Lautsprecher & Waschtisch

Werkstoffe - Ob der Waschtisch im Flugzeug oder Lautsprecherboxen daheim - mineralische Werkstoffe sind vielseitig. Doch Funktion, Komfort und Design sind auch Hürden in anderen Anwendungen. Wer all das meistert, lässt auch Konstrukteure in der Industrie nicht kalt.

01. Februar 2006

Die Idee, aus Aluminiumhydroxid, Kunstharzen und Farbpigmenten einen Solid-Surface-Werkstoff herzustellen, der gesteinsartige Materialeigenschaften mit einer leichten Verarbeitbarkeit kombiniert, entstand bereits Ende der 60er-Jahre in den USA. Im elsässischen Wisches nahm mit der Varicor S.A.S. 1986 eine der ersten europäischen Produktionsanlagen für den gleichnamigen Mineralwerkstoff den Betrieb auf.

Mineralwerkstoffe werden heute in verschiedensten Marktsegmenten einsetzt: Ob in den Nasszellen im modernsten Flugzeug der Welt, dem neuen Airbus A380 (siehe Kasten), in den Schlafwagenabteilen bei der Bahn oder auch im Innenaus- und Ladenbau, wird der Solid-Surface-Mineralwerkstoff eingesetzt. Auch die Industrie setzt auf den Einsatz von Varicor. Industriekunden geben z.B. Sonderformteile in Auftrag. Ein Beispiel sind HiFi-Boxen, deren Gehäuse Loewe Opta aus Mineralwerkstoff fertigen lässt. Auch die Gehäusekörper eines Geräts zur Herstellung von Zahnersatz aus Gold und Keramik im Galvanotechnik-Verfahren der Wieland Dental + Technik wurden in einem Stück aus ›Varicor‹ gegossen. Diese Speziallösungen ermöglicht der eigene Werkzeugbau, der auftragsspezifische Formen anfertigt, in die der dann noch flüssige Mineralwerkstoff eingebracht wird.

Sägen, bohren, schleifen, nuten...

Die außergewöhnlichen Materialeigenschaften sind der Schlüssel zur steigenden Nachfrage. Der Mineralwerkstoff ist seidig und warm in der Haptik, lebensmittelecht, unempfindlich gegen Flecken, reinigungsfreundlich, wasserfest, weitgehend che­mikalienresistent, schwer entflammbar, hitzebeständig und überdurchschnittlich schlagfest. Dennoch lässt sich Varicor auch nach dem Herstellungsprozess mit in der Holzverarbeitung üblichen Werkzeugen sägen, fräsen, bohren, schleifen, profilieren und nuten. Mit farblich abgestimmtem Kleber werden einzelne Werkstücke nahezu unsichtbar und fugenlos verbunden. Durch Schleifen mit unterschiedlicher Körnung lässt sich der Glanzgrad der Oberfläche individuell verfeinern.

Neben den positiven Materialeigenschaften erfüllen Mineralwerkstoffe auch höchste hygienische Ansprüche und sind pflegeleicht. Im Schadensfall ist der robuste Werkstoff reparatur- und ausbesserungsfähig, was nicht zuletzt für den Einsatz in stark frequentierten und strapazierten Bereichen spricht, wie in öffentlichen Gebäuden, Messezentren, Hotels, Kindergärten, Krankenhäusern und Laboren.

Haupteinsatzgebiete der Tafelware sind nach wie vor Bad und Küche, wo sie als Arbeitsplatte, Theke, Abdeckung oder Waschtischablage eingebaut wird. Daneben dient sie als Wandverkleidung, Tisch, Fensterbank oder Counter. In Verbindung mit den Becken, Spülen und Säuglingsbadewannen aus Varicor, die in die Tafeln eingepasst werden, bietet der Werkstoff individuelle Formenvielfalt. Waschtische für den Sanitärbereich bieten weitere Anwendungen.

Die Materialeigenschaften des Werkstoffes qualifizieren ihn auch für private Bäder, insbesondere wenn außergewöhnliche Nutzungsanforderungen bestehen, zum Beispiel bei barrierefreien Waschtischen, die für Rollstuhlfahrer unterfahrbar sind. Das barrierefreie Waschtischprogramm ›Vitalis Pro‹ von Keramag wird aus Mineralwerkstoff hergestellt. Durch die geringe Mate­rialstärke bei hoher Festigkeit kann die

von der strengen DIN 18024 (Barrierefreies Bauen) geforderte Beinfreiheit von 67 cm sogar auf 68 cm erhöht werden. Der Ablage-Waschtisch mit variablen Flächen links und/oder rechts wird objektbezogen millimetergenau angefertigt. Individuelle Längen zwischen 70 und 250 cm sind möglich.

Heute erfolgt die internationale Vermarktung über die Vertriebsorganisation Spectra mit Sitz in Gaggenau. Sie ist eine Divi­sion der Keramag AG. Die Varicor S.A.S. gehört wie Keramag zur finnischen Sanitec-Gruppe und hat sich zu einem der führenden europäischen Hersteller von Mineralwerkstoffen entwickelt. Dies begründet sich vor allem durch das stetig weiterentwickelte und sehr differenzierte Angebot der Produkte aus dem vielseitigen Mineralwerkstoff.

Klaus Teders/ps

Mineralstoff AN BORD

Der Airbus A380 ist mit 79,8 m Breite, 24.1 m Höhe und einer Länge von fast 73 m das größte Passagierflugzeug der Welt. Das Flugzeug verbraucht weniger als drei Liter Treibstoff pro Passagier und 100 km. Dieser Wert ist nur durch extreme Gewichtseinsparungen an Bord zu erreichen. Die 19 Nasszellen im A380 werden deshalb mit dem sehr leichten Mineralwerkstoff ›Varicor‹ ausgestattet. Um weiter zu sparen, wird die übliche Werkstoffstärke von 8 mm auf bis zu 1,8 mm reduziert, wodurch das Gewicht des Waschtisches nochmals halbiert wurde.

Erschienen in Ausgabe: 01/2006