Kostenfaktor Kurzlebigkeit

Obsoleszenz – Wie sich Ausfallerscheinungen vermeiden lassen

03. September 2019
Kostenfaktor Kurzlebigkeit
(© gii)

Vor einiger Zeit habe ich mir eine kleine Spülmaschine für mein Boot zugelegt, die bis kurz über das Ende der Herstellergarantie hinaus auf Knopfdruck den von mir sehr geschätzten Gläserspülgang absolvierte. Dann stellte dieser Taster den Betrieb ein. Wie so oft ließ sich auch hier der Schaden mit etwas Zeit, Lot und einem Ersatzteil im zweistelligen Cent-Bereich beheben. Aber warum in aller Welt, die so eindringlich für mehr Nachhaltigkeit plädiert, haben selbst Haushalts- und Elektrogeräte ausgewiesener Qualitätshersteller die fatale Neigung, wegen des Ausfalls von Pfennigartikeln ihren Dienst zu versagen?

Die konsumkritische Antwort ist uns allen als geplante Obsoleszenz geläufig und bezeichnet die vorzeitige Alterung oder gezielte Verkürzung der Funktionsdauer von Geräten. Der Begriff geht zurück auf die 1930er-Jahre und sollte den USA einen pfiffigen Ausweg aus der Great Depression bescheren. Der Ansatz lässt sich aber noch ein paar Jahre weiter zurückdatieren, als ein Kartell von Glühlampenherstellern zur Standardisierung ihrer Erzeugnisse auch die Verkürzung der Lebensdauer auf eintausend Betriebsstunden beschloss.

Seither stehen bei unklarer Beweislage die Produzenten unterschiedlicher Gerätschaften unter Verdacht, dem Ausfall betriebsnotwendiger Komponenten gezielt nachzuhelfen: Der Chip der Druckerpatrone, der integrierte Seitenzähler oder das Tinten-Auffangschwämmchen, die urplötzlich einen Druckerdefekt auslösen, obwohl bei genauerer Inspektion – die allerdings schnell zur zerstörenden Prüfung ausarten kann – kein Schaden auszumachen ist. Oder die vormals bewährte Softwareversion, die mangels weiterer Sicherheits- und Funktionsupdates zum Betriebsrisiko gerät. Noch heute finden sich Geldautomaten, deren Firmware auf dem Windows-XP-Betriebssystem läuft. Mit bizarren Nebeneffekten: So soll ein wartender russischer Bankkunde per Zufall einen Geldautomaten geknackt haben, als er aus Langeweile mehrfach die Shift-Taste drückte und über die Einrastfunktion plötzlich vollen Zugriff auf das Programm erhielt. Doch auch ein ausgeprägter Update-Service bürgt nicht unbedingt für dauerhafte Funktionstüchtigkeit. Vielmehr sind führende Smartphone-Hersteller erst jüngst dadurch auffällig geworden, ihre älteren Modelle durch Aufspielen von Software-Updates vorsätzlich zu verlangsamen.

Aber längst nicht hinter jedem frühzeitig verschlissenen Bauteil stecken gezielte Obsoleszenz-Absichten. Stattdessen sind es oft die Tücken des betriebswirtschaftlichen Kalküls, die den Einkauf besonders günstigster – und damit oft auch kurzlebiger – Komponenten zwingend erscheinen lassen. Einen kritischen Faktor stellen die mittelbaren Beschaffungskosten dar, die sich auf den Kaufpreis des Artikels addieren, aber kaum exakt zu beziffern sind. Schlägt die Kalkulationssoftware hierzu auf den eigentlichen Einkaufspreis pauschal ein Mehrfaches auf, dann verteuern sich hochwertigere Artikel allein aufgrund des Rechnungswesens exponentiell und gelten damit per se als unwirtschaftlich. Um beispielsweise meine Spülmaschine ohne nennenswerte Mehrkosten mit ausreichend verschleißresistenten Tastern auszustatten, könnte es daher schon genügen, bei der Budgetierung der Herstellkosten den Einkaufspreis von den weiteren Beschaffungskosten zu entkoppeln, die ja unabhängig vom gewählten Artikel in etwa gleichbleiben. Das wäre im Sinne der Nachhaltigkeit ein echter Gewinn, um mit geringem Kostenaufwand wertvolle Ressourcen zu schonen.

Gerade die drastisch verkürzten Produktzyklen elektronischer Komponenten und Softwarelösungen aus dem Consumer-Bereich schlagen auch auf den Industriesektor durch und beeinträchtigen die Langzeitverfügbarkeit von Systemen und Anlagen. So kann es geschehen, dass Produkte, die auf dem neuesten Stand der Technik entwickelt werden, schon bei Serienstart gefährdet sind, weil sich Schlüsselkomponenten bereits in der Auslaufsteuerung befinden. Die immer schnellere Abkündigung erschwert neben der Produktverfügbarkeit auch die Einhaltung von Ersatzteilverpflichtungen.

Betroffenen Herstellern kann ich aus diesen Gründen nur zu einem proaktiven Umgang mit solchen Obsoleszenz-Risiken raten, um schon in der Produktentwicklung bei der Komponentenauswahl auf langlebige und langfristig lieferbare Bauteile zu setzen. Die Mehrkosten dürften de facto weit geringer ausfallen als ein teurer Nachkauf abgekündigter Komponenten oder gar ein aufwendiges Redesign, wenn sich das passende Bauteil überhaupt nicht mehr beschaffen lässt.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 06/2019
Seite: 74