Machen oder lassen?

MES

MES-Systeme – Im Laufe eines Unternehmenslebens häufen sich in der Fertigung Unmengen von Daten an. Um diese sinnvoll zu dokumentieren und erfolgreich zu nutzen, bietet sich die Installation eines MES-Systems an – oder vielleicht auch nicht?

16. Februar 2012

Wenn es darum geht, Aufgaben abzuarbeiten oder Funktionen und Anlagen zu erstellen, ist es im Bereich der Montage notwendig, eine Reihenfolge von Prozessschritten einzuhalten und alle Ergebnisse zu erfassen und langfristig zu dokumentieren. Dies gilt vor allem in der Montage von sicherheitsgerichteten Produkten. Hierzu gibt es naturgemäß viele Varianten der Durchführung.

Die Abhängigkeit von der Montagemethode – manuell, teilautomatisiert, vollautomatisiert – spielt zunächst keine Rolle und ist nur ein Thema der Durchlaufzeit für die Montage und somit der Herstellkosten. Denn im Vorfeld wird definiert, was und wie dokumentiert werden soll, um Eigen- und Kundenbedürfnissen gerecht zu werden.

An Situationen anpassen

In einem lebendigen Unternehmen verändern sich Anforderungen und Aufgaben ständig, die Verantwortlichen müssen nach Lösungen suchen und die Situation den Gegebenheiten kontinuierlich anpassen. Dafür ist zum Beispiel ein Manufacturing Execution System (MES) gut geeignet.

Die Division Chassis & Safety der Continental AG im Werk in Frankfurt hat ein MES-äqivalentes System schon seit 25 Jahren im Einsatz. »Allerdings haben wir das damals noch nicht so genannt. Das Portfolio an MES-Systemen, wie wir sie heute kennen, war zu der Zeit noch nicht vorhanden«, erzählt Angelo Bindi, Senior Manager Central Control and Information Systems bei Continental in Frankfurt.

Seiner Meinung nach haben die erweiterten Funktionen der Entwicklungssysteme, neue Programmiersprachen, integrierte Entwicklungsumgebungen (IDE) und geänderte Anforderungen der Continental-Werke im letzten Vierteljahrhundert dazu geführt, Effektivität, Effizienz und Funktionsumfang der MES-Lösung von Continental weiter zu steigern und zu verbessern.

»Die Pflege eines solchen Systems muss nicht zwangsläufig aufwändig und somit gleichzeitig kostenintensiv sein«, widerspricht Bindi häufigen Argumenten. »Wenn Systeme von vornherein auf Änderungen ausgelegt werden und dies in der Systemarchitektur berücksichtigt wird, werden Ergänzungen oder Änderungen bei neuen Anforderungen oder Aufgaben nicht zum Auslöser panikartiger Massenarbeit.

Heutige Technologien erlauben es, Systeme derart aufzubauen, dass eine saubere Trennung zwischen Datenhaltung, Geschäftslogik und Präsentationsschicht ohne großen Aufwand möglich ist.«

Die fortschreitende Hardwareentwicklung auf dem Markt und die heute zur Verfügung stehenden Daten von Servern und SPS-Systemen tun laut Bindi ihr Übriges für eine passende, performante Lösung.

Für viele Unternehmen, die sich mit der Thematik MES und deren Einführung befassen, ist darum an dieser Stelle der Punkt gekommen, ein solches System umzusetzen oder es besser zu lassen. Für Angelo Bindi ist das aber kein richtiger Ansatz. »Es geht vielmehr darum, sich zu fragen, was man für seine Montage oder Fertigung benötigt.

Die Unternehmen sollten zunächst einmal aufnehmen, was sie mit den durch das System erfassten Daten später machen möchten.« Aus dem so erstellten Anforderungsprofil ließe sich dann schnell ermitteln, wie hoch der Aufwand ist oder wie kostenintensiv eine fertige Lösung sein wird.

