Komplexer – und einfacher?

08. April 2019

Stotz schreibt

Immer weniger Personal, mehr Projekte, höhere Zielvorgaben, mehr Meetings – die Arbeitsbedingungen in vielen Betrieben haben sich die letzten Jahre drastisch verändert. Oder wie Dr. Axel Zein von Wscad im Branchenreport (S. 36) beschreibt: »Die Ingenieure werden älter und die Anzahl der Systeme und der Benutzerschnittstellen nehmen zu. Für die eigentliche Arbeit bleibt weniger Zeit. In Folge wird die Produktivität abnehmen. Deshalb müssen wir den User in die Lage versetzen, sehr einfach mit dem System arbeiten zu können. Dazu muss es Arbeiten abnehmen können und über eine eigene Intelligenz verfügen.«

Leider ist diese Erkenntnis die Ausnahme in den Entwicklungsabteilungen. Deutsche Ingenieure – und das war jahrzehntelang ein Vorteil – haben die Neigung, das Mögliche auszureizen. Aus der Konstruktion noch etwas mehr Leistung herauszuholen, sie gleichzeitig noch zuverlässiger zu machen. Bei mechanischen Konstruktionen ist das kein Problem, dem Spieltrieb sind spätestens durch den Preis Grenzen gesetzt. Nicht so bei Software: Da noch ein paar Funktionen mehr reinzuprogrammieren, kostet praktisch nix und ist schnell erledigt. Das hat sehr große Vorteile: Aus dem elektromechanischen Telefon wurde ein 1.000-Funktionen-Tool, das auch noch telefonieren kann.

Doch was den Ingenieuren dabei offenbar immer mehr aus dem Blick gerät, ist die einfache Bedienbarkeit. Eigene Erfahrung: Wir führen gerade eine neue Redaktionssoftware ein, die auch in vielen anderen Verlagen eingesetzt wird. Die Crossmedia-Plattform verbindet Print und Online, und Bilder, Texte und Informationen sind verlagsweit recherchierbar – sehr leistungsfähig, aber auch sehr komplex. Kleines Beispiel: Dieselbe Funktion wird – je nach Fenster – mal durch Klicken, durch Schieben, durch Menüauswahl bedient. Bedienerfreundlich sieht anders aus. Das ist aber bei immer mehr Produkten der Fall: Ob Industrielösungen, Autos, Haushaltsgeräte oder TV – ohne vielseitige Bedienungsanleitung geht gar nix. Dabei könnten die Entwickler ihren Produkten einen echten Wettbewerbsvorteil verschaffen, wenn sie nach dem Motto konstruieren würden: je komplexer das Produkt, desto einfacher muss es zu bedienen sein.

Oder um Steve Jobs Erfolgscredo zu zitieren: »Du musst härter arbeiten, wenn Du etwas einfacher machen willst.«

Erschienen in Ausgabe: 08/2018