"Mehrwert um unseren Namen herum"

Universal Robots

Helmut Schmid – In der Leichtbaurobotik und der Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) hat sich Universal Robots als einer der Marktführer etabliert. Helmut Schmid, neuer Verantwortlicher für die DACH-Region und Benelux, erzählt, wie es dazu kam und welche Maßnahmen das Unternehmen zur Sicherung der Position ergreift.

17. August 2016

Herr Schmid, wie haben Sie sich bei Universal Robots eingelebt, was fasziniert Sie persönlich an dem Unternehmen, und wo wollen Sie hin?

Was mich rückblickend über die letzten fünf Monate beschäftigt hat, lässt sich in drei Phasen einteilen: Die erste ist das tatsächliche Verstehen des Produktes und des Unternehmens, als zweites durfte ich Vertrieb, Absatzkanäle und Strukturen kennenlernen, und die dritte umfasste die Positionierung in den Regionen Deutschland, Österreich, Schweiz und Benelux, für die ich verantwortlich bin.

Dies alles ist noch spannender und aufregender, als ich es mir persönlich vorgestellt habe. Wir befinden uns in einem hoch innovativen Automationsumfeld, in dem Robotik und unsere Produkte eine herausragende Rolle spielen. Es ist schön und macht Spaß, dass das Thema unter dem Standpunkt Industrie 4.0 sehr positiv belegt ist.

Und es macht Spaß, den Drive und das Engagement von Universal Robots zu spüren, denn das Unternehmen hat immer noch den Spirit eines Start-ups, auch wenn wir bereits seit sieben Jahren erfolgreich verkaufen. Ich spüre viel Geschwindigkeit in den Prozessen und Entscheidungen. Der Umgang miteinander ist inspirierend und von hohem Tempo geprägt. Wir haben eine tolle, ambitionierte Mannschaft, und es ist schön, etwas vorwärts zu bringen.

Hier spielt sicher auch die skandinavische Herkunft hinein, das äußert sich in der Lockerheit des Unternehmens und auch im schlichten, aber sehr zweckmäßigen Design – sowohl in der Technologie als auch in der Optik unserer Produkte. Es ist Universal Robots gelungen, als Start-up eine neue Nische und Branche in der Mensch-Roboter-Kollaboration zu entwickeln.

Aber wie unterscheiden sich die Leichtbaumodule von Universal Robots von den zahlreichen anderen Produkten im Markt?

Unser heutiges Alleinstellungsmerkmal liegt in der sehr einfachen und intuitiven Programmierung und Bedienung unserer Roboter. Der Anwender kann alle drei Modelle im sogenannten Teach-Modus schnell und unkompliziert programmieren. Dem Roboterarm werden dabei die einzelnen Wegpunkte, die er anfahren soll, Schritt für Schritt gezeigt. Dabei führt der Programmierer den Arm per Hand an die einzelnen Punkte, die über ein Touchpad gespeichert werden. Das ist heute nach wie vor unser Haupt-USP, neben dem, dass wir preislich attraktiv positioniert sind.

Ein zweites einzigartiges Angebot ist die ganz neue Plattform Universal Robots+. Entwickler von jungen oder etablierten Herstellern finden hier eine Plattform, auf der sie Ideen umsetzen können, was sich in die UR-Roboter integrieren lässt, wie zum Beispiel Greifer- oder Visionssysteme. Sie erhalten dazu nach der Anmeldung eine kostenlose Community-Schnittstelle und können sich ein spezielles Software-Development-Kit herunterladen.

Mit Universal Robots+ schaffen wir auch einen Showroom, der zeigt, welche Vielzahl an Applikationen unsere Module aufnehmen können. Ein Webshop ist das nicht, wir stellen nur die Plattform zum Vermarkten zur Verfügung. Endkunden können zwar Teile bestellen, wir leiten dann aber direkt zum entsprechenden Vertriebspartner oder Integrator weiter. Ganz wichtig ist es zudem zu zeigen, welche Anwendungen wir bedienen können, damit der Kunde sich zum Beispiel für eine Schweiß- oder Schraubanwendung die passenden Tools heraussuchen kann. Das geht ab sofort über Universal Robots+. Bei den dort präsentierten Plug-&-play-Lösungen ist alles integriert, Greifer oder Kameras lassen sich direkt über das UR-Touchpanel mitbedienen. Ich bin mir sicher, dass wir damit ein schönes Mehrwertpaket zum Thema MRK anbieten können. Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt bereits 20 Anwendungen online.

