»Mechatronik verändert Engineering«

Roland Bent - »Unsere Unternehmensmission heißt Innovation«, sagt Roland Bent von Phoenix Contact und beschreibt, wie Kunden aus einem umfassenden Produktprogramm ihre Lösungen zusammenstellen können. Dabei ergänzen Module als mechatronische Einheiten das Komponenten- sowie das Systemgeschäft.

22. Juni 2005

Bent:Unsere Kernkompetenz spiegelt sich in unserem Produktangebot wider. Es deckt die gesamte elektrische Verbindungstechnik, Interface-Technik sowie Automatisierungstechnik und den Überspannungsschutz ab. Unsere besondere Kompetenz liegt dabei in der Kombination von Kunststofftechnologie, Kontakttechnik, Industrieelektronik, Kommunikationstechnik und passender Software. Dieses Know-how-Portfolio in Verbindung mit unserer Kundennähe differenziert uns von anderen Anbietern.

In Sachen Kundennähe versuchen andere sich auch?

Bent:Andere versuchen es sicherlich auch. Die wenigsten sind aber wirklich Komplettanbieter auf dem gesamten Gebiet der Verbindungs-, Interface- und Automatisierungstechnik.

Einer für alles? Probieren Sie hier nicht, wie ein ganz großer deutscher Automatisierungshersteller, das One-Stop-Shopping zu installieren?

Bent:Das ist eine Frage der Dimension, in der man sich bewegt. Wir versuchen das für unser Gebiet zu erreichen. Also für die elektrische Verbindungs- und Interface-Technik sehr breit angelegt und für die Automatisierungstechnik in den Anwendungsgebieten, in denen wir zu Hause sind. Wir erheben nicht den Anspruch, die Steuerungs- oder Automatisierungstechnologie in voller Breite am Markt abzudecken. Das wollen und können wir nicht, denn insbesondere in der Automatisierungstechnik sind wir dort, wo es um komplette Systemlösungen geht, stark auf bestimmte Anwendungsgebiete spezialisiert.

Wie definieren Sie Anspruch eines Komplettanbieters? - Bent:Unter Komplettanbieter verstehen wir, dass wir unserem Kunden für jede Aufgabe in der Verbindungs-, Interface- und Automatisierungstechnik die richtige Lösung anbieten können. Wir können sein Partner in diesem gesamten Bereich sein, im Schaltschrank und außerhalb. Dadurch reduziert sich die Anzahl seiner Ansprechpartner, und das bedeutet erhebliche Kosteneinsparung und Vereinfachung im Beschaffungsprozess. Dieser Anspruch einer Lösung von der Klemme bis hin zur Automatisierungssoftware war eine organisatorische Herausforderung, denn wir decken damit ja ein enorm breites Technologiespektrum ab, und wir müssen uns in punkto Wettbewerb auf unterschiedliche Vermarktungsstrategien einstellen. Deshalb haben wir in unserem Hause eine Business Unit-Organisation geschaffen. Das sind fünf Geschäftsbereiche, von denen vier komponentenorientiert sind, also die elektrische Verbindungstechnik, die Geräteanschlusstechnik, die Interface-Technik und der Überspannungsschutz. Der fünfte Bereich, die Automatisierungstechnik, hat dagegen einen stark systemorientierten Fokus.

Wie hoch ist der Geschäftanteil der Automatisierung gegenüber den Komponenten-Business-Units?

Bent:Grob beziffert erwirtschaften wir mit dem Geschäftsbereich Automatisierungstechnik ungefähr 15 % unseres Umsatzes. Dabei basiert auch hier ein großer Anteil dieses Umsatzes auf dem Komponentengeschäft. Der Systemansatz ist deshalb so wichtig, weil wir fest daran glauben, dass man nur dann gute Komponenten entwickeln und vermarkten kann, wenn man die Applikation versteht. Dieses Applikationsverständnis erreicht man durch den gesamtheitlichen Systemansatz, also über das Arbeiten mit dem Kunden an Systemlösungen. Es besteht so eine enge Wechselwirkung zwischen dem Komponenten- und dem Systemgeschäft. Wer erfolgreiche Systemlösungen anbieten möchte, braucht gute Komponenten, wie umgekehrt das Know-how zur Entwicklung wettbewerbsfähiger Komponenten oft aus Systemlösungen heraus entsteht.

Das heißt, die Trennung zwischen Systemen und Komponenten ist nicht immer so scharf, wie das vielleicht die Business Units suggerieren?

Bent:Richtig, es gibt keine absolute Trennlinie, zumal in unserer Vertriebsorganisation das Produktangebot der Business Units zum Kunden hin gebündelt wird. Für die Automatisierungstechnik ergänzen wir unseren klassischen Außendienst durch zusätzliche, speziell für das Systemgeschäft geschulte Außendienstmitarbeiter sowie durch Applikationsingenieure, die den Kunden besuchen. Aber auch in den anderen Geschäftsbereichen streben wir an, unserm Kunden eine Lösung für seine Anforderungen und Probleme zu bieten. Wir sind keine reinen Katalogverkäufer, sondern setzen stark auf das Verständnis für die Kundenapplikation und die richtige Beratung.

