»Kompakte Module«

Interview

Steuerungen – Mit einer neuen Sicherheitssteuerung strebt Schmersal in neue Bereiche. Welche Pläne und Eigenschaften genau dahinterstehen, erklärt Dr. Andreas Hunscher, Werkleiter des Standorts Wettenberg. Das Gespräch führte Michael Kleine

12. Februar 2015

1999 hat die Schmersal-Gruppe das Unternehmen Elan Schaltelemente übernommen und in Wettenberg bei Gießen einen neuen Werkstandort gegründet, der 2001 bezugsfertig war. Dort arbeiten jetzt 150 Mitarbeiter, von der Entwicklung über Prüflabors, Fertigung und Logistik ist alles vertreten.

In Wettenberg befindet sich das Schmersal-Kompetenzzentrum für Bedienelemente, Ex-Schutz und Elektronik. Das Produktspektrum reicht über eben solche Bedienelemente, bestimmte Zuhaltungen, Schaltsysteme, Steuerungen und elektronische Baugruppen. Dank der Elan-Historie sind wir einer der führenden Anbieter von sicherer Signalauswertung und waren immer Vorreiter der sicheren Bewegungssteuerung. Aus Wettenberg kommen zum Beispiel Überwachungseinheiten für namhafte Roboterhersteller.

Welche Rolle spielen dabei die Steuerungen?

Seit einem Vierteljahrhundert gibt es den Bereich der Sicherheitsteuerungen. Durch die Elan-Übernahme kann Schmersal eine der schnellsten Sicherheitsabschaltungen überhaupt anbieten, wir decken hier aber alle möglichen Ausprägungen ab. So ergeben sich beträchtliche Synergien mit dem breit gefächerten Programm aus Wuppertal.

Die Steuerung ist das Herzstück eines Sicherheitssystems. Mit dem neuen, sehr modernen Modell PSC 1 runden wir das Programm ab. Sie ist so ausgelegt, dass sie intelligente Subsysteme wie einfache Positionsschalter mit aufnehmen kann. Gleichzeitig gewährleistet die Steuerung eine intelligente Kommunikation mit einer übergeordneten betrieblichen Ebene.

Was kann die PSC 1 mehr als normale Geräte am Markt?

Ein herausragendes Merkmal ist die kompakte Bauform. Durch ihre Modularität lässt sie sich für unsere Kunden sehr variabel und flexibel aufbauen. Je nach Anwendung haben sie nicht eine große Steuerung, die alles kann, sondern sie können ihr System applikationsbezogen anlegen. Durch einfache Zusatzmodule ist es möglich, die Applikation weiter aufzurüsten. Ein großer Fokus liegt auf dem Gebiet der sicheren Bewegungsüberwachung. Bemerkenswert ist, dass wir bis zu zwölf Achsen überwachen können. Das System ist also sehr weit skalierbar.

Ein weiterer USP liegt in der Kommunikation. Auf der Komponentenebene bieten wir erstmalig die Integration des Schmersal-eigenen SD-Busses. Der Kunde muss nicht jede Komponente einzeln verdrahten, er kann mit einer Busleitung bis zu 31 Geräte anschließen. Auf Betriebsebene lassen sich verschiedene Busse softwaremäßig einstellen, eine neue Hardware ist nicht mehr notwendig. Der Kunde kann weltweit immer die gleiche Hardware verwenden. In Werk 1 ist dabei zum Beispiel Profinet aufgespielt und in Werk 2 ein anderer Feldbus. Das System ist also in höchstem Maße sprachbegabt. Für den Austausch zwischen den Sicherheitsteuerungen untereinander bieten wir mit der PSC 1 eine sichere Querkommunikation. Das ist für die Skalierbarkeit und die Anbindung an die höchste Instanz ein Riesenvorteil.

Zusammengefasst sehen wir die Stärken der PSC 1 in der Kommunikation, Skalierbarkeit und Modularität. Eine der Highlight-Funktionen ist für uns die sichere Querkommunikation, weil sie auch zwischen kleinem und großem Modul gut funktioniert. So etwas gibt es auf dem Markt noch nicht. Die zweite ist die objektorientierte Softwareoberfläche, über die sich ein trainierter Laie Applikationen sehr schnell zusammenstellen kann.