Sie können also Ihre Leistungsfähigkeit vorstellen und erhalten zudem Feedback von den Kunden?

Über unsere +YOU Community können sich Entwickler online unterhalten, auch mit den Entwicklern von Universal Robots. Ein neues Unternehmen möchte zum Beispiel einen Sauger entwickeln, dann können deren Entwickler mit unseren über die Plattform kommunizieren und passende Schnittstellen festlegen. Wir stellen auch Roboter zum Testen zur Verfügung. Sobald die Entwicklung steht, verifizieren wir das komplette Produkt, damit es unseren hohen Qualitätsanforderungen entspricht. Anschließend wird es auf Universal Robots+ vermarktet, hierbei kann der Hersteller auf das komplette Kundennetzwerk von Universal Robots zugreifen.

Das klingt verdächtig nach Industrie 4.0 und Vernetzung. Was können Ihre Produkte in der Hinsicht leisten?

Wir können einen großen Beitrag zu Industrie 4.0 oder Arbeit 4.0 leisten, wenn es um die Entlastung der Arbeitskraft hinsichtlich ergonomischer Erleichterungen geht.

Über die MRK-Einbindung versuchen wir nach einer entsprechenden Risikobewertung in die Arbeitswelt der Menschen einzugreifen. Wir wollen ihr Umfeld verbessern, das häufig stressig, gefährlich oder schmutzig ist. Außerdem können Maschinenanbieter über unsere Schnittstellen die vernetzten Produkte auch in andere Maschinen oder komplette Fertigungslinien integrieren.

Der MRK-Gedanke greift ja immer weiter um sich, und häufig sind in den Anwendungen UR-Roboterarme zu finden.

Stimmt. Esben H. Østergaard, einer unserer Gründer, hat das Thema schon vor fünf Jahren angerissen, war damals aber damit allein auf weiter Flur und wurde belächelt. Heute wundert er sich, dass viele Mitbewerber das Thema erst jetzt aufnehmen, fühlt sich aber auch bestätigt, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Wir befinden uns immer noch in einer kleinen Nische, aber die Aufmerksamkeit ist gewaltig. Und für jeden Mitarbeiter ist das eine Motivation, mit einem Unternehmen unterwegs zu sein, das tolle Produkte hat, wächst und vorausschauend handelt.

Sie sind mit diesem Trend also gewachsen und auf einmal eine Art Vorreiter.

Ja, sogar die großen Hersteller sehen uns im MRK-Segment als Marktführer. Das ist doch super. Wie gesagt, vor fünf Jahren hielten viele unsere kleinen Roboter noch für Kinderspielzeug. Heute denkt die Welt da wesentlich anders. Es wird sich noch zeigen, wie groß der Markt wirklich ist, aber alle sind auf das Thema aufgesprungen, es ist in jeder Munde, viele arbeiten damit. Das zeigt, dass der Trend gesetzt ist und wir auf einem guten und richtigen Weg sind.

Auch die Komponentenhersteller präsentieren jetzt MRK-fähige Produkte, ein gutes Beispiel sind speziell befähigte Greifersysteme. Somit ergibt sich für den Anwender eine komplette Integration. Am Ende ist nicht nur unser Roboterarm, sondern auch das daran angebrachte Werkzeug entscheidend, weil es das jeweilige Werkstück sowie Sicherheitsaspekte berücksichtigt. Das gesamte Umfeld muss mitgehen, und darum haben wir mit Universal Robots+ auch eine geeignete Schnittstelle geschaffen, um für solche Komponenten die richtigen Lösungen zu haben.

Welche Ideen haben Sie noch in der Hinterhand, wo kann die MRK-Reise hingehen?

Wir wollen erst einmal an unserem Produktportfolio UR3, UR5 und UR10 festhalten, wobei die Zahl für die Traglast steht. Wir arbeiten aber ständig daran, die Module hinsichtlich Kosten, Leistungsfähigkeit, Qualität, Dauerlauf, Bedienung und Haptik stetig zu verbessern. Durch diese kontinuierliche Verbesserung des Produktes werden wir die Vorteile für unsere Kunden immer weiter ausbauen.