In welcher Phase der Projektentwicklung kommt ein Konstrukteur auf Sie zu? - Bent:Oder kommen wir auf den Konstrukteur zu? Wir begleiten den Kunden in der Regel schon in frühen Phasen von neuen Konstruktionen, neuen Plänen für Anlagen oder von Planungen neuer Produktionsanläufe, z. B. in der Automobilindustrie. Während dieser Phase entsteht oft eine Art Simultaneous Engineering. Wir bringen auf diese Weise unser Know-how ein und stellen gleichzeitig die richtigen Produkte für die jeweils erforderlichen Lösungen zur Verfügung. Die hohe Kunst ist es, frühzeitig mit dem Kunden am Tisch zu sitzen und mit ihm die Lösungen zu entwickeln. Dafür haben wir bestens ausgebildete Mitarbeiter und sind über unseren Außendienst schon frühzeitig im Gespräch mit den Kunden.

Welche Softwareunterstützung für die Elektrokonstruktion stellen Sie zur Verfügung?

Bent:Unser Portfolio enthält zwar keine Elektro-CAD-Software oder Elektroplanungssoftware im klassischen Sinne. Hier arbeiten wir mit kompetenten Anbietern eng zusammen. Wir bieten aber auch eigene Softwaretools an. Das beginnt bereits bei der Produktauswahl. Wir offerieren entsprechende Konfigurations- und Selektionssoftware, die dem Kunden helfen, offline und online mit unserem Elektronik-Katalog die richtigen Produkte auszuwählen sowie die passenden Konfigurationen zu erstellen. Parametrierungssoftware für Geräte, Buskonfiguratoren und Automatisierungssoftware runden das Programm von Phoenix Contact ab.

Haben diese Tools Schnittstellen zu elektrischen und mechanischen CAD-Tools? - Bent:Die Konfigurations- und Produktdaten können direkt in Elektro-CAD-Systeme übernommen werden. Auf der anderen Seite oder am anderen Ende kann, z. B. von Eplan aus, eine direkte Kopplung zu unserer Automatisierungssoftware oder Buskonfigurationssoftware genutzt werden. In dieser Richtung bauen wir unsere Kompetenzen weiter aus und bieten demnächst noch weitere Integrationsmöglichkeiten an.

Welche konkreten Integrationen sind noch denkbar?

Bent:Ich denke zum Beispiel an eine Kopplung der einzelnen Tools untereinander. Konkret ist hier unser »Automation Framework« gemeint - ein gemeinschaftliches Projekt mit der Firma Lenze, die aus Sicht der Antriebstechnik die gleiche Bedürfnislage hat wie Phoenix Contact. Deshalb kooperieren wir und haben als dritten unseren Softwarepartner KW-Software mit ins Boot genommen. Automation Framework ist eine Plattformtechnologie, mit deren Hilfe man unterschiedliche Tools, Planungswerkzeuge, Programmierungs- sowie Parametrierungswerkzeuge integriert und auf eine gemeinsame Datenbasis aufsetzen kann. Das Ganze wird offengelegt, damit es auch andere Hersteller nutzen können. Denn für den Konstrukteur ist wichtig, dass man auch externe Werkzeuge und Elektro-CAD-Systeme integrieren kann. Außerdem lässt sich durch Automation Framework die neue Art des funktionalen Engineerings unterstützen. Dieser Engineering-Ansatz kommt der Modularisierungsbestrebung entgegen und erfüllt den Anspruch, mechatronische Einheiten zu bilden. Zunächst entwickeln wir diese Plattform für unsere eigene Software und unsere eigenen Softwaresuiten. KW-Software wird Automation Framework aber auch am Markt für andere Firmen als Plattformtechnologie anbieten.

Zielt diese Plattformtechnologie in Richtung Softwarekonsolidierung?

Bent:Automation Framework erhebt nicht im ersten Schritt den umfassenden Anspruch der kompletten Integration oder Softwarekonsolidierung von der mechanischen Konstruktion bis hin zur Ersatzteilbestellung, bringt uns diesem Ziel aber ein gutes Stück näher.

AutomationWorx‹ ist eine weitere Plattform. Wie definieren Sie diese neue Marke für Ihre Automatisierungstechnik? - Bent:Unser Programm von automatisierungstechnischen Komponenten und Lösungen umfasst heute eben viel mehr als die reine Feldbustechnik. Früher war der Name unseres Feldbus-Systems ›Interbus‹ als Synonym für das gesamte Programm sicherlich noch ausreichend. Heute würde uns diese Nomen klatur zu eng auf die Kommunikationstechnik beschränken und viele Teile unserer Kompetenz ausblenden. Gerade unser Anspruch einer universellen Kommunikationsplattform hat uns bewogen, den neuen Markennamen zu kreieren. Hinter Automation Worx steht eine hohe Integrationsfähigkeit. Sie ermöglicht es, alle Geräte miteinander zu kombinieren, so dass sie kommunizieren und sich das System in andere Feldbus- und Kommunikationswelten einfach einbinden lässt. In AutomationWorx sehen wir nicht nur eine Marke, sondern auch ein Versprechen an unsere Kunden, dass alle Komponenten miteinander arbeiten und integrierbar sind. Komponenten miteinander arbeiten und integrierbar sind.