»Sehen und lernen war und ist unsere oberste Maxime bei der Pflege und Erweiterung unseres Systems«, stellt Bindi klar. »Da wir in Zellen fertigen, also im so genannten Linienansatz, haben wir unser System einfach Zellrechner genannt. Hätten wir schon zu Beginn gewusst, dass solche Systeme heute MES heißen, würde der Name wahrscheinlich anders lauten.«

Bindi und sein Team schauen sich regelmäßig nach Lösungen auf dem Markt um, damit sie verstehen, was der Stand der Technik ist, und um das Continental-System im Vergleich zu den auf dem Markt befindlichen Produkten zu bewerten. »Wir haben«, so der Manager, »unser System nicht um seiner selbst willen, sondern nur deshalb, weil es für uns wirtschaftlich ist.«

Viele Funktionen integriert

Durch die neuen Anforderungen der letzten Jahrzehnte ist der Funktionsumfang des Zellrechners von Continental stark angestiegen. Darum, so Bindi, müsse sich sein Unternehmen hinter den Lösungen von kommerziellen Produkten nicht verstecken: »Besser noch – durch die Integration in verschiedene Bereiche wie PC-basierte Messsysteme, Stationsvisualisierung, Rezepturverwaltung, Drucksysteme, Roboterintegration, die Integration von Vision-Systemen, Taktzeitanalysen, Störanalysen über MDE, MDA oder BDE sowie SPS-Schnittstellen ist ein modulares Baukastensystem entstanden, das sich maßgeschneidert für einen gewünschten Automatisierungsgrad konfigurieren lässt – ohne unnötigen Ballast mitzuschleppen.«

Nur durch kontinuierlichen Vergleich und Ermittlung der Kundenbedürfnisse kann ein schlankes, kostengünstiges und dennoch voll funktionales und leistungsfähiges System geschaffen und erhalten werden.

Hohe Fertigungstiefe bei Software

Ob Continental dabei als Systementwickler oder Systemintegrator auftritt, ist für Angelo Bindi eine Frage der Fertigungstiefe, sofern dieser Begriff für die Softwareentwicklung zutrifft. »Wir haben selbstverständlich keine Treiber für SPS-Schnittstellen geschrieben, sondern auf die vom Hersteller zur Verfügung gestellten Treiber zurückgegriffen.

Gleiches gilt auch für Entwicklungsumgebungen, bei denen wir uns natürlich auf jene stützen, die auf dem Markt bekannt und führend sind.« Continental sieht sich unter dem Strich also mehr als Systemintegrator. »Wir fügen Standard-Datenbank-, Entwicklungs-, und Schnittstellensysteme zu einem großen Ganzen zusammen, um für uns ein optimales Fertigungsleitsystem zu schaffen«, ergänzt Bindi.

Der Systemverantwortliche, der im neu gegründeten MES D.A.CH-Verband als zweiter Vorsitzender aktiv ist, sieht Continental durch die gewählte Vorgehensweise in der angenehmen Situation, »dass wir in den meisten Fällen schnell und ohne größeren Ressourcenaufwand auf Anforderungen unserer Kunden reagieren können.«

Zu 99 Prozent müsse sein Unternehmen sogar gar nicht mehr programmieren, sondern die Systeme nur noch konfigurieren. MES-Systeme, zieht Bindi ein Fazit, seien ausschlaggebend für Effektivität und Effizienz in der Montage und in Fertigungsbetrieben jeder Größe und somit ein Garant für Wirtschaftlichkeit auch in der Zukunft.

-Continental in Frankfurt, im Ursprung Alfred Teves Maschinen- und Armaturenfabrik, seit 1998 in der Continental AG.

-In Frankfurt werden elektronische Bremssysteme produziert.

-Die MES-Systeme aus Frankfurt gelten weltweit für alle Produktionsanlagen, auf denen Continental Bremssysteme fertigt.

-MES-Systeme in der heutigen Form seit 1985, früher als Automation-Control-System (ACS) bezeichnet und heute als Zellrechner.

-Homemade-System, historisch gewachsen aus der Steuerungsebene, von unten nach oben.

-Das MES-System dient bei Continental zur Fehleranalyse. Das Fertigungsmanagement bekommt so ein Werkzeug an die Hand, um sehr detailliert und genau zu analysieren.

Erschienen in Ausgabe: 01/2012