»Me-too ist nicht unser Stil«

Interview - Semikron International verbuchte im Jahr 2006 ein Rekord-Wachstum von 30 Prozent und vermeldet 136-prozentige Zuwächse bei Semix IGBT-Halbleitermodulen. Thomas Grasshoff, Chef des internationalen Produktmanagements, nennt Gründe des Erfolgs.

10. Mai 2007

Ein dreißigprozentiges Umsatzwachstum ist Grund zur Freude. Wie kommt dieses Ergebnis zustande?

Thomas Grasshoff: Zum einen ist Semikron mit den Halbleitern in einem wachsenden Markt tätig. Unser Markt wächst mit 6 bis 8 Prozent. Das Marktumfeld ist also günstig. Das zeigt auch die aktuelle Energiespardiskussion. Denn Leistungshalbleiter wandeln Energie effizienter um, verbessern die Energiebilanz und sparen Kosten ein. Das Umsatzwachstum von 27 Prozent ist auch durch ein überproportionales Wachstum im Bereich der erneuerbaren Energien entstanden. Wir haben einen hohen Marktanteil im Bereich Wind- und Solarenergie. Wir profitieren durch unser Skiip-System vom Aufschwung dieser Branche.

Was ist das Besondere an diesen Subsystemen, und was unterscheidet sie von Modulen?

Im Leistungsbereich sind wir die einzigen, die Subsysteme anbieten. Alle anderen beschränken sich auf Module. Die getesteten Subsysteme sind äußerst komplex und gleichzeitig einfach einzusetzen. Auch Kunden ohne Know-how der Leistungselektronik können damit ihre Anwendung einfach aufbauen und starten. Der Vorteil des Subsystems liegt in der Integration. Das Subsystem besteht aus Leistungshalbleiter, Treiber, Sensorik und Kühlung. Wir komplettieren und testen das Subsystem und nehmen dem Kunden den Integrations- und den hohen Testaufwand ab. Er kann ein ideal aufeinander abgestimmtes Subsystem einsetzen.

Welche Kunden bedienen Sie auf dem Windenergiemarkt?

Auf diesem Markt gibt es zum einen die Komplett-Anbieter. Diese Kunden bauen komplette Windmühlen. Sie stammen meistens aus dem Metallbereich und haben sich auf dieses Geschäftsfeld fokussiert. Die zweite Kundengruppe sind Hersteller von Umrichtern. Sie bieten die komplette Elektronik für eine Windanlage.

In Antrieben selbst steckt noch ein hohes Potenzial fürs Energiesparen?

Richtig. Der Umstieg von ungeregelten Antrieben auf geregelte erhöht die Energieeffizienz wesentlich. Beim Anfahren und Bremsen verbraucht der Motor weniger Energie, und er bleibt während der Anwendung im optimalen Drehzahlbereich. Diesen Markt bedienen wir mit Standardmodulen. Im Jahr 2006 ist auch unsere Investition in die neue Semix-Plattform zum Tragen gekommen. Wir haben sie drei Jahre vorher eingeführt und profitieren heute davon.

Wann folgt das Design out?

Bei der Lebensdauer der Antriebe rechnen wir mit sieben bis neun Jahren. Im Schnitt wird alle vier bis fünf Jahre eine neue Weiterentwicklung gestartet und die alte Plattform nach etwa zehn Jahren ausgetauscht.

Kommt von Semikron rechtzeitig eine Neuentwicklung?

Ja, das ist unsere Art von Portfoliopflege. Aber wir richten uns danach, welche Produkte unsere Kunden derzeit entwickeln.

Was ist die richtige Zeit zum Entwickeln? Entwickeln Sie bereits an dem Nachfolger von Semix?

Wir müssen zwei Dinge unterscheiden in der Leistungselektronik: die Chip- und die Verpackungstechnologie. In der Chip-Technologie kommt etwa alle drei bis vier Jahre eine neue IGBT-Technologie auf den Markt. Wir haben also im Jahr 2002 die IGBT-3 und SPT eingeführt und im Jahr 2006 ist IGBT 4 vorgestellt. Die Abstimmung zwischen Verpackungs- und Modultechnologie wirft aufgrund der langen Produktzyklen unserer Kunden gelegentlich ein Problem auf. Es gibt ständig neue IGBT-Technologien, während Kunden die vorige IGBT-Technologie in ihr Endprodukt einbauen. Deshalb achten wir sehr genau darauf von welcher IGBT-Technologie der Kunde den größten Nutzen hat.

Sind Sie den Antriebsherstellern oft zu schnell? Sollten Sie nicht ein gemäßigtes Entwicklungstempo vorlegen?

