Kunststoffpionier der ersten Stunde

Interview

Wolfgang Faigle - Der Geschäftsführer von Faigle Kunststoffe zu den Themen Pioniergeist,Innovationsbereitschaft, Hula-Hoop-Reifen und neuartige intelligente Kunststoffe.

09. April 2010

Herr Faigle, Sie setzen seit über 50 Jahren auf Kunststoff. Hat sich diese mutige Entscheidung gelohnt?

Auf jeden Fall. Als begnadeter Techniker gründete mein Vater 1946 die Firma Faigle, um ein Klavier zu haben, auf dem er seine technischen Symphonien spielen konnte. Zu Beginn stand die Herstellung von Puppenköpfen im Vordergrund. Zwar waren die Köpfe ursprünglich aus Pappmaché, bald aber schon aus Kunststoff, damals Weich-PVC. Neben den Puppenköpfen wurden auch Käseschachteln, Topfreiniger und Spielzeugautos produziert. Der Aufstieg von Faigle begann mit der Herstellung von Hula-Hoop-Reifen. Über zwei Jahre wurde damit so viel Geld verdient, dass das heutige Grundstück gekauft und die erste große Halle gebaut werden konnte. Die Triebfeder für jede Entwicklung war immer die technische Begeisterung, die Begeisterung für Neues, und das war auch der Grund, warum wir uns seit Beginn mit Kunststoff auseinandersetzen.

Welches waren die Meilensteine in Ihrer Produktentwicklung?

Da mein Vater sowohl Chemiker als auch Physiker war, reizte ihn die Herausforderung des damals neuen Werkstoffs Kunststoff. Obwohl er Techniker war, hat er sich schon früh für den Markt interessiertund Messen besucht, um neue Einsatzgebiete für Bauteile aus Kunststoff zu finden. So stellte er fest, dass es in den Fünfzigern noch keine Möglichkeit gab, dickwandige Polyamid- und Acetalharz-Stäbe, -Rohre oder -Platten herzustellen. Schon bald wurde eine Lösung für die Produktion gefunden, und Faigle war das weltweit einzige Unternehmen, das diese Bauteile fertigen konnte. Es wurden Patente nach Amerika, Japan und Osteuropa verkauft und viele Firmen stellen noch heute nach diesem Verfahren Halbzeuge her. 1955 produzierte Faigle die ersten Kunststoffhalbzeuge aus dickwandigem Polyamid und Acetalharz, legierten Granulaten und tribologisch weiterentwickelten Materialien mit Trockenschmierstoffen, die zum Beispiel im Maschinenbau als Zahnstangen gefragt waren. Anfang der Sechziger folgten dann die X-Werkstoffe. Im Jahre 1978 wurden Kunststoffrollen aus thermoplastischem Polyurethan entwickelt, die die damals hauptsächlich verwendete Gummirolle ablösten. Endlosfaserverstärkte Thermoplaste brachte Faigle vor rund 10 Jahren auf den Markt.

Worin besteht die Besonderheit der Faigle-Produkte?

Faigle ist ein Premium-Anbieter. Wir differenzieren uns im gesamten Innovationsprozess von den Marktbegleitern. Im Mittelpunkt steht bei Faigle immer eine sehr enge Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Wir warten nicht ab, bis sie mit ihren Problemen auf uns zu kommen. Vor Ort versuchen wir beim Kunden die möglichen Verbesserungspotenziale zu erkennen, um ihm dann direkt eine Lösung anbieten zu können. Wir begleiten unsere Kunden beim Innovationsprozess, der kombiniert ist aus anwendungstechnischer und fertigungstechnischer Entwicklung. Die Suche nach neuen Fertigungstechnologien zur Lösung eines Kundenproblems ist ebenfalls eines unserer Unterscheidungsmerkmale. Für billige Massenproduktion halten wir zu viele technische Ressourcen vor, die schlussendlich auf den Preis umgelegt werden müssen. Wir brauchen anspruchsvolle Problemstellungen, wo wir diese technischen Fähigkeiten auch ausspielen können.

