Libero und Grenzgänger

Porträt

Harald Pflitsch – Unternehmertum bedeutet mehr als erfolgreiche Geschäfte: Der führende Hersteller von Lösungen zum Kabelmanagement verbindet technischen Weitblick mit Sorgfalt im Detail, vereint Heimatliebe mit Offenheit nach außen und kombiniert moderne Fertigungsmethoden mit sozialer Kompetenz.

31. August 2010

Die Reise in die Welt des Harald Pflitsch beginnt mit einer Überraschung: Kein kritisch prüfender Pförtner überwacht den Zutritt auf das Werksgelände des führenden Herstellers von Lösungen zum Kabelmanagement im beschaulichen Städtchen Hückeswagen an der Wupper – stattdessen begrüßt den Besucher eine Kunstinstallation als Symbol für die Überflutung unserer Zeit mit Informationen: Im Inneren einer roten Londoner Telefonzelle ragt eine Hand aus einem bunten Berg von Kunststoffteilen und greift hilfesuchend nach dem Hörer – und gleich nebenan, an den Ufern des Flusses, stehen zwei stählerne Skulpturen einander gegenüber, ganz im Sinne des Werbeslogans des Unternehmens »Wir überschreiten Grenzen«.

Eine solche Einheit von Modernität in der Provinz, von Traditionsbewusstsein und Offenheit für Neues verkörpert auch der Geschäftsführende Gesellschafter des Familienunternehmens im Oberbergischen Land: Der 1946 geborene Harald Pflitsch leitet den Spezialisten für Kabelverschraubungen und Kabelkanäle jetzt in der dritten Generation, und in dieser Zeit wurde aus der »kleinen Dreherei« seines Großvaters mit weniger als 20 Mitarbeitern ein Unternehmen mit heute 200 Mitarbeitern, einem Jahresumsatz von 30 Millionen Euro und rund 4.500 Kunden in allen Bereichen der Industrie.

Früher Einstieg

Dieser Erfolg war dem hochgewachsenen Mann mit dem bescheidenen Auftritt keineswegs in die Wiege gelegt: Als Pflitsch Teilhaber des Unternehmens wurde, war er gerade 19 Jahre alt – der herzkranke Vater war früh verstorben, noch vor dem Tode des Großvaters Ernst Pflitsch, der das Unternehmen 1919 als elektrotechnische Fabrik gegründet hatte. Die Geschäftsführung übernahm daraufhin sein Onkel Otto, erzählt Pflitsch und erinnert sich: »Ich selbst sollte als eine Art Libero den Markt bearbeiten bei allen Themen, die längerfristig angelegt waren.«

Otto Pflitsch, ein begnadeter Techniker und Tüftler, entwickelte bald ein neuartiges Verschraubungssystem aus Messing mit einer Kunststoffdichtung aus hochflexiblem PVC, die das Kabel über die gesamte Länge der Durchführung hält und abdichtet. Die Mutter mit dem markanten Sechskant verpresst dabei den inneren Dichtungseinsatz sanft gegen das Kabel.

Erfolg durch Ideen

Der junge Harald Pflitsch erkannte sofort die Vorteile der neuen Kabelverschraubungen mit dem Namen »Unidicht« und entschied, für das neue Produkt deshalb den unerhörten Abgabepreis von 1 Mark pro Stück zu verlangen anstelle der 16 2/3 Pfennige, die sich damals mit konventionellen Kabelverschraubungen erlösen ließen. Und das Wagnis zahlte sich aus: Trotz anfänglicher Skepsis nicht nur des Onkels fanden sich schnell etliche Kunden, die die Technik akzeptierten und bis heute eine beträchtliche Stückzahl der Kabelverschraubungen abnehmen.

Um seine Zukunft als Unternehmer auf eine stabile Basis zu stellen, begann Pflitsch ein Studium zum Diplom-Wirtschaftsingenieur an der TU Berlin, doch schon nach der Hälfte der geplanten Studiendauer zeigte sich auch beim Onkel eine Herzerkrankung, und Pflitsch beendete das Studium mit dem Vordiplom, um mit 25 Jahren in das Unternehmen einzutreten.

Durch den intensiven Kundenkontakt erkannte er schnell, dass der Markt nach zuverlässigen Kabelverschraubungen aus Kunststoff fragte. Der damals für solche Bauelemente verwendete Werkstoff Makrolon zeigte nämlich in der Praxis oft Spannungsrisse, die die Stabilität gefährdeten. Die erste Tat des Jungunternehmers war deshalb die Suche nach einem besser geeigneten Werkstoff für die Herstellung von Kabelverschraubungen. Dieser fand sich in dem damals neuen Kunststoff TrogamidT, der resistent ist gegen Trichlorethylen und Natronlauge und zudem auch unter Last keine Spannungsrisse bildete. Schnell kaufte Pflitsch darauf eine Spritzgießmaschine und entwickelte geeignete Werkzeuge, die den neuartigen Werkstoff handhaben konnten. In kürzester Zeit gelang es so dem kleinen Unternehmen, in die Mengenproduktion von Kunststoff-Kabelverschraubungen einzusteigen und dabei zugleich einen völlig neuen Werkstoff auf den Markt einzuführen, erinnert sich Pflitsch nicht ohne Stolz an sein erstes Jahr im Unternehmen.

