„Mechatronisch denken“

Horst R. König - Auf mechatronische Systeme und Komponenten sind die vier mittelständischen süddeutschen Unternehmen spezialisiert, die zur EBE Group gehören. Mechatronik ist für Horst R. König, den geschäftsführenden Gesellschafter der Gruppe, ein Markenzeichen, das nicht jeder verdient.

15. September 2005

Horst R. König hat die EBE Group im letzten Jahr um ein viertes Unternehmen erweitert. Für ihn ist das keine Flucht nach vorn in unsicherer wirtschaftlicher Lage. Die hat er in den Neunzigern angetreten als er sich zum Management Buy-out entschloss und EBE von den damaligen englischen Eigentümern übernahm. »Damals standen wir mit dem Unternehmen vor einer schwierigen wirtschaftlichen Situation: Selbst die Konstruktionsabteilung war ausgegliedert worden. Der Turnaround war dann ein gutes Stück harte Arbeit, auch wenn wir mit unserem erweiterten Produktprogramm eine solide Grundlage dafür geschaffen hatten«, erinnert sich König. Die Ender Electronic wurde im vergangenen Jahr in einen rundum gesunden Unternehmensverbund integriert. Mit Ender bekam die Gruppe einen eigenen EMS-Provider. Ein Electronic Manufacturing Service Provider stellt als Dienstleister Know-how bereit und verstärkt Produktionsressourcen dort, wo die Auftragslage es erfordert.

Vorrang für deutschen Standort

Den inländischen Standort hat sich Horst König gründlich überlegt: »Wie die meisten mittelständischen Leistungsträger der deutschen Wirtschaft entwickeln und produzieren wir hier Hochtechnologie. Gerade auf dem Feld der Mechatronik brauchen wir - technologisch bedingt - eine hohe Fertigungstiefe, um international an der Spitze zu bleiben. Nur so können wir schnellstmöglich auf Marktanforderungen reagieren und dabei dennoch unser Qualitätsniveau sichern.« Outsourcing kam für ihn nicht in Frage. »Mit Kollegen im eigenen Haus lässt sich fast jedes komplexere Problem kurzfristiger lösen als mit externen Partnern. Zudem können wir mit wenig Aufwand interdisziplinäre Projektteams aus Mitarbeitern unterschiedlicher Unternehmen in der Gruppe bilden.« Mechanik, Elektromechanik, Elektronik und intelligente Programmierung sind in seinem Hause eng verzahnt - vom ersten Planungsstadium bis zur Fertigung. Für König erschöpft sich Mechatronik nicht darin, dass jemand Teilkomponenten, die früher ein Mechaniker, ein Elektronik-Spezialist und ein Programmierer installiert haben, in Eigenregie zusammenfügt. »Mit dem Know-how aus mehreren Disziplinen, über das ein gut ausgebildeter Mechatroniker verfügt, geraten neue Lösungen in Reichweite, wenn alle Elemente eines Systems vom einfachsten mechanischen Teil bis zur hardwarenahen Software durchgängig aufeinander abgestimmt sind.«

Mechatronik auf einem Blick

Für Horst König ist ein mechatronisches System oft schon auf den ersten Blick an der Bauweise zu erkennen. »Im Prinzip ist das meiste, was sich problemlos wieder auseinander nehmen und säuberlich in mechanische, elektronische und Software-Bestandteile zerlegen lässt, keine Mechatronik reinsten Wassers. Systeme und Komponenten, die tatsächlich das volle Potenzial der Mechatronik verwirklichen, bieten erst hochgradig integrierte Entwicklungen, die Spezialisten wie wir eben nicht nur neu konzipieren, sondern komplett selbst implementieren. Sie fallen dann gewöhnlich nicht nur kompakter aus, sondern zugleich auch flexibler, leistungsfähiger und deutlich kostengünstiger als konventionelle Konfigurationen.« Als Beispiel einer ausgereiften mechatronischen Lösung sieht König die Crash-aktive Kopfstütze von Magenta, dem Unternehmen in seinem Verbund, das elektromagnetische Baugruppen zum Rasten, Verriegeln, Halten und Schalten produziert: »Diese ist einerseits eine Konstruktion, bei der alle Elemente harmonisch in einer kompakten Einheit zusammenspielen, und außerdem ein Komplettpaket, da wir neben der Aktuator-Einheit auch die Sensorik und die Ansteuerung, sprich ein geschlossenes mechatronisches System liefern.« Mechatronikentwicklung ist für König von Beginn an ganzheitliches und zielorientiertes Denken und Planen. »Am Anfang stand hier nur die Zielvorgabe, dass die Kopfstütze eines neuen Autositzes bei einem Aufprall innerhalb von Millisekunden ein Stück vorklappen sollte. Die Fahrzeuginsassen sollten dadurch vor Überbelastungen der Halswirbelsäule, dem Schleudertrauma, geschützt werden.« Für die Entwicklung der Lösung arbeiteten seine Ingenieure eng mit dem Sitzhersteller zusammen und hatten bei den technologischen Details freie Hand, solange Rücksicht auf die Abläufe in der Fertigung genommen wurde. Die Anforderungen an die Kopfstütze sind anspruchsvoll. Das System muss extrem schnell reagieren, und es darf niemals versehentlich auslösen. Außerdem muss es reversibel sein: Der Autofahrer soll es - anders als einen Airbag - nach der Auslösung wieder zurückstellen können. »Für das Halte- und Auslösesystem haben wir deshalb einen bistabilen Elektrohaftmagneten verwendet «. Bei normaler Fahrt hält ein Permanentmagnet die mit Federn vorgespannte Kopfstütze stromlos und in der normalen Position. Erst beim Unfall löst ein Beschleunigungssensor einen Stromimpuls aus, der ein elektromagnetisches Feld generiert - das den Magneten innerhalb von 0,007 s neutralisiert. So wird die Haltemechanik gelöst, die Kopfstütze federt nach vorn und fängt den Kopf eines Passagiers in der Rückwärtsbewegung nach dem Aufprall ab. Zur mechatronischen Lösung wird die Kopfstütze nicht zuletzt durch den Einfallsreichtum der Ingenieure, angefangen beim Konzept, das System von einer Grundposition der Stütze in der sicheren Stellung her zu sehen, und diesen Entwurf dann zu implementieren. Für die Reaktionsgeschwindigkeit des mechatronischen Systems war das der entscheidende Ansatz. »Mitbewerber haben es andersherum versucht, eine vergleichbar schnelle Lösung aber nicht anbieten können.«

Peter Schäfer

ZUR PERSON

Dipl.-Ing. Horst R. König studierte Physikalischen Technik und absolvierte ein betriebswirtschaftliches Aufbaustudium. Sein erster Arbeitgeber war Honeywell, wo er bis in die Direktion aufstieg. Später wechselte er als Geschäftsführer zu Omron, von dort dann in gleicher Funktion zum anglo-amerikanischen Lucas-Konzern nach Stuttgart. 1992 verließ unter seiner Führung die damalige Lucas EBE per Management Buy-out den Konzernverbund: Mit der neuen EBE GmbH legte er den Grundstein für die EBE Group.

Erschienen in Ausgabe: 06/2005