Die Software ist also der Unterschied?

Sie ist fast noch wichtiger als die Hardware an sich, weil der Anwender viel Zeit mit dem Programmieren verbringt. Die Oberfläche ist komplett neu gestaltet und sehr einfach zu bedienen. Durch die Objektorientierung reduzieren sich die Programmier- und Reaktionszeiten, und der Anwender kann sich Wettbewerbsvorteile erschließen. Wir sind sehr optimistisch, etwas anbieten zu können, was den Bedürfnissen des Anwenders gerecht wird.

Wie erfüllen Sie die Stichworte Modularität und Baukasten mit Leben?

Wir bieten von der PSC 1 eine große und eine kleine Ausführung. Bei Letzterer kann der Anwender über den Anschluss einzelner Ergänzungsmodule die Bewegungsüberwachung hinzufügen oder die Anzahl der I/O-Stellen variieren. Bei der Hardware kann er sich entscheiden, ob er Kommunikation benötigt oder nicht. Er kann sehr stark skalieren, auch auf das große Modell. Hier wiederum ist es möglich, noch wesentlich mehr I/Os anzuschließen und die sichere Bewegungsüberwachung weiter auszubauen.

Wie können Sie auf die berüchtigten Big Data reagieren?

Die Menge der erzeugten Daten ist bei den Komponenten wie zum Beispiel Schaltern gar nicht so groß. Eigentlich befinden wir uns bei dem Steuerungssystem beim genauen Gegenteil. Im Sinne der Geschwindigkeit sind wir auch bemüht, die Datenmengen gering zu halten. Auf der Sicherheitsebene ist der Wust wie bei vielen Industrie-4.0-Anwendungen noch nicht abzusehen. Er steigt mit der Bandbreite einer Applikation.

Stellt sich die Frage nach möglichen Anwendungen und Branchen …

Durch die Schwerpunkte Bewegungsüberwachung, Kommunikation und Modularität drängt sich für uns die Verpackungsindustrie als Kernbranche auf. Das ist in der gesamten Schmersal-Gruppe der Fall. Wir reden hier über sehr unterschiedliche Anlagentypen und hohe Anforderungen an die Skalierbarkeit. Sehr herausfordernd sind auch die enorm rasanten Bewegungen in diesem Bereich und ein deutlicher Trend zur dezentralen Ausrichtung der Anlage.

Wir denken generell an Anwendungen, wo Modularität und die Kommunikation von Subsystemen untereinander eine Rolle spielen, wie es zum Beispiel auch bei Pressen und Stanzen häufig vorkommt. Hier spielt die PSC 1 ihre Stärken voll aus.

Bestand die Motivation, neue Felder zu erschließen?

Wir sind mit unseren Komponenten bereits in vielen Branchen tätig. Ein entscheidender Schritt ist für uns der Weg zum Komplettanbieter. Mit einer solch kompakten, leistungsfähigen und umfangreichen Steuerung wie der PSC 1 möchten wir Eingang finden in Bereiche, die wir bisher noch nicht bedienen konnten. Wir sind jetzt in der Lage, den Kunden systemisch zu beraten und komplette Lösungen anzubieten.

In dieser strategischen Positionierung und der damit verbundenen Wahrnehmung am Markt liegt eher der Mehrwert für Schmersal, als in völlig neue Branchen hineinzukommen. Davon gibt es sowieso nicht viele.

Sie befinden sich zwar noch am Anfang des Weges, aber wohin möchten Sie mit der neuen Steuerung hin?

Im Fokus steht derzeit ganz klar der Marktlaunch, aber wir werden die PSC 1 ganz sicher Stück für Stück an sich wandelnde Kundenanforderungen anpassen. Wir bekommen da schon eine ganze Menge an Feedback. Ein Schwerpunkt ist dabei, die Programmieroberfläche stetig weiterzuentwickeln und vom Design her weiter zu verbessern. Es kündigen sich auch schon einige neue Features an.

