Kunststoff in Bewegung

Frank Blase - »Wer Kosten senken will, braucht nicht nach zu China reisen«, findet Frank Blase, geschäftsführender Gesellschafter von Igus. Er will mit dem Konzept ›Plastics for longer life‹ zeigen, wie sich mit Kölner Kunststoffprodukten weltweit Technik verbessern und Geld sparen lässt. Also einfach länger und besser leben ohne Schmierung.

09. August 2005

Wie kommen Sie zu den Ideen, von denen Sie mit Fug und Recht sagen können, so etwas gibt es sonst noch nicht?

Frank Blase: Gute Ideen für neue Entwicklungen entstehen meistens aus zwei Quellen: Die eine ist das Labor, wo wir sehr viel testen und auf dieser Basis kreativ über neue Produkte und Werkstoffe nachdenken. Fast noch wichtiger als Quelle der Inspiration ist für das Igus-Entwicklungsteam der Kunde.

Woher wissen die Entwickler, was der Kunde will?

Sprachrohr des Kunden sind unsere technischen Verkaufsleiter. Die Informationskette zwischen Anwender und Entwickler läuft wie geschmiert: Findet der Kunde, dass ein Werkstoff in der Anwendung nicht hundertprozentig passt, sammeln die Entwickler Impulse für Verbesserungen. Auf diesem Wege finden sie zum Beispiel heraus, dass ein Lager, das ansonsten bestens funktioniert, in dieser Anwendung besser mit einer Montagehülse ausgestattet wird. Hier gilt das Prinzip der kurzen Wege. Kritik oder Anregungen, die wir auch auf regelmäßigen Seminaren im Hause sammeln, geben wir direkt ans Labor weiter. Denn aus den verschiedenen Kritikpunkten des Marktes schöpfen wir neue Ideen. Die Spirale der Innovation dreht sich dabei zum Wohle aller Beteiligten. Was sich für einen Textilmaschinenhersteller als praktisch erweist, hilft auch anderen in dieser Branche den Prozess zu verbessern. Innovationen lassen sich auch von Branche zu Branche übertragen, was im Textilbau hilft einen Fahrwerkstau der Maschine zu vermeiden, verhindert vielleicht in der Papierverarbeitung einen Papierstau.

Wer heute in erster Linie Energieführungssysteme, Gleitlager und damit verbundene Systemlösungen anbietet, braucht den Ruf des Innovativen. Was tun Sie dafür?

Ich bin immer wieder begeistert, wie viele kreative Entwickler ? jung im Kopf ? in unseren Igus-Teams arbeiten. Aber Entwicklung geschieht nicht nur in den eigenen vier Wänden einer Entwicklungsabteilung: Die Top-Kreativ-Leute der Entwicklung im Hause Igus sind in erster Linie die Kunden. Wir müssen nur richtig zuhören und dann wissen wir, was wir im nächsten oder im übernächsten Jahren brauchen und in die Richtung entwickeln wir. Manchmal reicht es schon aus, ein kleines Musterköfferchen zu zeigen und zu präsentieren, was es mit den einzelnen Teilen auf sich hat. Diese Präsentation regt an, und es kommt ganz schnell zu nützlichen Anregungen. Wenn wir nur richtig zuhören und die Leute auch in ihren Phantasien und Visionen ernst nehmen, dann haben wir die Ideen, die der Markt braucht. Deswegen gibt es bei uns immer viele neue Ansätze, die wir verfolgen. Manche tragfähige Neuerung bei Igus basiert auf dem unverfänglichen Ansatz im Kundengespräch, der mit dem kurzen Satz beginnt: »Das wäre doch eine Möglichkeit, wie eine Energiekette der in Gleitlager diese Anwendung vereinfacht.

Unternehmer müssen vorausplanen. Wie lassen sich nun Inspirationen einplanen?

Es gibt verschiedene Wege, wie man das Schwungrad in einer Firma in Gang bringt. Man kann entweder einen komplizierten Business Plan entwerfen und dafür sorgen, dass die ehrgeizigen Ziele erreicht werden. Der alternative Weg bedeutet, über Zufälligkeiten stolpern und diese produktiv nutzen. Ein Beispiel sind Wrigleys Kaugummis. Das Unternehmen stellte eigentlich Backpulver her und hat diese Kaugummi-Streifen als Add-on ins Backpulverpaket dazu gegeben. Der Effekt war die vehemente Nachfrage nach den Kaugummis und die Entscheidung von Wrigleys die Kaugummistreifen zum Hauptgeschäft zu machen. Der Zufall hat auch bei Igus einiges bewegt. Wir leben vom Ausprobieren und haben über den Grundgedanken meines Vaters vor 40 Jahren, schwierige technische Kunststoff teile zu produzieren, diese Nische heute besetzt.

