Mechatronik bewegt

Foren - Vier Foren Mechatronik. Viermal die Open-Space-Diskussion. Das macht mindestens zwei mal vier Themen, die Mechatroniker bewegen. Die ersten haben wir im vorigen Heft vorgestellt. Jetzt ist die Reihe an weiteren vier Themen der Mechatronik.

11. Februar 2007

Das Phänomen Netzwerkbildung nimmt in der Mechatronik neue Konturen an. Mechatronik funktioniert über Firmengrenzen hinweg, denn kaum ein Unternehmen hat Kapazitäten zur ganzheitlichen Mechatronikentwicklung. Diese Erfahrung hat sich am 1. Februar auch bei dem 4. Forum Mechatronik in Igersheim bei der Firma Wittenstein gezeigt. Querdenken und Gewohntes infrage stellen, war nicht nur im OpenSpace gefragt. Die Referenten haben ein sehr lebendiges Bild der Mechatronik in der Verpackungstechnik gezeigt: »Alles bewegt sich«.

Mechatronik in der Beziehungskette Hersteller - Endkunde

»An irgendeiner Stelle fehlt es immer, oft ist es der Software-Support bei kleineren Maschinenbauern«, formuliert eine Arbeitsgruppe auf dem zweiten Forum. Ein entscheidender Punkt, um von der Komponente zum mechatronischen System zu gelangen, ist das Bilden von Netzwerken, dazu ändere sich auch das Verhältnis zum Kunden im Maschinenbau: »Der Lieferant wird zum Entwicklungspartner«. Jedoch dürfe der Maschinenbauer keinesfalls von externen Beratungsleistungen abhängig werden.

Keine Abhängigkeit aufbauen

Soviel zur Abhängigkeit von Komoponentenlieferanten: »Der Maschinenbauer muss mechatronische Kompetenz im eigenen Unternehmen aufbauen«. »Je nach Funktion im Betrieb helfen unterschiedliche Argumente der Mechatronik auf die Sprünge«, so eine Erfahrung vom 2. Forum in Blomberg. Für die Technik dominiere die Frage der Funktionserfüllung, also mehr Produktivität durch schnellere Zykluszeiten. Geschäftsführer und Controller überzeuge das Argument geringerer Lebenszykluskosten während Produktions- und Serviceverantwortliche auf präventive Instandhaltung (Condition Monitoring) und höhere Verfügbarkeit achten.

Mechatronik stellt insbesondere die Komponentenhersteller vor neue Herausforderungen. Wie diese aussehen, wurde in Stuttgart beim dritten Forum diskutiert. Die Arbeitsgruppe, die Carsten Fräger von Lenze moderierte, sprach vor allem über die Standards, die der Maschinenbau von der Mechatronik erwartet: Beispiele sind Modularisierung, Baukasten-lösungen, einheitliche Busschnittstellen, übergreifende Sicherheitstechnik sowie einfache Anbindung an übergeordnete Steuerungen.

Betrieb & Mechatronik

»Wie richtet man den Betrieb auf die Mechatronik aus?« ist ein Thema, welches sich durch alle Foren zieht. »Wie lässt sich mechatronisches Denken im Unternehmen etablieren? Was ist die beste Organisationsform für die Mechatronik?«, fragten gleich zwei Arbeitsgruppen beim ersten Forum. Im gleichen Themenspektrum wurde in Blomberg über Transparenz durch Projektmanagement gesprochen. Paralleles Engineering und die Notwendigkeit eines mechatronischen Prozessmanagements wurde auf dem dritten Forum diskutiert. »Der klassische Produktentstehungsprozess ist für mechatronische Entwicklungen nur beschränkt übertragbar«, stellte die Arbeitsgruppe fest. In der Regel müsse dazu ein neues Verfahren definiert werden. »So ist zwar die kreative Phase noch gut geeignet, eine grundlegende Richtung hinsichtlich der mechatronischen Grundstruktur des Produkts vorzugeben«. Doch spätestens bei der Prototypenphase bleibe kein Stein auf dem anderen, und spätestens dann brauche jeder mechatronische Teilprozess ein eigenes Prozessmanagement.

Wer über die betriebswirtschaftliche Basis der Mechatronik spricht, muss auch die Engineeringkosten im Auge behalten. Dieses Thema fand großes Interesse auf dem dritten Forum. Das ist allerdings nicht verwunderlich, denn in Stuttgart ging es insbesondere um Erfolg durch Mechatronik. Dass Innovation ein Selbstläufer bei der mechatronischen Ausrichtung ist, galt auf allen Foren als selbstverständlich. Explizit diskutiert wurde zum Beispiel über Mechatronik und den Trend zu intelligenten Antrieben.

Innovation & Mechatronik

Die Arbeitsgruppe unter Leitung von Andreas Keiger, ABB, sah unter anderem in der Verkürzung der Inbetriebnahmezeit von vier Monaten auf vier Wochen einen Anstoß für intelligentere Antriebe. Allerdings seien diese nur sinnvoll, wenn diese »Mehrintelligenz dem Anwender zugänglich und verständlich « sei. Denn je intelligenter ein Antrieb sei, desto weniger austauschbar und kompatibel sei er. Das Fazit: »Weniger ist manchmal mehr.«

Wie Innovation in der Mechatronik generiert wird, beschäftigte beim zweiten Forum in Blomberg die Arbeitsgruppe, die Volker Schiek vom Kompetenznetzwerk Mechatronik moderierte. Ein visionärer Lösungsansatz sei es, einen vorhandenen Ansatz solange zu optimieren bis keine weitere Verbesserung mehr möglich scheine. Der Weg aus der ›Sackgasse der Optimierung‹ führe zu dem Versuch, Mechanik durch Software oder Elektronik zu ersetzen oder »elektrische Bauteile mit mechanischer Funktion zu belegen«.

Peter Schäfer

Fakten

• Mechatronik & Ausbildung: Der Mechatroniker, ob ausgebildet oder mit Hochschulabschluss, ist ein ›Schnittstellenspezialist‹ zwischen den Disziplinen. »Während der Ausbildung sollte er ein komplettes Projekt vom Designentwurf bis zum Abschluss betreuen«, forderte ein Forumsteilnehmer.

• Auf dem zweiten Forum Mechatronik in Blomberg wurde über Anforderungen und Wege zur betrieblichen Weiterbildung gesprochen.

• Eine Überlegung zur Aus- und Weiterbildung war: Einen Arbeitskreis von VDMA und ZVEI zur ›Weiterbildung Mechatronik‹ zu gründen. Dieser soll anhand von ›Best-Practice‹-Fällen einen Leitfaden für die Mitgliedsunternehmen beider Verbände erstellen.

• Aber das Wissen um die Mechatronik öffnet nicht nur Türen, eine Arbeitsgruppe hat auf dem zweiten Forum kritisch diskutiert, ob das ›Halbwissen‹ des Mechatronikers für erfolgreiche Servicearbeit ausreicht?

Erschienen in Ausgabe: 01/2007