zuverlässigen Produkte waren, wie wir die Herausforderung der Internationalisierung gerade beginnen in unsere Unternehmenskultur zu integrieren - wohlwissend, dass wir morgen schon lokalisiert entwickeln und produzieren müssen.

Gleichzeitig müssen wir in der Lage sein, nicht mehr nur Katalogkomponenten zu entwickeln sondern mechatronische Lösungspakete zu liefern. Und jetzt muss dieser Wandel noch schneller, noch tiefgreifender und vor allem für viele von uns mit neuen und fremden Themen vollzogen werden. Dabei ist diese Veränderung, diese Weiterentwicklung alternativlos und unausweichlich. Sie bedeutet viel Arbeit, viel Neuland, aber auch viele Chancen.

Können Sie die Entwicklung an konkreten Veränderungen festmachen?

Sehr verdichtet zusammengefasst haben wir in den letzten Jahren unter anderem unsere Absatzmärkte internationalisiert, die Fertigung lokalisiert, Software zu unserer Hardware entwickelt und unseren Kunden Lösungen statt Komponenten und Produkte angeboten.

Intern haben wir uns durch die Einführung globaler ERP-, CRM- und PDM-Systeme vernetzt und begonnen, Social Medias und Augmented Reality zu nutzen.

Und wie sind Sie bei der Entwicklung von I4.0-Komponenten vorgegangen?

Für die Entwicklung von Industrie-4.0-Komponenten haben wir Pilotprojekte definiert, um proaktiv vorauszudenken. So erhalten ausgewählte Weiss-Komponenten jetzt ein virtuelles Abbild, das die Kommunikationsfähigkeit sicherstellt. Innerhalb des Rahmenarchitekturmodells Industrie 4.0 (RAMI 4.0) entsteht so ein digitaler Zwilling mit Verbindungen zu den drei relevanten Strukturebenen: Hierarchie › vom Produkt zur Connected World; Produktlebenszyklus › von der Entwicklung über Wartung bis Entsorgung sowie Funktionen › von Assets über Dienste bis zu Business. Alle relevanten Daten eines Produkts ergeben zusammengefasst dieses virtuelle Abbild. Das macht es zu einem kommunizierenden System auf Basis des etablierten OPC-UA. Auf diese Daten können unsere Kunden dann zugreifen und die Industrie-4.0-fähige Weiss-Komponente in ihr Produktionssystem einbinden. Die besonderen Herausforderungen sind für Weiss bzw. für jedes Unternehmen, innerhalb dieser offenen und für alle einsehbaren Datenstrukturen die Besonderheiten, den jeweiligen USP einer Komponente herauszuarbeiten. hjsz

Erschienen in Ausgabe: 08/2017