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Indien – Als das »I« der BRIC-Staaten sorgt Indien als Wirtschaftsstandort schon seit Längerem für Aufsehen. Aber ist das Land wirklich ein gelobtes auch für deutsche Unternehmen?

22. September 2012

Indien, der immer noch geheimnisvolle Subkontinent, strahlt für viele ein orientales Flair aus, dem sie nicht widerstehen können. In der Zauberwelt des Taj Mahal, in den Glamourwelten von Bollywood oder an den Palmenstränden von Goa sieht sich wohl jeder gern. Vor dem inneren Auge erscheinen Kühe in den Innenstädten und Badende im Ganges. Aber es gibt auch den Wirtschaftsstandort Indien, das Land ist schon seit geraumer Zeit im Visier internationaler Unternehmen.

Sehr früh ist Lapp auf dem indischen Subkontinent angekommen. Vorstand Andreas Lapp: »Schon meine Eltern knüpften erste Geschäftskontakte und auch ich reiste als junger Mann nach Indien und war sofort fasziniert. Darum investierten wir ganz bewusst 1995 für rund zehn Millionen Euro in ein neues Werk in Bangalore und nicht wie alle anderen in China. Dabei hat auch eine Rolle gespielt, dass Indien eine Demokratie ist.« Für Lapp war die Entscheidung zukunftsweisend, denn Lapp India wächst im Schnitt um 30 Prozent pro Jahr.

Im Bangalore produziert Lapp nur für den indischen Markt. »Lapp India ist mit seinen integrierten Lösungen und Markenprodukten für Kabel- und Verbindungstechnik einer der führenden Zulieferer der indischen Industrie« freut sich Andreas Lapp, »darunter Autobauer, Ölfirmen, Maschinenbauer oder die Schiffsindustrie. Wir gelten dort als Pionier für Anschlusslösungen.«

Jetzt entsteht ein zweites Werk in Bhopal, mit dem Lapp die gestiegene Nachfrage am indischen Markt decken möchte. »Die größte Nachfrage herrscht nach unseren Ölflex-Leitungen für den Maschinen- und Anlagenbau. Wir produzieren pro Jahr rund 100.000 Kilometer davon.« Im neuen Werk sollen vor allem halogenfreie und flammwidrige Leitungen sowie Einzeladern entstehen.

Essenziell ist es für Andreas Lapp, den Markt zu kennen. »Das Wachstum der indischen Industrie hat sich abgeschwächt, das eröffnet Chancen.« Die Wirtschaft leide unter der Inflation und den zahlreichen steuerlichen Hemmnissen. »Zudem bieten viele lokale Anbieter noch nicht die Qualität, die die Industrie bei Leitungen verlangt. Wir sind vor Ort und bieten Lapp-Markenqualität.«

Am Herzen liegt ihm der Respekt gegenüber der indischen Kultur. »Wir pflegen einen familiären Stil und haben für die Mitarbeiter einen eigenen Hindu-Tempel gespendet und bei wichtigen Ereignissen wie einer Grundsteinlegung ist immer ein Priester dabei.«

Indien braucht dringend eine starke Infrastruktur und nachhaltige Städte. Derzeit bekommen die Metropolen die Last des Fortschritts besonders stark zu spüren. »Ich denke dabei an ein optimiertes Verkehrsnetz und besser erschlossene Industriegebiete«, erklärt der Geschäftsführer. »Dafür brauchen wir aber vor allem die Unterstützung der indischen Regierung.«

Rekordjahr

Bonfiglioli hat in Indien 2011 ein Rekordjahr erlebt und Photovoltaikanlagen mit 185 Megawatt bereitgestellter Leistung ausgerüstet. Damit kann das italienische Familienunternehmen einen Marktanteil von 30 Prozent für sich verbuchen. »Der indische Markt ist einer der interessantesten«, erklärt Massimo Sarti, General Manager für die Business Unit Regenerative & Photovoltaic, »sowohl was das potenzielle Wachstums betrifft als auch die zunehmende Sensibilität für erneuerbare Energien. Wir versuchen, unser hohes technologisches Niveau mit den lokalen Besonderheiten des indischen Markts zu verknüpfen.«

Bonfiglioli kann ein fein verzweigtes Netz für Photovoltaikanlagen mit spezialisierten regionalen Büros und einer engmaschigen Service-Organisation sowie eine im Land verankerte Geschäftsstruktur anbieten. Ein wichtiges Argument ist die Zuverlässigkeit der Anlagen. Massimo Sarti: »Einer unserer wichtigsten indischen Kunden ist mit Installationen auch in Europa oder den USA vertreten. Darum ist er froh, mit unseren Frequenzumrichtern eine Verfügbarkeit von 99,7 Prozent erreichen zu können.«