Dezentralisierung und Modularisierung macht nicht vor dem Schaltschrank Halt. Sie wollen als Systempartner von Trumpf auch komplette Funktionsmodule für den Schaltschrank anbieten. Wie begründen Sie diesen Schritt? - Bent:Wir glauben, dass sich mit diesem modularen Ansatz der Schaltschrankbau gerade im Serienmaschinenbereich verändern wird. Die Resonanz auf der SPS/IPC/DRIVES hat gezeigt, dass dieses Thema für viele hochinteressant und auch für andere Maschinenbauer tragfähig ist. Dieser mechatronische Ansatz im Schaltschrankbau ist der Anfang einer Entwicklung, die langfristig zu einer grundlegenden Veränderung des Engineerings und des Baus von Schaltschränken führen wird.

Welche Auswirkungen erwarten Sie für die Schaltschrankkonstruktion und die Software-Welt?

Bent:Die Modularisierung wird das Engineering verändern. Sobald sich der Engineering-Ansatz verändert, müssen sich auch die CAD-Werkzeuge dementsprechend anpassen. Alle diese Trends laufen in Richtung des funktionalen Engineerings. Das heißt, der Kunde kann alle Engineering-Funktionen, die auf dieses Modul zutreffen, anwenden und entsprechend der Funktionalität abspeichern. Dieses Ziel können wir mit dem ›Automation Framework‹ erreichen, aus dieser Perspektive passt der modulare Schaltschranks genau zum Softwareansatz Automation Framework.

Bisher haben Sie hauptsächlich Komponenten für den Schaltschrankbau geliefert und werden nun zum Modullieferanten. Welche Folgen hat das für Sie?

Bent:Wir werden auch weiterhin Komponenten für den Schaltschrankbau, aber auch für Schaltschrankmodule liefern. Zusätzlich werden wir auch komplette Funktionsmodule anbieten. Für uns sind diese kompletten Schaltschrankmodule eine Fortsetzung dessen, womit wir heute schon im Interface-Bereich Erfolg haben. Dort bieten wir Funktionsmodule rund um die Steuerungsperipherie an. Aus unserer Sicht ist das ein notwendiger Schritt, der unserer Philosophie entspricht. Denn wer gute Komponenten entwickeln und vermarkten will, muss, wie schon gesagt, auch die Applikationen kennen und das Umfeld verstehen. Dazu muss er mit dem Kunden an dessen Lösungen arbeiten und das heißt in diesem Fall dann auch, komplette Module anzubieten. Dadurch werden wir im Sinne der Wechselwirkung zwischen System- und Komponentengeschäft intensiver ins Lösungsgeschäft eingebunden.

Hat der Aspekt der mechatronischen Einheiten negative Auswirkungen auf das Komponentengeschäft?

Bent:Solch eine Veränderung hat dann negative Auswirkungen, wenn man sie nicht annimmt oder sie nicht mitgestaltet. Die Tendenz zu mechatronischen Einheiten halte ich für eine entscheidend positive Entwicklung. Dahinter steckt ein hohes Rationalisierungspotenzial für unsere Maschinen- und Anlagenbauer. Dieses Potenzial wird genutzt werden, also wird sich dieser Trend weiter verstärken. Er hat natürlich Auswirkungen auf unsere Komponenten. Denkbar wäre zum Beispiel eine Verschiebung der Interface-Technik, also der Elektronik, hin zu Anbietern von mechanischen Baugruppen.Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass die Modularisierung und Miniaturisierung der Elektronikkomponenten eher zu einer sinnvollen Konstellation unserer Baugruppen mit mechanischen Lösungen führen wird. Ich glaube nicht, dass Mechanikanbieter diese Aufgabe übernehmen werden. Andererseits, und dies ist ein weiterer wichtiger Trend, führt die Modularisierung oder Mechatroisierung dazu, dass die Elektronikbaugruppen ständig intelligenter werden und immer mehr Funktionalität bekommen. In dieser Hinsicht sind wir mit unserer breiten Aufstellung als Anbieter von Verbindungstechnik, Elektronik, Automatisierungstechnik und Software genau richtig positioniert. Diese Herausforderung haben wir schon länger aufgenommen, schließlich bringen wir immer mehr Intelligenz in unsere Baugruppen, wie z. B. in dezentrale, modulare Temperaturregler, mit denen man vor Ort einen kleinen Teilprozess regeln und steuern kann.

Gibt es in dieser Hinsicht weitere Allianzen, die Phoenix Contact anstrebt, um den mechatronischen Strang zu stärken?

Bent:Wir haben durchaus Kontakte und Verbindungen zu eher mechanisch orientierten Herstellern, um in erster Linie eine optimale Anbindung und Verbindung unserer Komponenten zu den mechanischen Baugruppen zu bieten. Von geplanten Allianzen kann ich jetzt noch nicht reden, aber eine enge Zusammenarbeit ist in Zukunft durchaus denkbar.

Erschienen in Ausgabe: 01/2004