In welchen Branchen sind Sie momentan am erfolgreichsten unterwegs, und welche werden Sie zukünftig adressieren?

Sehr erfolgreich sind wir zurzeit im Maschinenbau unterwegs, den die Krise bekanntermaßen sehr stark gebeutelt hat – das merken wir auch bei unseren Kunden. Nichtsdestotrotz halten wir den Maschinenbau für ein sehr wichtiges Feld, und die Krise bietet hier Chancen, den Kunden bei Kostenreduktion und Weiterentwicklung zu helfen. Auf der anderen Seite beobachten wir die aktuellen Trends sehr intensiv. Das sind für uns die Bereiche erneuerbare Energien, Umwelttechnologien, in Asien die Urbanisierung, und in Indien ist das Eisenbahnwesen, in Verbindung mit der Baubranche und Logistik, sehr interessant.

Welche Produktneuheiten können wir demnächst erwarten?

Intensive Entwicklungsarbeit betreiben wir im Moment im Bereich Tribologie und bei den Faserverbundwerkstoffen. Des Weiteren sind Projekte, die unter dem Schlagwort »intelligente Produkte« zusammenzufassen sind, das Top-Thema in unserer Entwicklungsabteilung.Dazu kann ich nur sagen, wir versuchen in unsere Produkte mehr Intelligenz einzubauen, auf einer Ebene, wie das bis heute noch nicht üblich ist.

Welche Ziele hat sich Faigle im technischen und wirtschaftlichen Bereich gesetzt?

In Anbetracht der krisenhaften Entwicklung der letzten Monate haben wir uns mit unserer Strategie auseinandergesetzt und sind zur Ansicht gekommen, dass es richtig war und ist, keine Adaptionen vorzunehmen. Unsere Zukunft sehen wir nach wie vor darin, dass wir durch eigene Innovationen Vorsprünge gegenüber unseren Konkurrenten herausarbeiten und durch Innovationsleistung, die wir den Kunden anbieten, die Kundenbindung halten und noch verstärken. Wenn man in einem Horizont von fünf Jahren denkt, werden wir sicher wachsen, wir werden unser Wachstum konservativ halten, so wie wir das auch in der Vergangenheit getan haben. Wir wachsen nicht um jeden Preis, sondern nur dort, wo es nachhaltig ist und uns auch nachhaltig nutzt.

Nennen Sie bitte die wichtigsten Faktoren für Ihren Unternehmenserfolg?

Ein ganz wesentlicher Punkt ist unsere Begeisterung für Technik. Wir arbeiten, um unsere technischen Ideen umzusetzen, das Geldverdienen betrachten wir als sekundär. Es ist eine grundsätzlich andere Herangehensweise, ob man ein Geschäft betreibt, um Geld zu verdienen, oder um seine Ideen zu verwirklichen. Unsere Philosophie wirkt sich jedenfalls sehr positiv auf unsere Mitarbeiter und die Zusammenarbeit mit unseren Kunden aus und schafft darüber hinaus ein sehr angenehmes Betriebsklima.

Die Fragen stellte Chr. Scholze

Fakten

- Seit über 60 Jahren schreibt Faigle Kunststoffgeschichte. Dabei hat das Unternehmen, mit Standort in Hard am Bodensee, die Entwicklung neuer Kunststoffe sowie innovativer Kunststofftechnologien maßgeblich mitgestaltet.

- Mit zahlreichen eigenen Patenten und einer Vielzahl erstklassiger anwendungstechnischer Lösungen hat Faigle seine Kompetenz unter Beweis gestellt. Der Pioniergeist der Gründerjahre prägt noch heute die hohe Innovationsbereitschaft der Firma.

Erschienen in Ausgabe: 02/2010