Nicht jeder Kunde hat einen regelmäßigen Designzyklus. Manche haben ständig neue ›Design-ins‹ und nutzen die aktuellsten IGBT-Technologien. Während andere alle fünf Jahre ein neues Design auflegen. Aus Kosten- und Performance-Gründen bieten wir deshalb immer das passende Produkt.

Ein Highlight war mit Sicherheit die Entwicklung und Einführung Semistart. Wie weit sind Sie damit jetzt?

Wir haben jetzt im Oktober letzten Jahres die zweite Markteinführung des Produkts gestartet. Es ist ja mit einem Kunden zusammen entwickelt worden, und wir haben jetzt die breite Vermarktung gestartet. Zugrunde liegt ein völlig neuer Ansatz für Thyristor-Module auf einem Markt, auf dem sich in den vergangenen Jahren nur wenig Neues auf dem Markt gab. Diese Entwicklung war ein positives Signal für einen Markt, der boomt. Denn Softstarter steuern den sanften Anlauf der Motoren, und sie werden nicht durch Schütze geschaltet. Dadurch lässt sich der Energieverbrauch senken und die Netzqualität verbessern

Was kann Semistart besser?

Das antiparallele Thyristormodul ist besonders kompakt. Im Vergleich zu einem Aufbau mit herkömmlichen Thyristorscheibenzellen ist das Gesamtvolumen eines 400- kW-Sanftanlaufgerätes sechs Mal kleiner. Die Module halten durch die Druckkontakttechnologie und die beidseitige Kühlung der Chips Überlastströme bis zu 3.000 A stand, bei einer Überlastzeit von 20 Sekunden. Wir haben die Effizienz der Thyristoren wesentlich gesteigert, und zum Beispiel den thermischen Widerstand um 50 Prozent reduziert. Daraus ergeben sich völlig neue Möglichkeiten des Aufbaus eines Softstarters. Das geringe Volumen und eine kostengünstige Gestaltung sind nur zwei Stichworte dazu.

Wie stark sind Sie in Forschung und Entwicklung?

Acht Prozent unseres Umsatzes gehen in Forschung und Entwicklung. Wir weisen auch in unserem Logo auf Innovation und Service hin. Das Thema Innovation nehmen wir also sehr ernst. Das heißt wir versuchen auch immer uns von unseren Wettbewerbern zu unterscheiden, indem wir andere Lösungen anbieten. Me-too-Lösungen sind nicht unser Stil. Unser Wettbewerbsvorteil ist, dass wir anders sind, bessere Konzepte anbieten, und einen Schritt weiterdenken.

Jetzt müssen Sie ein Beispiel geben!

Das typische Beispiel, wo Semikron eigentlich einen langen Atem benötigt hatte, ist das Thema Federkontakte. Seit Anfang der 90er werden Federkontakte eingesetzt für Flurförderzeuge. Dann gab es den Skiip, aber das war ein auf hohe Leistung begrenzter Anwendungsbereich. 1996 haben wir Federkontakte in allgemeinen Modulen als Schnittstelle zum Anwender vorgestellt. Es hat etwas gedauert, bis sich die Idee auf dem Markt etabliert hat. Viele Anwender mussten erst verstehen, dass ein Federkontakt auch dazu da ist, um elektrischen Strom zu transportieren. Denn viele verbinden den Federkontakt mit Federkräften. Der Vorteil ist, dass der Kunde nicht löten muss und sich dadurch Kosten einspart. Aber der Erfolg hat uns Recht gegeben. Der MiniSkiip hat sich bei allen wichtigen Antriebsherstellern etabliert und ist eine anerkannte Plattform, anerkannt für elektrische Antriebe bis zu 20 ... 22 kW. Wir sind auch mit dem Semix einen ähnlichen Weg gegangen. Es liegt an unserer durchgängigen Plattformphilosophie, dass wir Federkontakte als elektrische Kontakte nutzen.

Welche Entwicklungen wollen Sie auf der PCIM vorstellen?

Auf der PCIM stellen wir dieses Jahr ein IGBT Modulkonzept vor für Automotive-Anwendungen. Skim ist ein neues Druckkontaktmodul für die High End-Temperaturwechselanforderungen der Elektro- und Hybridfahrzeuge. Die höchsten Anforderungen an die Zuverlässigkeit bei gleichzeitig extremen Umgebungsbedingungen werden erfüllt. Der völlige Verzicht auf Lötungen sowie der konsequente Einsatz von Druck- und Federkontakten in Verbindung mit neuesten Industriekunststoffen machten diesen Fortschritt möglich. Dank der neuesten IGBT- und Dioden-Technologien wird eine hohe elektrische Leistungsdichte bzw. im Umkehrschluss ein sehr leistungsfähiges, kompaktes Modul erreicht.

Peter Schäfer

Erschienen in Ausgabe: 03/2007