Leitwölfe in Laatzen

Kommentar

Hannover Messe – Die Auftritte von Staatsoberhäuptern zur Eröffnung sind inhaltlich nicht immer tiefschürfend, aber ein begrüßenswertes Hoffnungszeichen.

18. März 2016

Wenn in diesem Jahr die Hannover Messe als nach wie vor weltgrößte Industrieschau der Nationen ihre Pforten öffnet, wird US-Präsident Barack Obama die Eröffnungsrede halten. Damit reihen sich die Vereinigten Staaten als diesjähriges Messe-Partnerland in eine Tradition ein, die zuletzt meist Staats- oder Regierungschefs höchstpersönlich in die niedersächsische Landeshauptstadt reisen ließ. 2012 war China Partnerland, 2013 kam Putin zur Messe, um sie gemeinsam mit Bundeskanzlerin Merkel zu eröffnen, 2014 gab sich der holländi-sche Ministerpräsident Mark Rutte die Ehre und im vergangenen Jahr repräsentierte Premierminister Narendra Modi mit seiner Eröffnungsrede die Boom-Nation Indien.

Es ist bemerkenswert, dass sich auch und besonders die ganz hohen Tiere – aus Ländern mit annähernd kontinentalen Dimensionen und riesigen Binnenmärkten – auf den Weg zu einer Messe in Hannover-Laatzen machen. Das gilt zumal in einer Zeit der Börsenbeben und gehäuften Krisen und Konflikte. Man kann da durchaus mal auf den Gedanken kommen, dass solche Staatenlenker vielleicht eher andere Prioritäten setzen müssen. Was zieht sie dennoch her? Augenfällig ist und bleibt: Bei aller Uneinigkeit und mehr und mehr offenem Streit, der selbst zwischen vermeintlich engen Partnern mittlerweile ausgetragen wird, sind Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zu weiten Teilen noch eine Bastion der funktionierenden Zusammenarbeit zum gegenseitigen Nutzen. Selbstverständlich ergreifen die führenden Vertreter der Partnerländer die Gelegenheit, um bestimmten politischen – genauer: wirtschaftspolitischen – Ansprüchen und Interessen Nachdruck zu verleihen. So ist jetzt bereits bekannt, dass Obama seinen Messebesuch nutzen will und wird, um auf dieser großen Bühne für das vor allem in Deutschland weiter umstrittene Freihandelsabkommen TTIP zu werben.

Ich habe nie einen Hehl aus meiner Kritik an diesem intransparenten Vertragswerk gemacht. Ebenso bin ich kein Putin-Fan. Und viele Ansichten des indischen Premierministers könnten mir nicht ferner liegen. Trotzdem begrüße ich das Erscheinen der Staatsoberhäupter auf der HMI. Ich empfinde diese Auftritte insgesamt als kleines Hoffnungszeichen für die Welt als internationale Gemeinschaft. Krisen, Kriege, militärische Spannungen und wirtschaftliche Verwerfungen sind nicht zu verleugnen. Doch das ungebrochene Interesse der Staatenlenker an einer Technologie-Messe ist in meinen Augen auch geprägt vom nicht zu erschütternden Konsens darüber, dass Industrialisierung und technischer Fortschritt tragende Pfeiler der modernen Zivilisation und damit der Zukunftsfähigkeit ausnahmslos jeden Landes sind. Nun ist dies keine wirklich tiefschürfende Einsicht. Diese bleibende Übereinkunft ist aber heute wichtiger denn je als Grundlage für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Staaten und Aufrechterhaltung von Möglichkeiten, sich trotz aller Spannungen wieder anzunähern.

In fast jedem Land der Welt, wenige groteske Diktaturen einmal ausgenommen, ist es eine funktionierende Industrie, die die Grundversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Medikamenten, ja schlechthin allen Dingen des täglichen Bedarfs sicherstellt. Ohne sie ist auf Dauer kein Staat zu machen. Noch ist es auch einer um sich greifenden Politik nationaler Egoismen und wiederbelebter Vorurteile und Animositäten nicht gelungen, diesen Lebens- und Wirtschaftsbereich fundamental zu beschädigen – auch wenn sich Spitzenpolitiker vieler Ländern inzwischen redlich Mühe geben, aneinander vorbei zu reden und einander nicht mehr zuzuhören. Da entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass Kommunikation nach wie vor das inzwischen zum Dauerbrenner gewordene Leitthema der Hannover Messe ist, nämlich unter der Bezeichnung »Industrie 4.0«. Kaum ein neuer Wirtschaftstrend baut in vergleichbar großem Maße auf einer Technik auf, die kaum noch nationale Grenzen kennt und von deren Vorteilen zum Beispiel mit »grenzenlosen« Clouds fast jeder Anwender profitieren kann.

Nehmen wir uns die Technik zum Vorbild. Nehmen wir die Hannover Messe als Chance, gute Botschafter unseres Landes zu sein. Sehen wir es positiv, dass die großen Politiker, die zur Messe kommen, das Gespür für diese wesentlichen Werte womöglich doch noch nicht vollkommen verloren haben. Und freuen wir uns auf Präsident Obama an der Spitze der amerikanischen Delegation. Ein Jahr später stünde für ein Partnerland USA dort schließlich vielleicht ein Mister Trump, bei dem die Zweifel an einem ernsthaften Interesse an gemeinsamem Handel und Wandel in der Welt doch erheblich stärker wären. Die deutsche Wirtschaft, die – wie manche meinen, schon längst »nicht wegen, sondern trotz der herrschenden Politik« – weiter in guter Verfassung ist und wie eh und je besonders von der Stärke ihres einzigartigen Mittelstands profitiert, wird auch 2016 wieder ihr Scherflein dazu beitragen, die Welt ein Stückchen in eine gute Richtung weiterzubringen.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 02/2016