Expansion mit Kunststoff

Schon kurze Zeit später überraschte Pflitsch den Markt erneut: Die neuen Kunststoff-Kabelverschraubungen besaßen erstmals keine eingespritzte Dichtung, wie sie bei der Unidicht-Serie bis dahin üblich war. Statt dessen produzierte Pflitsch ab 1974 Gewindeteile und Dichtungseinsätze separat und entwickelte so ein modulares Verschraubungssystem, mit dem sich unterschiedlichste Anwendungen mit einem Minimum an Einzelteilen realisieren lassen. Heute umfasst die Unidicht-Serie etwa 4.000 Varianten mit Verschraubungskörpern aus Messing, Edelstahl, Aluminium oder Kunststoff in fünf Gewindenormen sowie einer Vielzahl von austauschbaren Dichtungseinsätzen für unterschiedliche Kabeldurchmesser.

Doch auch jetzt endete die Innovationskraft des Unternehmens nicht: Später entwickelte Pflitsch zum Beispiel eine zweigeteilte Reparaturverschraubung für Einsätze in der Prozessindustrie, mit denen sich schadhafte Verschraubungen an einem bereits verlegten Kabel austauschen lassen, ohne den Betrieb der Anlage unterbrechen zu müssen, und eine aktuelle Neuentwicklung ist eine Kabeldurchführung mit Quetschverbindung für den Einsatz in künftigen Elektrofahrzeugen, die sich leicht montieren, aber nicht mehr demontieren lässt, um mögliche Stromschläge zu verhindern.

Es sind solche fortwährenden Innovationen, die Pflitsch für viele Kunden zu einem der kreativsten Unternehmen in diesem Sektor machen. Für Harald Pflitsch selbst ist die treibende Kraft hinter der Innovationsstärke seines Unternehmens jedoch die strikte Orientierung am Kundenwunsch: »Wir sind nie gewachsen durch das Kopieren von Wettbewerbslösungen«, stellt er klar. »Statt dessen reagieren wir immer kreativ auf neue Kundenwünsche, unabhängig von der geforderten Stückzahl.«

Qualität als Philosophie

Möglich wurde die Erfolgsgeschichte aber auch, weil Pflitsch seine Kunden immer wieder von der hauseigenen Philosophie der qualitätsorientierten Dienstleistung überzeugen konnte. So vertreibt der Mittelständler seit den 1980er-Jahren auch Kabelführungen und Kabelkanäle als hochindividuelle Sonderlösungen für den Einsatz in Maschinen. Die meisten Unternehmen produzierten damals die Kabelkanäle für ihre Maschinen noch selbst. Diesen Kunden konnte Pflitsch jetzt passende Komplettlösungen innerhalb kürzester Zeit und in höchster Qualität liefern, sodass die frei werdenden Kapazitäten für produktivere Zwecke eingesetzt werden konnten. Das Baukastensystem aus geraden Kanalstücken, Eckstücken und T-förmigen Verzweigungen ermöglicht den Bau von nahezu beliebig geführten Kabelkanälen ohne scharfe Kanten.

Trotz all dieser Erfolge blieben Harald Pflitsch jedoch weitere Rückschläge nicht erspart. So starb 2002 der Onkel, der das Unternehmen 30 Jahre lang durch gute und schlechte Zeiten geführt hatte, und nur zwei Jahre später auch dessen Tochter Ute, die Otto Pflitsch als Geschäftsführerin nachgefolgt war. Seither führt Harald Pflitsch das Unternehmen deshalb allein zusammen mit einem Führungsteam.

All das mag dazu beigetragen haben, dass der freundliche 64-Jährige sein unternehmerisches Engagement immer auch als soziale Aufgabe im eigenen Umfeld sieht. So bietet Pflitsch seinen Mitarbeitern nicht nur verschiedene Möglichkeiten zur Kinderbetreuung innerhalb und außerhalb des Betriebs, sondern leistet unter anderem auch Unterstützung bei Suchtgefährdung oder finanziellen Problemen. Pflitschs jüngste Tat ist die Gründung des »Berufskollegs Hückeswagen«, eines deutschlandweit einmaligen Bildungsprojekts, das Realschülern innerhalb von drei Jahren eine Berufsausbildung zum Industriekaufmann ermöglicht und dabei zugleich zum Abitur führt. Inzwischen hat die nordrhein-westfälische Landesregierung die neue Schule anerkannt, die in einem ehemaligen Krankenhaus untergebracht ist, und seit August 2010 nutzen dort die ersten 21 Schüler ihre neue Chance auf eine eigenständige Zukunft. Am Ende der Reise bestätigt sich so das Signal der stählernen Skulpturen am Ufer der Wupper: Hier werden tatsächlich Grenzen überschritten.

Björn Thomsen

Zur Person

-Harald Pflitsch, Jahrgang 1946, ist Geschäftsführender Gesellschafter der Pflitsch GmbH & Co. KG in Hückeswagen.

-Pflitsch hat an der TU Berlin Wirtschaftswissenschaften studiert und trat 1971 aktiv ins Unternehmen ein.

-Seither entwickelte sich das Unternehmen zu einem führenden Hersteller von Drehdurchführungen und Kabelkanälen.

Erschienen in Ausgabe: 06/2010