Kölscher Kunststoff

Michael Blaß, Tobias Vogel – Die Vertriebsleiter für Energieketten und Gleitlager von Igusüber Meilensteine in der Produktentwicklung, das Geschäft mit Systemlösungen, die fastunbegrenzten Möglichkeiten von Kunststoffen und die Zukunft der Robolink-Mehrachsgelenke.

27. Mai 2010

Herr Blaß, Herr Vogel, wann wurde Igus gegründet, und welche Branchen wurden von Beginn an adressiert?

Tobias Vogel: Igus wurde am 15. Oktober 1964 in Köln-Mülheim gegründet. In den 90er Jahren zog die Firma nach Köln-Porz um, an einen Standort mit weitläufigem Firmengelände, um dort flexibel wachsen zu können. Dieses Vorhaben zeigt auch unsere Hauptfabrik, die von dem visionären Architekten Nicholas Grimshaw, mit dem Grundgedanken »fast change«, entworfen wurde. Im ganzen Gebäude gibt es kaum feststehende Wände, und alle Trennwände lassen sich durch wenige Handgriffe entfernen. Es gibt keine abgetrennten Büros, und jeder Mitarbeiter benutzt die gleiche Büroeinrichtung. Das verstehen wir unter Flexibilität.

In der Anfangsphase von Igus waren die beiden wichtigsten Bereiche die Textilmaschinen- und die Automobilbranche. Hierher kamen auch die beiden ersten großen Kunden, die Firma Schlafhorst aus Mönchengladbach und die Firma Pierburg in Neuss. Für diese Unternehmen wurden die ersten Produkte entwickelt. Keine Standardprodukte, sondern schon damals kundenspezifische Lösungen, zum Beispiel für die Firma Pierburg 1965 ein Gleitelement als Kegelventil und 1971 dann die erste Energiekette.

Welches waren die Meilensteine, bei der Entwicklung der Igus-Produktpalette?

Michael Blaß: 1989 präsentierten wir das Igus E4-Baukastensystem, das, seitdem permanent weiterentwickelt, bis heute noch Bestand hat. 1993 wurde die DryLin-Linearführung vorgestellt, und 1994 mit Igubal eine alternative Kunststofflösung zu Vollmetallgelenken. 2003 kamen die E6, die leise Energiekette, und mit der Triflex R eine dreidimensional bewegliche Energiekette hinzu. PRT, das erste Rundtischlager auf Gleitlagerbasis, und DryLin-ZLW-Zahnriemenantriebe folgten.

Dann wagten wir uns an die Entwicklung der größten Kunststoffkette der Welt, der E4.350, die als Alternative zu Stahlketten positioniert wurde. Auf der gerade zurückliegenden Hannover Messe haben wir über 80 Produktneuheiten vorgestellt. So etwa die erste kontinuierlich umlaufende Energiekette der Welt, die C-Kette, und das Twister Band, mit dem sich Leitungen auf engstem Raum um 3.000 Grad drehen lassen. Des Weiteren das neue Lowcost-Chemielager Iglidur C210 sowie schmierfreie Lineartische mit neuem Schnellverschluss.

Igus steht nicht nur für Energieführungssysteme und Gleitlager. Welche Produkte bietet Ihr Portfolio darüber hinaus?

Michael Blaß: Da wären unsere hochflexiblen Chainlex-Leitungen zu nennen. Mit dieser Lösung schließen wir den Kreis bei den Energieketten, denn neben der Kette liefern wir auch alle elektrotechnischen Komponenten. Also Leitungen für enge Biegewechsel und hohe Standzeiten, komplett mit den passenden Steckern für das jeweilige Antriebssystem.Die Kür ist dann daskomplette Ready Chain-System. Die gesamte Energiekette, mit Kabeln, den Steckern, den Anbaublechen und der Transporteinheit wird einsatzbereit an die Maschine geliefert.

Wie ist Igus heute in Deutschland und weltweit aufgestellt? - Tobias Vogel: Weltweit ist Igus in über 65 Ländern aktiv. In Köln sind rund 850 Mitarbeiter tätig, weltweit circa 1.800. Die zentrale Entwicklung, die Fertigung fast aller Produkte, das Lager und die Auslieferung befinden sich in Köln. Mit 29 eigenen Filialen weltweit zuzüglich rund 35 weiteren Partnern liefern wir sofort überall hin.

Auf www.igus.de gibt es viele Online-Werkzeuge. Nutzen Ihre Kunden diese Tools?

Tobias Vogel: Ja, sehr stark, das zeigen die Zugriffszahlen. Wir bieten 22 Online-Werkzeuge, womit Kunden Prozesskosten sparen, zuzüglich Online-Shops. Neu sind zum Beispiel ein Befüllungsexperte für Energieketten, ein Konfigurator für Hydraulikschläuche, ein 3D-CAD-Konfigurator für DryLin-Linearsysteme und eine Lebensdauerberechnung für Xiros-Polymerkugellager.

Viele Kunden wollen Systemlösungen aus einer Hand. Andere wiederum bevorzugen den Spezialisten. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Michael Blaß: Wer seinen Kunden eine Gesamtlösung anbietet, tritt als Dienstleister auf. Mittlerweile gibt es sehr viele Firmen auf dem Markt, die ausschließlich Dienstleister sind. Sie kaufen Komponenten, um entsprechend der Kundenspezifikation die günstigste Lösung anbieten zu können.