Ganz im Sinne von Industrie 4.0 sollen verschiedene Steuerungsebenen verschmelzen. Neben der reinen Steuerungstechnik werden wir dann auch Teile der Automatisierung einer Maschine oder Anlage in ein kombiniertes Steuerungssystem mit übernehmen. Von der idealtypischen Auflösung der Automationspyramide, in der die Komponente direkt mit dem SAP-System spricht, sind wir sicher noch relativ weit entfernt, aber einige Zwischenschritte streben wir schon jetzt durchaus an.

Sicherheit und Automatisierung parallel laufen zu lassen, ist schwierig, denn für jede kleine Änderung müsste die Steuerung neu zertifiziert werden. Darum gibt es hier keine Alternative, als beide Bereiche zusammenzubringen. Wir wollen entsprechende Weiterentwicklungen schon bald auf den Markt bringen.

Wie schnell können Sie neue Features aufnehmen?

Der modulare Ansatz des Systems macht es leichter, neue Funktionalitäten zu implementieren, zum Beispiel in Form eines weiteren Ergänzungsmoduls. Diese Strategie vereinfacht den gesamten Zertifizierungsapparat, weil die zusätzlichen Geräte für sich gesehen diese Prozedur schon durchlaufen haben. Dies erstreckt sich auch auf die sichere Querkommunikation. Durch die Modularität verringert sich also der Zeithorizont, und das macht den Anwender schlagkräftig und flexibel.

Wo sehen Sie neue Betätigungsfelder?

Eine gewaltige Entwicklung sehen wir auf dem schon genannten Feld der Robotik, und hier wollen wir uns noch stärker engagieren. Ein wichtiges Stichwort ist die Mensch-Maschine-Kooperation, bei der das Thema Sicherheit den höchsten Stellenwert innehat. Eine strikte Trennung gibt es dabei nicht mehr, Mensch und Roboter geben sich die Produkte quasi in die Hand.

Wir sprechen in dem Zusammenhang intern schon von der Industrie 5.0 und können uns sehr gut vorstellen, dass unser neues Steuerungssystem eine hervorragende Basis dafür liefert.

Sehen Sie sich mit den neuen Geräten gut im Wettbewerb aufgestellt?

Im Vergleich mit unserem wichtigsten Mitbewerber sehen wir uns derzeit zumindest einen halben Schritt voraus. Unser System ist führend in der Kommunikation, vor allem bei den Komponenten untereinander, und der sicheren Querkommunikation. Auch mit der Einstellung des Feldbusses über die Software können wir dem Anwender etwas bieten, das er momentan nirgendwo anders findet.

Wo sehen Sie dankbare und profitable Märkte weltweit?

Die neue Steuerung ist auf jeden Fall ausgerichtet für den globalen Markt. Darum haben wir viel Wert darauf gelegt, möglichst viele Feldbussprachen abzudecken, und wir streben weltweite Zertifizierungen an. Die Begutachtung bei den Prüfstellen läuft. In Brasilien sind wir zum Beispiel extrem gut aufgestellt, in Asien wachsen wir.

Als anspruchsvolles Produkt werden wir überall dort erfolgreich sein können, wo es hohe Anforderungen gibt und ein hohes Maß an Automatisierung. Über die gute Skalierbarkeit können wir aber auch aufstrebende Regionen wie Indien bedienen. Die PSC 1 ist eine sehr gute Basis, die sich sukzessive erweitern lässt.

Vita

Dr. Andreas Hunscher

- Promotion an der Ruhr-Universität Bochum zum Dr.-Ing. der Elektrotechnik.

- 15 Jahre in verschiedenen leitenden Positionen bei einem international tätigen Automobilzulieferer, zuletzt als Geschäftsführer für den europäischen Infotainment-Bereich.

- Danach Geschäftsführer der Langmatz GmbH, einem Unternehmen der Infrastrukturbranche.

- Seit Mai 2014 bei Schmersal als Leiter des Werks Wettenberg mit den Geschäftseinheiten »sichere Signalauswertung« und »Bedienelemente«.

- Auch verantwortlich für das weltweite System- und Lösungsgeschäft der Schmersal-Gruppe.

Erschienen in Ausgabe: 01/2015