Wie sieht die Marktnische für technische Kunststoffe aus?

Wir konzentrieren uns auf Kunststoffe in Bewegung ? gegen Reibung und Verschleiß. Deshalb forschen und entwickeln wir ausgiebig für den bewegten Kunststoff, denn in der praktischen Entwicklungsarbeit sind wir in dieser Hinsicht einzigartig. Mit diesen Erfahrungen und den applikativen Inspirationen unserer Kunden legen wir die Messlatte der Anforderungen ständig höher und nehmen uns immer anspruchsvollere Produkte vor ? immer mit dem Fokus, dass sie auch im Katalog verkaufbar sind. Ansporn für das Engagement für den bewegten Kunststoff sind sowohl eine ständig längere Lebensdauer als auch weniger Wartung bei niedrigeren Kosten.

Was heißt das, sich die Messlatte der Anforderungen selbst höher legen?

Wir gehen in Sachen Kunststoff in der tribologischen Ebene stark ins Detail. Denn Untersuchungen, wie lange ein Kunststofflager einer definierten Belastung wirklich standhält, sind auf dem Markt eher selten. Diese ständigen geforderten und unaufgeforderten Verbesserungen unserer Energieketten, Leitungen, Gleit- und Linearlager sind Ergebnis dieser ständigen Untersuchungen. Tests sind der Grund, warum unsere Materialien wunderbare Effekte erzielen können.

Beschränken Sie sich in Ihren Untersuchungen für Anwendungen auf den Maschinenbau?

Der Maschinenbau stellt dabei nur im weitesten Sinne die Grenze für das Terrain, das Igus mit seinen Produkten besetzt, wie die Gleitlager für hochwertige Mountain Bikes beweisen. Schließlich ist ein Mountain Bike auch nur eine Maschine, die sich mit Kunststoffkomponenten trefflich bewegt. Interessant sind eben Bereiche, in denen sich etwas bewegt: also alle Lösungen aus Kunststoff, die länger halten sollen. Unsere Philosophie »plastics for longer life« greift überall dort, wo sich unsere Lösungen zu geringeren Kosten als andere leicht realisieren lassen. Vielleicht produzieren wir in absehbarer Zeit auch medizinische Teile wie zum Beispiel künstliche Hüften. Nichts reizt so sehr wie das Neue! Dieser Leitspruch spornt nicht nur Entwickler bei Igus an. Wir alle haben offensichtlich eine Art Leidenschaft, Kunststoffe mit ungewöhnlichen Eigenschaften zu erforschen und neue Applikationen zu entdecken.

Welche Rolle spielt die Elektronik angesichts dieses Fokus auf einen Werkstoff?

Bis jetzt hat sich Igus stark auf Kunststoffbuchsen im Katalog fokussiert. Man hat überwiegend Ketten und Kabel für den Maschinenbau produziert, die beweglich wie eine Ader sind. Diesen Weg wollen wir nicht verlassen, aber wir schauen durchaus nach rechts und links. Unser Fokus liegt zwar auf den genannten Maschinenelementen, aber wir wollen noch andere Dinge anpacken, die in Richtung Elektronik weisen. Ein Schritt in diese Richtung ist eine elektronische Überwachungseinheit für große Kettenanlagen, die u. a. bereits im Hafen von Singapur eingesetzt wird.

Haben Sie keine Angst sich durch viele Projekte zu verzetteln?

Zu viele Baustellen oder Projekte sind zwar für ein 1.300-Mitarbeiter-Unternehmen nicht immer leicht zu stemmen, aber selbst die Angst vor dem Verzetteln hält mich nicht ab, ständig Neues zu wagen. Ich kann mich auf meine Mannschaft verlassen, was mich ruhiger schlafen lässt. Denn bei Igus bestimmt nicht nur einer: Jeder ist Manager und letztlich hat der Kunde das letzte Wort, wie und wo es in der Entwicklung weitergeht, sagt der Igus-Chef. Und über zu wenig Projekte können sich die Kölner offensichtlich nicht beklagen.

Peter Schäfer

ZUR PERSON

Frank Blase (45) ist in Köln-Kalk geboren und in Köln-Mülheim und Bergisch Gladbach aufgewachsen. Nach erfolgreichem Abschluss seines Studiums (Masters of Business Administration, MBA) an der Texas Christian University stieg er 1983 zunächst als Verkaufsleiter in das Familienunternehmen Igus ein, seit 1993 ist er Geschäftsführer. Blase ist verheiratet, seine Frau Daniela ist IT-Chefin bei Igus. Sein Bruder Carsten, der 1986 in den Betrieb einstieg, leitet Igus USA.

Erschienen in Ausgabe: 05/2005