Wir dagegen haben den Anspruch, unseren Kunden die optimale Lösung für ihre Anwendung zu bieten, und das mit 40 Jahren Erfahrung bei Energieketten, 20 Jahren bei Leitungen und weit über zehn Jahren im Konfektionierungsgeschäft. Wir haben mittlerweile viele Tausend Systeme weltweit im Einsatz, und das bei einer geradezu vernachlässigbaren Reklamationsquote. Bevor ein System unser Haus verlässt, beginnt eine hundertprozentige Qualitätsprüfung.

Mit 615 Metern stellt Igus die längste Energiekette der Welt her. Geht es noch größer oder sind die Materialeigenschaften von Kunststoff irgendwann ausgereizt?

Michael Blaß,Tobias Vogel: Bei den Energieketten sind wir mit unseren Entwicklungen noch lange nicht am Ende. Wir haben sehr viele Tests durchgeführt und sind überzeugt, dass wir durchaus Verfahrwege bis zu 1.000 Meter realisieren können. Allerdings dann nicht mehr gleitend, sondern mit Rollen, die in die Seitenteile der Kette eingearbeitet sind. Auch bei unseren schmierfreien Gleitlagern werden wir die Dimensionen noch deutlich weiter entwickeln. Und zwar sowohl in die eine wie auch in die andere Richtung.

Aktuell hat das kleinste unserer Lager einen Innendurchmesser von 1,2 Millimeter und wird im Orgelbau verwendet. Mittlerweile werden in vielen restaurierten Kirchenorgeln Kunststoffgleitlager verbaut, statt Filz- oder Gewebebuchsen. Zukünftig soll das kleinste Lager einen Innendurchmesser von 0,7 Millimeter haben. Das größte Lager, das wir im letzten Jahr gefertigt haben, hatte einen Durchmesser von 360 Millimeter. Lager mit solchen Dimensionen kommen zum Beispiel in Krananlagen oder im Offshore-Bereich zum Einsatz. Interessant ist, dass diese besonders großen Lager aus zwei Halbschalen gefertigt werden, um das Herstellungsverfahren schlank und effizient zu gestalten.

Wie hoch ist das Thema Energieeffizienz im Hause Igus aufgehängt?

Michael Blaß: Energieeffizienz steht ganz im Fokus von Igus. Schon im letzten Jahr haben wir auf der Hannover Messe einen ganzen Bereich mit entsprechend optimierten Produkten ausgestellt. Durch unsere leichten Kunststoffprodukte können wir einen großen Beitrag dazu leisten, Gewicht einzusparen, denn wir gehen in Anwendungen, in denen Metall früher selbstverständlich war.

Unsere Herangehensweise ist: Gewicht einsparen, um durch geringere zu bewegende Massen Antriebskraft zu reduzieren; von gleitende auf rollende Anwendungen umzustellen, um die Reibung weiter zu senken und natürlich auch den Verschleiß. Portalbauer haben beispielsweise Studien mit uns gemacht, um herauszufinden, wo Rollenketten eingesetzt werden können, damit kleinere Motoren dieselben Anforderungen erfüllen können wie größere und schwerere. Heute finden tagtäglich auf diese Weise optimierte Anwendungen ihren Einsatz in der Lager- oder Automobiltechnik.

Sind die Kunststoff-Mehrachsgelenke Robolink eine Machbarkeitsstudie oder engagiert sich Igus jetzt verstärkt im Bereich Robotik?

Tobias Vogel: Wir sehen das überhaupt nicht als Studie, sondern eher als den ersten Schritt in den Markt der Leichtbauautomation. Aktuell ist Robolink bereits bei 35 Kunden im Test. Wir haben zum Beispiel einen Kunden im Stuttgarter Raum besucht, der Roboter für Versuchsfahrten einsetzt. Der Roboter schaltet, bremst, dreht den Zündschlüssel herum und startet wieder. Zu solchen Anwendungen sind schon konkrete Anfragen an uns herangetragen worden.

Erklären Sie doch bitte, weshalb Igus in den letzten Jahren so stark gewachsen ist.

Michael Blaß: Wichtig ist, dem Kunden zuzuhören, um die richtigen Produkte zu entwickeln. Daneben probieren wir viele Dinge aus und sammeln unsere Erfahrungen. Das hat beim Wachsen sehr geholfen, und immer das Ziel vor Augen: Kosten senken, Funktionalität und Lebensdauer der Produkte erhöhen. Und dann bedarf es noch viel Fleiß und etwas Optimismus – kölschen Optimismus.

Die Fragen stellte Christoph Scholze

Zur Person

- Michael Blaß arbeitet seit 1990 bei Igus. Er begann als Regional-Produktmanager. Von 1995 bis 1998 war Blaß als Sales Manager bei Igus Italien tätig. Von 1998 bis 2008 war er Vertriebsleiter Deutschland und ist seit 2008 Vice President Sales & Marketing.

- Tobias Vogel ist seit 1994 im Unternehmen. Er startete seine Karriere als Regional-Produktmanager. Seit 2000 arbeitet Vogel bei Igus als Vertriebsleiter Deutschland.

Erschienen in Ausgabe: 03/2010