MES-Einführung

Lastenheft als Grundlage

Nirgendwo wird die Digitalisierung in der Industrie so deutlich wie bei der Einführung eines Manufacturing Execution Systems. MES-Lösungen verbinden die Business- mit der Fertigungsebene. Um diese Verknüpfung erfolgreich zu meistern, bedarf es einer genauen Projektplanung.

02. Oktober 2018
Lastenheft als Grundlage
Die Wahl des richtigen Beratungs- oder Implementierungspartners ist auch deshalb wichtig, weil die Einführung einer MES-Lösung nicht mit einem einzigen Projekt beendet ist. (Bild: © Shutterstock_135918872 Pavel L Photo)

Dass Projekte den gesetzten Zeit- und Kostenrahmen sprengen, kann man kaum noch als Ausnahmeerscheinung bezeichnen. Wie soll es erst laufen, wenn eine Softwarelösung wie ein MES eingeführt wird, die mehrere Unternehmensbereiche betrifft? Diese Denkweise führt zu einer spürbaren Zurückhaltung produzierender Unternehmen, wenn die Frage nach Industrie-4.0-Anwendungen aufkommt. Abwarten hat sich im digitalen Zeitalter jedoch als wenig erfolgreich erwiesen. Dabei gilt für die Einführung eines MES dasselbe wie für jedes andere Projekt: Wer sich gründlich vorbereitet, dem ist der Erfolg gewiss. Dabei spielt das Requirements Engineering (RE), die Anforderungsanalyse, eine zentrale Rolle, denn auf den Ergebnissen des RE wird das Lastenheft aufgebaut.

Im ersten Schritt werden die Ziele formuliert, die mit einem MES erreicht werden sollen. Dabei ist es ratsam, sie zu priorisieren. Ein weiteres sinnvolles Hilfsmittel ist die Visualisierung der Ziele anhand von Und-/Oder-Bäumen, um Abhängigkeit zu identifizieren. So wird deutlich, welche Ziele mit einer niedrigen Priorität erfüllt sein müssen, um ein Ziel mit höherer Priorität zu erreichen. So können im RE die jeweiligen Anforderungen leichter abgeleitet und priorisiert werden. Gehört eine spezifische Anforderung zum Beispiel zu einem Ziel mit niedriger Priorität, ist eventuell auch die Anforderung niedrig zu priorisieren. Im Endeffekt stehen die wichtigsten Anforderungen frühzeitig zur Verfügung.

Im Lastenheft werden dann Ziele und Anforderungen an ein MES formuliert, die der spätere Implementierungspartner umsetzen soll. Mithilfe des Lastenhefts können Unternehmen das Angebot an MES-Lösungen sondieren und die passenden Anbieter für einen Systemvergleich auswählen. Daher ist das Lastenheft und das ihm vorangehende RE das A und O, um den geeigneten Implementierungspartner zu finden.

Normen und Planungshilfen

Damit die Suche nach einer Lösung mitsamt Implementierungspartner nicht schon an der gegenseitigen Kommunikation scheitert, empfiehlt es sich, die IEC 62264 und die ISA S95 zurate zu ziehen. Die Normenreihen enthalten neben Begriffsdefinitionen auch hilfreiche Informations- und Aktivitätenmodelle sowie Datenstrukturen für die Verknüpfung von MES und ERP. Auf dieser Basis können im RE Checklisten erstellt und Anforderungsspezifikationen gegliedert werden.

Es lohnt sich auch, bei den Verbänden nach vorgefertigten Checklisten zu fragen, mit deren Hilfe man eine Art Wunschliste zusammenstellen kann. Gerade bei dieser Vorgehensweise spielt das RE seine Stärken aus, denn es verhindert, dass eine zu große Wunschliste den Rahmen des Lastenhefts beziehungsweise MES-Projekts sprengt. Das RE dient dazu, aus der Fülle an Anforderungen diejenigen herauszufiltern, die für das MES-Projekt wichtig sind. Zentrale Punkte dabei sind neben Aspekten der IT-Infrastruktur und den notwendigen Systemanpassungen die Stammdaten- und Auftragsverwaltung, die Steuerung des Materialdurchlaufs, das Betriebsmittelmanagement sowie natürlich das MES-Design mit seinen Funktionen und den benötigten Schnittstellen zu externen Systemen.

Auswahl passender MES-Anbieter

Bevor man nun MES-Lösungsanbieter zu einem Systemvergleich, dem sogenannten Beauty Contest, bittet, kann es sich lohnen, mithilfe einer knappen Übersicht über das geplante MES-Projekt die Zahl potenzieller Anbieter zu reduzieren. Mit einer detaillierteren Darstellung des Projekts lassen sich daraufhin die MES-Anbieter identifizieren, die für den Beauty Contest unter Berücksichtigung des vollumfänglichen Lastenhefts infrage kommen.

Damit die Versionen des Lastenhefts nicht ausufern, muss verhindert werden, dass jede ins Projekt eingebundene Abteilung ihre Maximalforderungen durchdrückt. Hier heißt es, sich auf die wesentlichen technischen und organisatorischen Anforderungen zu konzentrieren.

Das Erstellen eines Lastenhefts erfordert viel Erfahrung im Bereich des Requirements Engineering und umfangreiche Kenntnisse über die betroffenen Systeme und ihrer Zusammenhänge zwischen Business- und Fertigungsebene. Vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlt jedoch dieses Know-how, ebenso wie die Zeit und die finanziellen Mittel, es sich anzueignen. In diesem Fall greifen sie auf einen MES-Partner zurück, der bei der Erstellung des Lastenhefts sowie bei der gesamten Umsetzung des MES-Projekts unterstützend zur Seite steht. Ein solcher Partner sollte natürlich ein hohes Maß an Erfahrung mit solchen Projekten mitbringen und die Fähigkeit besitzen, auf die individuellen Ansprüche des Unternehmens eingehen zu können.

Dieses Miteinander zeigt sich besonders dann, wenn die im Lastenheft festgehaltenen Anforderungen nicht in dem Maße umgesetzt werden können, wie es sich das Unternehmen vorstellt, weil sie zum Beispiel zu aufwendig sind. Entweder entscheidet man sich dann für eine Neuprogrammierung der betroffenen Funktionen oder man verändert die Prozesse, sodass sie mit der gewählten MES-Lösung übereinstimmen. Welche Entscheidung die richtige ist, liegt einerseits an der festgelegten Priorität der jeweiligen Funktionen, andererseits an den Voraussetzungen des Unternehmens. Daher entwickelt GBO Datacomp seine MES-Lösungen immer auf Basis dieser individuellen Voraussetzungen. Die MES-Experten von gbo holen das Unternehmen da ab, wo es sich hinsichtlich seines spezifischen Digitalisierungsgrads befindet. Aufgrund der modular aufgebauten MES-Lösungen von gbo lässt sich die Lösung an diesen individuellen Digitalisierungsgrad granular anpassen. Durch langjährige Erfahrung mit MES-Projekten verfügt gbo datacomp zudem über umfangreiche branchenspezifische Workflows, die angepasst und mit denen die Einführung eines MES wesentlich beschleunigt werden kann. hjs

Erschienen in Ausgabe: 07/2018