Das Thema Leichtbaurobotik wird sich irgendwann auf natürliche Art und Weise physikalisch beschränken. Ein 20-Kilogramm-Roboter kann zwar MRK-fähig sein, aber er ist dann aus unserer Sicht kein Leichtbauroboter mehr und in der Beweglichkeit deutlich eingeschränkt. Unser größtes Modell UR10 wiegt jetzt schon 29 Kilo, er ist zwar noch sehr mobil, aber hier sehen wir eine Obergrenze. Wir bekennen uns aber ganz klar zur Leichtbaurobotik und schaffen dann lieber mit Zusatzangeboten wie dem Entwickler-Programm +YOU einen Mehrwert um unseren Namen herum.

Wahrscheinlich ist Ihre neue Mutter Teradyne auch zufrieden über diese Entwicklung ...

Ich denke schon. Die Verantwortlichen dort sehen, dass ihre Erwartungen in der Umsetzung sind und dass Universal Robots seine Eigenständigkeit sowie, wie bereits erwähnt, den Drive und Spirit eines Start-ups bewahren kann. Es ist auch nicht die Zielsetzung, Universal Robots komplett zu integrieren und dem Unternehmen damit die Kreativität und Schnelligkeit zu nehmen. Wir sollen ein wichtiger Brand des Konzerns werden und erfahren dazu alle Unterstützung. Auf der anderen Seite sind wir dadurch gefordert und daher sehr bemüht, zu wachsen und auch die Internationalisierung voranzutreiben – interessanterweise eben gerade durch gezielte Regionalisierung, damit wir immer nahe am Kunden sind. Es wird vor allem in Westeuropa neue Niederlassungen sowie Service- und Trainingscenter geben, und die +YOU Community soll weiter wachsen. Dafür ist Teradyne bereit, große Investitionen zu bewilligen.

Sie sind ja der neue Geschäftsführer für die DACH-Region. Welche Bedeutung hat diese innerhalb des Unternehmens?

Bei Universal Robots ist die Aufteilung vergleichbar wie weltweit in der Industrierobotik auch. Das heißt, es gibt drei große Kernmärkte: China, USA und der deutschsprachige Raum. Auch die drei größten Branchen sind mit der Automobil- und Automobilzulieferindustrie, der Elektronik und dem allgemeinen Maschinenbau überall ziemlich identisch.

Im Bereich der MRK fokussieren wir uns dabei nicht so sehr auf die großen Player, sondern gehen über die Breite auf kleinere Unternehmen und den Mittelstand zu. Hier haben wir dann eine Vielzahl von Branchen zu bedienen. Für die Region Westeuropa ist Deutschland der Treiber und darum lautet unsere erste Zielsetzung, die Anteile hier weiter zu verbessern und die Kunden intensiver zu betreuen. Einer der Hauptwachstumsfaktoren in der Zukunft wird für UR aber mit Sicherheit China sein.

Durch Ihre bisherigen Erfahrungen und Erfolge scheinen Sie dieser Herausforderung aber gewachsen zu sein.

Ja, wir haben das alles schon durchgestanden, zwar in einer anderen Größenordnung, aber wir sehen den Herausforderungen ziemlich entspannt entgegen, weil es bei uns bis jetzt hervorragend funktioniert hat. Das war ein guter Prozess, und ich denke, dass es in Zukunft, je nachdem, was beim Wettbewerb passiert, um ähnliche Prozesse geht.

In China wird sich sicher noch einiges tun. Neben der generellen Marktentwicklung werden wir es weiterhin mit kopierten Produkten zu tun haben, die zu anderen Preisen und zu anderen Qualitätsanforderungen auftauchen. Hier sehe ich ein großes Fragezeichen und viele Probleme. Wir haben es immer wieder mit ganz konkreten Fällen, vor allem auf Messen wie jüngst auf der Automatica, zu tun. Außer einer anderen Farbe war das Produkt den unsrigen sehr ähnlich. Die Hemmschwelle ist da sehr niedrig, und darum müssen wir sehr wachsam sein.

Vita Helmut Schmid

- Seit Februar 2016 als General Manager Western Europe bei Universal Robots. Verantwortung für den Ausbau der Kernmärkte DACH und Benelux.

- Ziele: Erweiterung der Marktpräsenz, Ausbau von Serviceleistungen und Produkttrainings, kontinuierliche Erweiterung des UR-Teams.

- Langjährige Erfahrungen im Führen von Vertriebs- und Geschäftsbereichen.

- Gelernter Diplom-Ingenieur (FH), danach Statio-nen als Applikationsingenieur bei Denso Automotive und als Geschäftsführer bei Webasto Schweiz, zuletzt Direktor bei der Webasto Thermo & Comfort.

- Auslandsaufenthalte: USA, Japan, Schweiz.

Erschienen in Ausgabe: 06/2016