Ihre sechste Produktionsstätte baut Schmersal derzeit im indischen Ranjangaon bei Pune. Auf 20.000 Quadratmetern entsteht ein Werk mit 4.000 Quadratmetern Produktions- und Lagerfläche, in dem Schmersal Sicherheitsschaltgeräte und Aufzugschaltgeräte für den indischen Markt herstellt. Auch für Geschäftsführer Philip Schmersal ist der indische Markt bedeutsam: »Es gibt viele gut ausgebildete Fachkräfte, die Exportquote steigt und das Bewusstsein für Maschinensicherheit wächst. Allerdings ist auch der Kostendruck hoch. Durch die lokale Produktion können wir günstiger fertigen, weil Importzölle entfallen. Die große Nachfrage nach unseren Produkten rechtfertigt das Investment in ein eigenes Werk.«

Schmersal investiert rund 8,7 Millionen Euro in die neue Produktionsstätte, die anfangs etwa 25 Mitarbeiter beschäftigen wird. Im zweiten Jahr soll diese Anzahl schon verdoppelt werden, darüber hinaus sind fünf bis sechs weitere Vertriebsbüros geplant und das lokale Händlernetzwerk soll in der nächsten Zeit deutlich wachsen.

In Indien lassen sich noch Großaufträge an Land ziehen. Das hat auch ABB erfahren, denn das Unternehmen erhielt von NTPC Limited, dem größten Energieversorger Indiens, den Zuschlag für den Bau von zwei Unterstationen in Höhe von rund 33 Millionen US-Dollar. »Mit diesen Unterstationen wird die notwendige Übertragungs- und Verteilungsinfrastruktur geschaffen, um die Kapazität zu erhöhen und dem wachsenden Energiebedarf in der Region Maharashtra gerecht zu werden«, sagt Brice Koch, Leiter der Division Energietechniksysteme bei ABB. »Darüber hinaus werden die Netzstabilität und die Zuverlässigkeit der Stromversorgung verbessert.« Das ist auch dringend notwendig, denkt man an die flächendeckenden Stromausfälle, die weite Teile Indiens in letzter Zeit lahmgelegt haben.

Zu einem boomenden Wirtschaftsstandort gehören aber auch boomende Messen wie die Automation Expo 2012 in Mumbai, auf der über 600 einheimische und internationale Aussteller Komponenten und Systeme für die Automatisierung präsentierten. Darunter befanden sich Siemens, Pepperl+Fuchs, Wago, Danfoss, Camozzi, Lapp, Turck oder Festo, die mit der Messe eine Plattform vorfinden, um neues Geschäftspotenzial zu generieren, das unternehmerische Brand zu festigen und ihre Produkte zu präsentieren.

»Indien hat den richtigen Mix an Prozessindustrien, der für das gesamte Spektrum der Automatisierungskomponenten und -systeme sehr gute Wachstumsmöglichkeiten bietet«, kommentiert Dr. Gunther Kegel, Geschäftsführer von Pepperl+Fuchs.

Achtung bei Exporten

Um Exporte nach Indien geht es in einem 10-Punkte-Plan des Kreditversicherers Atradius. Generell sei das Land ein zunehmend attraktiver Markt für deutsche Exporteure, heißt es darin, die Exporte nach Indien legten in den ersten vier Monaten 2012 um fünf Prozent zu, während die deutschen Ausfuhren in die Eurozone stagnierten.

Die Essenz fasst Arun Soundarajan, Country Manager von Atradius in Indien, zusammen: »In einem so großen und komplexen Land wie dem unsrigen gibt es keine einfachen Lösungen, es kommt auf ein differenziertes Vorgehen an.« Um nicht zu scheitern, sollten ausländische Lieferanten sich gut vorbereiten. »Es ist hilfreich, sich mit den demografischen und kulturellen Gegebenheiten vertraut machen und vor allem viel Geduld und Vertrauen aufzubringen.«

Dazu gehört auch, dass sich die meisten indischen Firmen in Familienbesitz befinden und es keine echte Trennung zwischen Eigentümer und Geschäftsführung gebe und meist die Gründer bestimmen. Daher ist es ratsam, so Soundarajan, das Mitspracherecht der indischen Familienmitglieder zu verstehen und zu berücksichtigen. Beachteten dies einstiegswillige Unternehmen, böte Indien nicht nur großen Konzernen, sondern auch kleinen und mittelständischen Unternehmen vielfältige Chancen.

Wichtig sei auch, sich mit den indischen Devisenbestimmungen auseinanderzusetzen, sonst gibt es böse Überraschungen.

Erschienen in Ausgabe: 07/2012